Wenn er etwas tun konnte, dann sollte es ihr ermöglichen, selbst Entscheidungen zu treffen.

Doch bevor er einen weiteren Schritt unternehmen konnte, klingelte sein Telefon.

Eine unbekannte Nummer.

„Hallo?“

„Mr. Brooks?“, fragte eine Frau vorsichtig. „Mein Name ist Claire Whitmore. Ich hoffe, ich störe Sie nicht.“

Nathaniel richtete sich auf.

„Nein, überhaupt nicht. Ist alles in Ordnung?“

„Ja. Den Kindern geht es gut. Ich wollte mich nur noch einmal bedanken.“

Er lächelte.

„Das ist nicht nötig.“

„Ich weiß. Aber Ellie hat heute Morgen etwas für Sie gemalt. Sie hat gesagt, Sie seien ein Mann, der Menschen hilft, und sie wollte Ihnen ein Bild schenken.“

Nathaniel spürte, wie sich etwas in seiner Brust löste.

„Das ist sehr freundlich von ihr.“

„Sie hat darauf bestanden, dass ich frage, ob wir es Ihnen vorbeibringen dürfen. Ich wollte aber nicht einfach bei Ihnen auftauchen.“

Er blickte auf seinen Kalender.

„Ich bin heute Nachmittag im Büro. Wenn es für Sie passt, können Sie kurz vorbeikommen. Ich kann Ihnen die Adresse schicken.“

Claire zögerte.

„Sind Sie sicher?“

„Ja.“

„Dann danke ich Ihnen.“

Als er auflegte, musste Nathaniel lächeln.

Es war ein kleines Lächeln, aber es fühlte sich anders an als die höflichen Gesichtsausdrücke, die er bei Geschäftstreffen trug.

Zum ersten Mal seit langer Zeit freute er sich auf etwas, das sich nicht in Zahlen ausdrücken ließ.

## Teil 4: Ein unerwarteter Besucher

Am Nachmittag saß Nathaniel an seinem Schreibtisch, als seine Assistentin ihn über die Gegensprechanlage informierte.

„Mr. Brooks, Claire Whitmore ist hier. Sie hat ihre beiden Töchter dabei.“

Er stand sofort auf.

„Bitte führen Sie sie herein.“

Als die Tür geöffnet wurde, trat Claire mit Rosie auf dem Arm in das Büro. Ellie hielt eine gefaltete Zeichnung an ihre Brust gedrückt.

„Guten Tag“, sagte Claire. „Ich hoffe, wir stören nicht.“

„Überhaupt nicht. Kommen Sie herein.“

Ellie lief vorsichtig zu seinem Schreibtisch.

„Ich habe Ihnen ein Bild gemalt.“

„Das freut mich sehr.“

Sie entfaltete das Blatt.

Darauf war ein großes Haus mit vielen Fenstern zu sehen. Vor dem Haus standen drei Figuren: eine Frau, ein kleines Mädchen und ein Baby. Daneben war ein Mann gezeichnet, der eine Einkaufstüte in der Hand hielt.

Über dem Haus schwebte eine gelbe Sonne.

Nathaniel betrachtete das Bild lange.

„Das ist wunderschön, Ellie. Darf ich fragen, wer die Menschen sind?“

Sie zeigte auf die Frau.

„Das ist Mama.“

Dann auf das kleine Mädchen.

„Das bin ich.“

Sie deutete auf das Baby.

„Und das ist Rosie. Sie kann noch nicht richtig laufen, aber sie versucht es immer.“

Nathaniel lachte leise.

„Und wer ist der Mann?“

Ellie lächelte.

„Das sind Sie. Mama hat gesagt, Sie haben uns geholfen, als wir keine Babynahrung kaufen konnten.“

Nathaniel spürte, wie ihm die Kehle eng wurde.

Er hatte im Laufe seines Lebens zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Er hatte Einladungen zu Wohltätigkeitsveranstaltungen bekommen, auf denen sein Name auf großen Tafeln stand. Er hatte Spenden übergeben und dabei vor Kameras gestanden.

Doch keine dieser Auszeichnungen hatte sich so bedeutungsvoll angefühlt wie dieses einfache Bild.

„Vielen Dank“, sagte er. „Ich werde es aufhängen.“

Ellie strahlte.

Claire wirkte erleichtert.

„Sie hat die ganze Zeit darüber gesprochen. Ich hoffe, sie hat Sie nicht überrumpelt.“

„Ganz und gar nicht.“

Nathaniel bat sie, Platz zu nehmen, und ließ Wasser für Claire bringen. Er fragte nach den Mädchen, aber nicht auf eine Weise, die Claire das Gefühl gab, sich rechtfertigen zu müssen.

Sie erzählte ihm, dass Ellie gern Bilder malte und Rosie inzwischen versuchte, sich an Möbeln hochzuziehen.

Dann sprach Nathaniel vorsichtig die Liste an, die Rebecca für ihn zusammengestellt hatte.

„Ich habe mich nach örtlichen Hilfsangeboten erkundigt“, sagte er. „Es gibt eine Organisation, die Eltern bei der Kinderbetreuung und der Rückkehr in den Beruf unterstützt. Sie können sich dort beraten lassen, wenn Sie möchten.“

Claire blickte ihn aufmerksam an.

„Warum tun Sie das?“

Er antwortete nicht sofort.

„Weil ich gesehen habe, wie schwer Sie es haben. Und weil ich helfen kann, ohne Ihnen etwas dafür abzuverlangen.“

„Aber Sie kennen mich kaum.“

„Das stimmt.“

„Sie wissen nicht, ob ich zuverlässig bin oder ob ich überhaupt eine gute Mitarbeiterin wäre. Sie wissen nicht, warum ich in dieser Lage bin.“

„Nein“, sagte Nathaniel. „Deshalb möchte ich Ihnen auch keine Versprechen machen, die ich nicht halten kann. Ich kann Ihnen Informationen geben. Ich kann Ihnen helfen, Möglichkeiten zu finden. Was Sie damit machen, entscheiden Sie selbst.“

Claire sah auf ihre Hände.

„Ich möchte arbeiten. Ich möchte nicht für immer von anderen abhängig sein.“

„Dann sollten wir einen Weg finden, wie Sie wieder anfangen können.“

Sie sah ihn überrascht an.

„Wir?“

Nathaniel lächelte.

„Wenn Sie möchten.“

Für einen Moment schien Claire nicht zu wissen, was sie sagen sollte.

Dann nickte sie langsam.

„Ja. Das möchte ich.“

Und in diesem kleinen Büro, zwischen einem Stapel Verträge und einer Kinderzeichnung mit einer gelben Sonne, begann eine Freundschaft, die keiner von beiden geplant hatte.