# TEIL 2: 

Das Mädchen ließ die Schüssel beinahe fallen.

Das Tier stand nur wenige Schritte von ihr entfernt. Sein mächtiger Körper füllte fast den gesamten Schuppen aus. Es hob den Kopf, öffnete kurz das Maul und stieß einen tiefen Laut aus.

Lena wich erschrocken zurück.

„Du bist kein Hund … oder?“, flüsterte sie.

In diesem Moment geschah etwas, womit sie überhaupt nicht gerechnet hatte.

Das Tier senkte den Kopf und schob seine große Schnauze vorsichtig in Richtung ihrer Hand. Dann gab es einen leisen, klagenden Laut von sich.

Lena erstarrte.

Sie hatte Angst. Aber sie bemerkte auch, dass das Tier nicht auf sie zustürmte. Es wirkte erschöpft, verwirrt und möglicherweise verletzt.

Plötzlich fiel ihr etwas auf: An seinem linken Vorderbein klebte ein dunkler Streifen, und zwischen den dichten Haaren schimmerte etwas Metallisches.

Sie wollte genauer hinsehen, doch das Tier hob sofort den Kopf.

Lena trat wieder zurück.

„Schon gut. Ich komme nicht näher.“

Sie stellte die Schüssel mit Wasser langsam auf den Boden und verließ den Schuppen. Erst draußen bemerkte sie, wie sehr ihre Hände zitterten.

Dann rief sie ihre Mutter an.

### Eine Entdeckung, die niemand erwartet hatte

„Mama, du musst sofort kommen!“

„Was ist passiert?“

„Das Tier aus dem Fluss … Ich glaube, es ist kein Hund.“

Ihre Mutter fragte nicht weiter. Sie forderte Lena auf, draußen zu bleiben und das Tier nicht anzufassen. Dann verständigte sie eine örtliche Wildtierstation.

Als sie wenige Minuten später am Schuppen ankam, blieb sie ebenfalls überrascht stehen.

„Mein Gott …“

Das Tier hatte sich inzwischen auf das Heu gelegt. Seine goldenen Augen waren halb geschlossen, doch es beobachtete jede Bewegung.

Lenas Mutter holte ihr Handy hervor und machte aus sicherer Entfernung ein Foto.

„Wir müssen herausfinden, was das ist. Niemand geht hinein, verstanden?“

Lena nickte.

„Ich wollte ihm nur Wasser bringen.“

Ihre Mutter legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter.

„Du wolltest helfen. Das war gut gemeint. Aber bei einem unbekannten Wildtier müssen wir vorsichtig sein.“

Kurz darauf traf ein Mitarbeiter der Wildtierstation ein. Er betrachtete das Foto und wurde sofort ernst.

„Das sieht nach einem jungen Wolf aus.“

Lena riss die Augen auf.

„Ein Wolf?“

Der Mann nickte.

„Möglicherweise ein Wolf oder ein wolfsähnlicher Wildhund. Wir müssen das aus sicherer Entfernung überprüfen.“

### Warum war das Tier allein?

Die Mitarbeiterin der Wildtierstation, Dr. Weber, traf wenig später ein.

Sie beobachtete das Tier durch eine Kamera und untersuchte die Situation, ohne es unnötig zu beunruhigen.

„Es ist wahrscheinlich noch jung“, erklärte sie. „Es könnte durch die Strömung abgetrieben worden sein. Wir müssen herausfinden, ob es verletzt ist und woher es kommt.“

Dann entdeckte sie das Metallstück am Vorderbein.

„Moment mal …“

Sie vergrößerte das Bild auf ihrem Bildschirm.

Um das Bein lag ein alter, beschädigter Kennzeichnungsring.

„Das ist ungewöhnlich“, sagte sie.

Lenas Mutter fragte:

„Was bedeutet das?“

„Es könnte darauf hindeuten, dass das Tier bereits einmal von Fachleuten erfasst wurde. Wir müssen die Nummer überprüfen.“

Dr. Weber bat ihre Kollegen, die Umgebung abzusuchen und mögliche Hinweise auf den Herkunftsort des Tieres zu sammeln.

Lena hörte aufmerksam zu.

„Heißt das, jemand hat ihn schon einmal gefunden?“

„Das wissen wir noch nicht“, antwortete die Tierärztin. „Aber wir werden es herausfinden.“

### Die Nummer auf dem Ring

Am frühen Abend kam ein Mitarbeiter mit einer Nachricht zurück.

Er hatte die Nummer auf dem Kennzeichnungsring fotografiert und mit den vorhandenen Unterlagen abgeglichen.

Als Dr. Weber das Ergebnis las, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck.

„Das kann doch nicht sein.“

Lenas Mutter sah sie fragend an.

„Was haben Sie gefunden?“

Die Tierärztin drehte den Bildschirm zu ihr.

Dort war ein älteres Foto zu sehen. Es zeigte dasselbe Tier, allerdings deutlich kleiner. Neben ihm stand ein zweiter Wolf.

Unter dem Bild befand sich ein Eintrag:

**Wildtierstation Nordwald – Jungtier 07 – zuletzt vor mehreren Wochen erfasst.**

„Das Tier stammt offenbar aus einem überwachten Gebiet“, erklärte Dr. Weber. „Es wurde gemeinsam mit einem weiteren Jungtier beobachtet. Danach verloren die Forscher den Kontakt zu beiden.“

Lena sah auf das Foto.

„Und wo ist der andere?“

Dr. Weber antwortete zunächst nicht.

Dann sagte sie:

„Genau das müssen wir herausfinden.“

### Ein Geräusch in der Nacht

Die Tierretter bereiteten alles für eine sichere Versorgung und einen späteren Transport vor.

Lena sollte längst im Haus sein. Doch bevor sie hineinging, blickte sie noch einmal zum Schuppen.

Da hörte sie aus Richtung des Waldes ein kurzes Heulen.

Das Tier im Schuppen hob sofort den Kopf.

Es richtete sich auf, ging zur Tür und lauschte.

Dann antwortete es mit einem tiefen Laut.

Lena bekam eine Gänsehaut.

„Mama?“

Ihre Mutter kam zur Tür.

„Was ist denn?“

„Hast du das gehört?“

Beide blickten zum dunklen Waldrand.

Ein zweites Heulen erklang.

Diesmal war es deutlicher.

Dr. Weber, die gerade ihre Unterlagen zusammenpackte, drehte sich sofort um.

„Alle bleiben bitte im Haus oder bei den Einsatzkräften. Niemand geht in den Wald.“