Niemand kannte die Antwort.
Wenige Minuten später traf die Polizei auf dem Friedhof ein.
Das Gebiet wurde umgehend abgesperrt.
Die Beerdigung wurde unterbrochen.
Die Ermittler begannen, Dokumente zu prüfen, Mitarbeiter des Bestattungsunternehmens zu befragen und den Lieferweg des Sarges nachzuverfolgen.
Ein paar Tage später kam etwas noch Schockierenderes ans Licht.
Der unbekannte Mann entpuppte sich als ehemaliger Buchhalter eines großen Bauunternehmens.
Er war einige Tage zuvor spurlos verschwunden.
Laut den Ermittlern hatte er geplant, der Staatsanwaltschaft Dokumente zu übergeben, die einen groß angelegten Finanzbetrug innerhalb des Unternehmens aufdecken würden.
Danach hat ihn niemand mehr gesehen.
Die Ermittlungen ergaben schnell, dass der Sarg über eine Briefkastenfirma transportiert worden war, die mit gefälschten Dokumenten registriert war.
Die Ermittler kamen zu dem Schluss, dass die Kriminellen Emilias familiäre Tragödie ausgenutzt hatten.
Während ihre Angehörigen mit der Organisation der Beerdigung und der Bewältigung ihres verheerenden Verlustes beschäftigt waren, hatte jemand beschlossen, die Beerdigung zu nutzen, um die Leiche eines Mannes zu verstecken, der der Hauptzeuge in einem wichtigen Kriminalfall hätte werden können.
Die Verbrecher waren überzeugt, dass niemand jemals den Inhalt eines versiegelten Sarges vor der Beerdigung untersuchen würde.
Sie glaubten, das Grab würde alle Spuren für immer verbergen.
Doch die Ermittler hatten noch nicht die wichtigste Frage beantwortet: Wer hatte den zweiten Leichnam in Emilias Sarg versteckt – und warum hatte ausgerechnet ihre Beerdigung dafür herhalten müssen?
Drei Tage nach dem schockierenden Fund erhielt Daniel einen Anruf von der Polizei.
„Herr Daniel, wir müssen Sie noch einmal sprechen. Wir haben etwas gefunden, das möglicherweise mit Ihrer Frau zusammenhängt.“
Daniel spürte, wie sich sein Magen zusammenzog.
Seit der Beerdigung hatte er kaum geschlafen. Immer wieder sah er vor seinem inneren Auge den Moment, in dem der Sarg geöffnet worden war. Er hatte geglaubt, seiner Frau einen würdevollen Abschied zu bereiten. Stattdessen war ihre letzte Ruhe zum Schauplatz eines Verbrechens geworden.
Am nächsten Morgen erschien er auf der Polizeiwache.
Eine Ermittlerin namens Keller empfing ihn und führte ihn in einen kleinen Besprechungsraum. Auf dem Tisch lagen mehrere Fotografien, Dokumente und Ausdrucke aus Überwachungskameras.
„Wir haben inzwischen die Lieferkette des Sarges rekonstruiert“, begann sie. „Die Bestattungsunterlagen Ihrer Frau wurden tatsächlich verwendet, um eine zweite, nicht genehmigte Lieferung zu verschleiern.“
Daniel starrte sie an.
„Aber wer wusste überhaupt, wann meine Frau beerdigt werden sollte?“
„Genau das versuchen wir herauszufinden.“
Die Ermittlerin legte ein Foto auf den Tisch. Es zeigte einen dunklen Lieferwagen, der am Abend vor der Beerdigung auf dem Gelände des Bestattungsunternehmens gestanden hatte.
„Der Wagen gehört offiziell einer Transportfirma, die erst vor wenigen Monaten gegründet wurde. Die Firma existiert praktisch nur auf dem Papier.“
„Und was hat das mit Emilia zu tun?“
„Wir glauben, dass jemand die Unterlagen Ihrer Frau gezielt benutzt hat. Noch wissen wir nicht, ob jemand aus dem Bestattungsunternehmen beteiligt war oder ob die Täter sich Zugang zu den Dokumenten verschafft haben.“
Daniel fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht.
„Emilia hatte mit diesen Leuten nichts zu tun. Sie war Lehrerin. Sie kümmerte sich um ihre Schüler und ihre Familie. Warum sollte jemand ihren Namen für so etwas benutzen?“
Die Ermittlerin schwieg einen Moment.
„Möglicherweise gerade deshalb, weil niemand vermuten würde, dass eine gewöhnliche Beerdigung mit einem großen Wirtschaftsskandal zusammenhängt.“
Dann zeigte sie ihm ein weiteres Foto.
Es zeigte den verschwundenen Buchhalter, dessen Leichnam unter Emilias Körper gefunden worden war.
Sein Name war Markus Weber.
Daniel kannte ihn nicht.
Doch als die Ermittlerin den nächsten Satz aussprach, veränderte sich seine Miene.
„Herr Weber hatte wenige Tage vor seinem Verschwinden versucht, Kontakt zu einer Journalistin aufzunehmen. Er wollte Unterlagen über einen mutmaßlichen Betrugsfall übergeben.“
„Und was hat das mit Emilia zu tun?“
„Das wissen wir noch nicht. Aber auf seinem Computer haben wir eine Nachricht gefunden, die am Tag vor seinem Verschwinden versendet wurde.“
Die Ermittlerin schob Daniel einen Ausdruck hin.
Die Nachricht enthielt nur wenige Zeilen:
„Wenn mir etwas zustößt, sucht nach den Unterlagen, die ich nicht mit ins Büro genommen habe. Die Wahrheit liegt nicht dort, wo sie alle vermuten.“
Daniel las die Worte zweimal.
Dann schüttelte er den Kopf.
„Das ergibt keinen Sinn.“
„Vielleicht noch nicht“, antwortete die Ermittlerin. „Aber wir haben Grund zu der Annahme, dass Weber wusste, dass er beobachtet wurde.“
Sie bat Daniel, sich zu melden, falls ihm in den letzten Wochen etwas Ungewöhnliches aufgefallen sei.
Er verließ die Polizeiwache mit mehr Fragen als zuvor.
Und als er am Abend nach Hause kam, beschloss er, Emilias persönliche Unterlagen noch einmal durchzusehen.
Nicht, weil er glaubte, seine Frau habe etwas mit dem Verbrechen zu tun.
Sondern weil er hoffte, wenigstens einen Hinweis darauf zu finden, warum jemand ihren Namen für ein solches Verbrechen missbraucht hatte.
### Ein Brief, den Emilia nie abgeschickt hatte
Daniel begann im Arbeitszimmer.
Emilia hatte dort ihre Bücher, alte Schulhefte und persönliche Dokumente aufbewahrt. Auf dem Schreibtisch lagen noch einige Notizzettel, die sie vor ihrem Tod bearbeitet hatte.
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