Er öffnete Schubladen, sortierte Papierstapel und überprüfte alte Umschläge.
Zunächst fand er nichts Ungewöhnliches.
Doch in einer kleinen Schachtel, in der Emilia wichtige Unterlagen aufbewahrte, entdeckte er einen Briefumschlag ohne Briefmarke.
Auf der Vorderseite stand sein Name.
Daniel setzte sich.
Er erkannte Emilias Handschrift sofort.
Mit zitternden Fingern öffnete er den Umschlag.
Mein lieber Daniel,
falls du diesen Brief jemals findest, bedeutet das wahrscheinlich, dass ich nicht die Gelegenheit hatte, dir alles persönlich zu erklären.
Daniel hielt inne.
Emilia hatte den Brief offenbar lange vor ihrem Unfall geschrieben. Das Datum auf dem Papier lag fast zwei Monate zurück.
Er las weiter.
Vor einigen Wochen ist mir etwas Merkwürdiges passiert. Einer meiner ehemaligen Schüler, Tobias, hat mich nach dem Unterricht um Hilfe gebeten. Sein Vater arbeitet bei einer großen Baufirma, und zu Hause scheint es große Probleme zu geben.
Ich weiß nicht genau, was dort vor sich geht. Tobias hat mir nur erzählt, dass sein Vater Angst habe, weil er Unterlagen entdeckt habe, die nicht stimmen. Ich habe ihm geraten, sich an einen Anwalt oder eine zuständige Behörde zu wenden.
Ich wollte dir davon erzählen, aber ich wollte nicht, dass du dir unnötige Sorgen machst. Vielleicht war es nur ein Missverständnis.
Daniel legte den Brief auf den Tisch.
Tobias.
Er erinnerte sich an den Namen. Emilia hatte häufig von ihren Schülern erzählt, doch sie hatte nie erwähnt, dass einer von ihnen in eine Angelegenheit dieser Größenordnung verwickelt war.
Er las den Brief zu Ende.
Wenn ich eines gelernt habe, dann, dass Menschen manchmal schweigen, weil sie Angst haben. Ich hoffe, dass Tobias und seine Familie die Hilfe bekommen, die sie brauchen.
In Liebe, Emilia.
Daniel saß lange regungslos da.
Seine Frau hatte also tatsächlich eine Verbindung zu einem Menschen gehabt, der möglicherweise etwas über den Betrug wusste.
Aber hatte diese Verbindung etwas mit ihrem Unfall zu tun?
Oder war es nur ein zufälliger Zusammenhang, den die Ermittler überprüfen mussten?
Daniel wusste, dass er keine voreiligen Schlüsse ziehen durfte.
Er fotografierte den Brief und rief die Ermittlerin an.
### Die Spur führt zur Baufirma
Am nächsten Morgen trafen sich Daniel und Ermittlerin Keller erneut.
Sie las den Brief aufmerksam durch und bat darum, das Original für die Untersuchung mitzunehmen.
„Wir werden überprüfen, ob Tobias Weber kennt und ob zwischen seinem Vater und dem verschwundenen Buchhalter eine Verbindung besteht“, sagte sie.
„Glauben Sie, dass Emilia in Gefahr war?“
„Das können wir derzeit nicht sagen. Der Brief allein beweist das nicht. Aber er gibt uns einen neuen Ansatz.“
In den folgenden Tagen befragte die Polizei mehrere Mitarbeiter des Bauunternehmens. Dabei stellte sich heraus, dass Markus Weber tatsächlich Unregelmäßigkeiten in den Firmenunterlagen entdeckt hatte.
Es ging um Rechnungen für Bauprojekte, die entweder nie durchgeführt worden waren oder deren Kosten künstlich erhöht worden waren. Über mehrere Jahre hinweg waren beträchtliche Geldsummen auf Konten verschiedener Scheinfirmen überwiesen worden.
Weber hatte begonnen, Beweise zu sammeln.
Einige Tage vor seinem Verschwinden hatte er seinem Vorgesetzten mitgeteilt, dass er die Angelegenheit nicht länger vertuschen wolle.
Danach hatte er das Unternehmen verlassen.
Seine Kollegen berichteten, dass er zunehmend nervös gewesen sei. Er hatte sich geweigert, allein zu reisen, und mehrfach erwähnt, dass jemand seine E-Mails kontrolliere.
Die Ermittler fanden außerdem heraus, dass ein leitender Mitarbeiter der Baufirma Kontakte zu jener Transportfirma unterhielt, die den verdächtigen Lieferwagen besaß.
Damit verdichtete sich der Verdacht, dass die beiden Fälle miteinander verbunden waren.
Doch es fehlte weiterhin ein entscheidender Beweis.
Wer hatte den Sarg manipuliert?
Wer hatte die zweite Leiche transportiert?
Und wer wusste, dass Emilias Beerdigung den perfekten Zeitpunkt für einen solchen Versuch bot?
### Der entscheidende Hinweis
Eine Woche später erhielt die Polizei einen anonymen Hinweis.
Ein ehemaliger Mitarbeiter des Bestattungsunternehmens meldete sich und erklärte, dass ihm am Abend vor Emilias Beerdigung etwas ungewöhnlich vorgekommen sei.
Er habe einen Kollegen gesehen, der spätabends einen verschlossenen Transportbehälter in einen Nebenraum gebracht hatte. Als er nach dem Inhalt fragte, sei ihm gesagt worden, es handle sich um zusätzliches Material für eine andere Trauerfeier.
Der Mitarbeiter hatte zunächst geschwiegen, weil er Angst um seinen Arbeitsplatz gehabt hatte.
Doch nachdem er in den Nachrichten von dem Fund erfahren hatte, hielt er es nicht länger aus.
Die Polizei überprüfte seine Aussage und verglich sie mit den Dienstplänen sowie den vorhandenen Zugangsdaten des Gebäudes.
Dabei stellte sich heraus, dass ein Mitarbeiter tatsächlich außerhalb seiner regulären Arbeitszeit Zugang zu dem Bereich gehabt hatte, in dem Emilias Sarg vorbereitet worden war.
Als die Ermittler ihn befragten, verstrickte er sich in Widersprüche.
Zunächst behauptete er, an jenem Abend gar nicht im Gebäude gewesen zu sein. Dann sagte er, er habe lediglich eine Lieferung entgegengenommen. Schließlich gab er zu, gegen Bezahlung einen zusätzlichen Transport organisiert zu haben.
Er behauptete jedoch, den genauen Inhalt des Behälters nicht gekannt zu haben.
Ob das stimmte, mussten weitere Ermittlungen klären.
Der Mann nannte den Namen eines Auftraggebers.
Popular Posts
→- 1
- 2
- 3
- 4
Recently Viewed
Stories you read recently will appear here.



