Ein Haus, das das Lachen vergessen hatte
Draußen glitzerte der Regen über den fast leeren Parkplatz, und Nathaniel bemerkte, wie Claire ihr Baby, die Hand ihrer Tochter und mehrere Einkaufstüten balancierte, als sie sich auf den Weg zur überdachten Bushaltestelle hinter dem Einkaufszentrum machte.
Er bot ihnen eine Mitfahrgelegenheit an, doch Claire lehnte ab, bis Ellie so herzhaft gähnte, dass sie beinahe das Gleichgewicht verlor.
Schon damals bestand Claire darauf, dass die Kinder sicher reisen konnten, und Nathaniel half dabei, eine Fahrt mit einem örtlichen Fahrdienst zu organisieren, der mit geeigneten Kindersitzen ausgestattet war. Anschließend fuhr er mit seinem eigenen Fahrzeug und den Einkäufen hinterher.
Während der kurzen Fahrt sprach Claire vorsichtig über ihre Umstände und erklärte, dass Rosie fast fünf Monate alt sei, Ellie vor kurzem drei Jahre alt geworden sei und der Vater der Mädchen gegangen sei, bevor das jüngere Kind geboren wurde.
## Teil 2: Die Tür, die sich seit Jahren nicht mehr geöffnet hatte
„Er ist gegangen, bevor Rosie geboren wurde?“, fragte Nathaniel vorsichtig.
Claire blickte aus dem Fenster des Fahrzeugs. Die Straßenlaternen zogen als verschwommene goldene Streifen an ihnen vorbei, während der Regen gegen die Scheiben trommelte.
„Ja“, antwortete sie. „Anfangs sagte er, er brauche nur etwas Zeit. Dann beantwortete er meine Anrufe nicht mehr. Schließlich änderte er seine Telefonnummer.“
Sie sprach ohne Bitterkeit, beinahe so, als hätte sie die Geschichte schon so oft erzählt, dass sie ihre schlimmsten Teile auswendig kannte.
„Ich dachte, er würde zurückkommen, wenn das Baby da wäre. Ich dachte, vielleicht würde er Rosie sehen und verstehen, dass wir eine Familie sind.“
Nathaniel sagte nichts.
„Aber er kam nicht.“
Ellie saß auf der Rückbank in ihrem Kindersitz und hielt eine kleine Stoffkatze fest. Sie war eingeschlafen, den Kopf zur Seite geneigt, während Claire immer wieder nach hinten sah, um sich zu vergewissern, dass ihre Tochter sicher angeschnallt war.
Rosie dagegen war wach. Sie bewegte ihre kleinen Hände und gab gelegentlich ein leises Geräusch von sich, als würde sie sich über die fremde Umgebung beschweren.
„Ich habe versucht, Arbeit zu finden“, fuhr Claire fort. „Vor Rosies Geburt hatte ich eine Stelle in einer Zahnarztpraxis. Aber als ich nach der Entbindung zurückkehren wollte, hatten sie meine Stelle bereits neu besetzt. Mit zwei kleinen Kindern und ohne verlässliche Betreuung war es schwierig, etwas Neues zu finden.“
„Haben Sie Familie in der Nähe?“
Claire schüttelte den Kopf.
„Meine Mutter ist vor drei Jahren gestorben. Zu meinem Vater habe ich seit langer Zeit keinen Kontakt mehr. Ich habe eine Weile bei einer Freundin gewohnt, aber sie ist vor kurzem selbst umgezogen. Jetzt miete ich ein kleines Zimmer bei einer älteren Dame.“
Sie machte eine kurze Pause.
„Ich will nicht, dass Sie denken, ich würde mich nicht bemühen. Ich schreibe Bewerbungen, ich suche nach Betreuung, ich nehme jede Arbeit an, die sich mit den Kindern vereinbaren lässt. Aber manchmal reicht es einfach nicht.“
„Das habe ich nicht gedacht“, sagte Nathaniel.
Und er meinte es.
Er hatte Menschen gekannt, die Geld verloren hatten, Unternehmen, die zusammengebrochen waren, und Geschäftspartner, die nach einer einzigen schlechten Entscheidung alles neu aufbauen mussten. Doch die Schwierigkeiten, von denen Claire sprach, waren anders. Sie konnte nicht einfach einen weiteren Mitarbeiter einstellen oder ein Problem mit einer Überweisung lösen.
Ihre Zeit war begrenzt. Ihre Möglichkeiten waren begrenzt. Und jeden Abend musste sie entscheiden, welche Bedürfnisse zuerst erfüllt werden konnten.
Nathaniel blickte auf Rosie, die gerade eingeschlafen war.
Er erinnerte sich an Margaret.
An die kleinen gestrickten Babyschuhe, die sie einmal in einem Schaufenster entdeckt hatte. An die Namen, die sie während ihrer gemeinsamen Jahre auf kleine Zettel geschrieben hatte. An die Art, wie sie manchmal stehen geblieben war, wenn sie ein junges Elternpaar mit einem Kinderwagen sah.
Sie hatten beide Kinder gewollt.
Nach mehreren Jahren voller Untersuchungen und enttäuschender Nachrichten hatte Margaret schließlich gesagt, sie könnten auch ohne eigene Kinder ein erfülltes Leben führen. Nathaniel hatte ihr zugestimmt, weil er sie liebte. Doch tief in seinem Inneren war ein Teil dieser Hoffnung nie ganz verschwunden.
Nach ihrem Tod hatte er die Babyschuhe in einer Schublade aufbewahrt.
Er hatte sich eingeredet, dass er sie irgendwann weggeben würde.
Stattdessen waren sie neunzehn Monate lang dort geblieben.
„Wir sind gleich da“, sagte der Fahrer.
Claire richtete sich auf und sah aus dem Fenster.
„Danke, dass Sie uns nach Hause bringen. Das wäre wirklich nicht nötig gewesen.“
„Es ist kein Problem.“
Sie zögerte.
„Und danke für die Babynahrung. Ich weiß, dass ich das schon gesagt habe, aber …“
Ihre Stimme versagte kurz.
„Heute war ein schwieriger Tag.“
Nathaniel nickte.
„Dann hoffe ich, dass morgen ein besserer wird.“
Als das Fahrzeug vor einem schmalen Backsteinhaus hielt, stieg Nathaniel aus und nahm die Einkaufstüten. Claire wollte protestieren, doch er hatte sie bereits zur Haustür getragen.
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