„Das Porträt wurde vor vielen Jahren in Auftrag gegeben. Ihre Mutter wollte, dass es eines Tages für Sie angefertigt wird. Sie hatte dem Künstler ein Foto von Ihnen gegeben, als Sie noch sehr jung waren. Er sollte sich vorstellen, wie Sie als Erwachsene aussehen könnten.“

Ich sah wieder zur Wand.

Das erklärte die Ähnlichkeit – aber nicht, warum das Bild in seinem Schlafzimmer hing.

Richard deutete auf den Brief.

„Ihre Mutter hat mich gebeten, das Porträt aufzubewahren. Sie wollte, dass Sie es eines Tages bekommen, wenn Sie alt genug sind, um die Wahrheit zu erfahren.“

„Welche Wahrheit?“

Er schwieg.

Dann sagte er:

„Dass Ihr Vater möglicherweise noch lebt.“

Ich sprang beinahe vom Stuhl auf.

„Was?“

Miriam sah Richard sofort an.

„Sie sollten sich jetzt wirklich ausruhen.“

Doch er schüttelte den Kopf.

„Ich weiß, wie das klingt. Aber ich habe vor wenigen Wochen eine Nachricht erhalten. Jemand behauptete, Thomas Berger sei nicht gestorben, sondern habe damals unter einem anderen Namen gelebt.“

Ich konnte kaum atmen.

„Meine Mutter hat mir erzählt, er sei bei einem Unfall ums Leben gekommen.“

„Das habe ich auch geglaubt. Bis ich diese Unterlagen bekam.“

Er öffnete die Mappe und zeigte mir eine Kopie eines alten Dokuments.

Es handelte sich um einen Eintrag aus einem Krankenhausarchiv. Der Name des Patienten war teilweise unleserlich. Doch darunter stand ein Datum, das ich sofort erkannte.

Es war der Tag, an dem meine Mutter mir immer gesagt hatte, mein Vater sei gestorben.

„Wer hat Ihnen das geschickt?“, fragte ich.

Richard schüttelte den Kopf.

„Der Brief war anonym. Es gab keine Absenderadresse. Nur eine Telefonnummer, die inzwischen nicht mehr erreichbar ist.“

Ich blickte auf das Dokument.

„Und warum haben Sie mich nicht gesucht?“

„Ich habe es versucht. Aber ich wusste nicht, wo Sie leben. Ihre Mutter hatte nach ihrem Weggang ihren Nachnamen geändert. Erst vor einigen Monaten fand ich heraus, dass Sie Krankenschwester geworden sind.“

Ich musste mich an der Tischkante festhalten.

„Wie?“

Richard deutete auf eine weitere Fotografie.

Darauf war ich zu sehen, vor mehreren Jahren, bei einer Veranstaltung des Krankenhauses. Ich trug meine damalige Dienstkleidung und stand neben anderen Pflegekräften.

„Jemand hat mir dieses Foto geschickt“, sagte er. „Danach habe ich herausgefunden, wo Sie arbeiten.“

„Sie haben mich beobachten lassen?“

Er senkte den Blick.

„Ich wollte Sie nicht erschrecken. Ich wollte nur sicher sein, dass ich mich nicht irre.“

Ich war erschüttert.

Ein fremder Millionär hatte mein Leben verfolgt, mein Bild in seinem Schlafzimmer aufgehängt und offenbar auf diesen Tag gewartet.

„Das ist nicht normal“, sagte ich leise. „Sie hätten mich kontaktieren können. Sie hätten mir einen Brief schreiben können.“

„Sie haben recht.“

Zum ersten Mal wirkte Richard nicht wie ein Mann, der gewohnt war, dass andere seinen Wünschen folgten.

Er wirkte wie jemand, der einen großen Fehler gemacht hatte.

Miriam trat näher.

„Elena, wir müssen jetzt los. Der Patient ist medizinisch versorgt, und die Übergabe ist abgeschlossen.“

Ich nickte.

Doch als ich die Mappe zurücklegen wollte, fiel ein kleiner Umschlag heraus.

Auf der Vorderseite stand in der Handschrift meiner Mutter:

**„Für meine Tochter Elena – erst öffnen, wenn sie die Wahrheit über ihren Vater erfahren hat.“**

Ich erstarrte.

„Woher haben Sie diesen Brief?“

Richard sah den Umschlag an.

„Er lag zusammen mit dem Porträt in einer versiegelten Kiste. Ich habe ihn nie geöffnet. Ihre Mutter hatte ausdrücklich darum gebeten, dass nur Sie ihn lesen.“

Ich nahm den Umschlag.

Meine Hände zitterten so sehr, dass ich ihn kaum halten konnte.

„Warum haben Sie ihn mir nicht früher gegeben?“

„Weil ich Sie erst finden musste.“

Ich wollte gehen. Ich wollte nach Hause, mich hinsetzen und versuchen, all das zu verstehen.

Doch bevor ich die Tür erreichte, hörte ich Richards Stimme.

„Elena, warten Sie.“

Ich drehte mich um.

„Was noch?“

Er sah mich mit einem Ausdruck an, den ich nie vergessen werde.

„Es gibt einen zweiten Grund, warum ich Sie heute unbedingt sehen wollte.“

„Welchen?“

„Die Person, die mir den anonymen Brief geschickt hat, hat gestern erneut angerufen.“

Ich spürte, wie mir kalt wurde.

„Was hat sie gesagt?“

Richard schluckte.

„Sie behauptete, Ihr Vater wisse längst, dass Sie leben. Und dass er seit Jahren versucht, Sie zu finden.“

Ich starrte ihn an.

„Warum sollte er mich suchen?“

Richard blickte zur Tür, als fürchte er, jemand könnte mithören.

Dann sagte er:

„Weil er glaubt, dass Ihre Mutter ihm damals etwas genommen hat. Etwas, das nicht nur Ihr Leben, sondern auch das unserer gesamten Familie verändert hat.“

Ich verließ die Villa mit dem Umschlag in meiner Tasche.

Während der Fahrt zurück zur Rettungswache sagte ich kaum ein Wort. Miriam fragte mehrfach, ob ich Hilfe brauche. Ich versicherte ihr, dass ich in Sicherheit sei, aber dass ich Zeit brauche, um die Nachricht zu verarbeiten.

Am Abend saß ich allein an meinem Küchentisch.

Vor mir lag der Brief meiner Mutter.

Ich öffnete ihn vorsichtig.