Anselmo betrachtete sie mit offenem Erstaunen.
„Woher weißt du das alles?“
Aurelia zog ihren Mantel enger um sich.
„Weil ich einmal einen Winter erlebt habe, in dem niemand vorbereitet war.“
Mehr sagte sie nicht.
Die Männer arbeiteten im strömenden Regen. Sie entfernten Äste, lösten verstopfte Stellen und öffneten den alten Graben Stück für Stück. Elías arbeitete selbst mit, bis seine Hände schmerzten und der Schlamm ihm bis über die Knöchel reichte.
Nach fast einer Stunde begann sich der Wasserstrom zu verändern.
Ein Teil des Wassers floss nun entlang des Grabens in Richtung der tiefer gelegenen Weide, statt direkt gegen die Scheunenwand zu drücken.
Die Gefahr war nicht vorbei, aber der Druck ließ nach.
Anselmo kehrte zum Haus zurück und stützte sich erschöpft gegen den Türrahmen.
„Die Wand hält“, sagte er.
Elías schloss für einen Augenblick die Augen.
Er hatte die Scheune gebaut, als Lucía noch lebte. Er hatte dort die ersten Werkzeuge seines Vaters aufbewahrt und später die Wiege für seine Kinder repariert. Der Gedanke, sie in dieser Nacht zu verlieren, hatte ihn mehr erschreckt, als er zugeben wollte.
Er sah Aurelia an.
Sie stand am Herd und trocknete ihre Hände mit einem alten Tuch. Ihre Kleidung war feucht, ihr Gesicht blass vor Erschöpfung, doch sie kümmerte sich bereits darum, den Männern heißen Kaffee und trockene Decken zu geben.
„Du hättest das Haus nicht verlassen müssen“, sagte er.
Aurelia sah auf.
„Die Ranch ist dein Zuhause. Und im Moment sind wir alle hier.“
Er wollte ihr danken.
Doch die Worte kamen ihm nicht über die Lippen.
Stattdessen ging er zu den Kindern.
Elena schlief tief und fest. Mateo hatte sich in seine Decke eingerollt und bewegte im Schlaf die kleinen Hände.
Elías beugte sich über ihre Wiege.
Zum ersten Mal seit Monaten hatte er nicht das Gefühl, dass er alles allein tragen musste.
Der Sturm tobte weiter.
Am Morgen war die Welt verschwunden.
Schnee bedeckte die Dächer, die Zäune und die Felder. Der Regen war in der Nacht in Schnee übergegangen, und der Wind hatte gewaltige Verwehungen rund um die Gebäude aufgetürmt.
Der Weg nach San Lorenzo war nicht mehr zu erkennen.
Die Ranch war vollständig abgeschnitten.
Als Elías nach draußen trat, sah er sofort, dass der Stall die Nacht überstanden hatte. Der alte Entwässerungsgraben war teilweise wieder zugeschneit, aber die Scheunenwand stand noch. Die meisten Tiere befanden sich in den geschützten Gehegen.
Doch die Freude hielt nur kurz an.
Ein Teil des Dachs über dem Vorratslager war unter der Schneelast abgesackt. Wasser war durch eine beschädigte Stelle eingedrungen und hatte mehrere Säcke mit Mais durchnässt.
Elías stand vor der Tür und starrte auf den Schaden.
„Wie viel ist verloren?“, fragte er.
Aurelia untersuchte die Vorräte, ohne etwas zu versprechen.
„Das weiß ich noch nicht. Wir müssen zuerst prüfen, was trocken geblieben ist und was gerettet werden kann.“
„Wir haben nicht genug Vorräte, um tagelang alles zu verlieren.“
„Dann dürfen wir keine Zeit damit verschwenden, uns vorzustellen, was verloren sein könnte.“
Sie holte Anselmo und begann, die beschädigten Säcke zu sortieren. Die nassen Körner wurden getrennt, die trockenen Vorräte in einen anderen Raum gebracht, und die Kisten mit den Kartoffeln wurden von der feuchten Wand weggezogen.
Elías half ihr.
Er fragte nicht, warum sie die Dinge so machte.
Er wartete auf ihre Anweisungen und setzte sie um.
Am Nachmittag bemerkte Aurelia, dass die Kinder ungewöhnlich still waren. Elena hatte kaum gegessen, und Mateo war warm und müde geworden.
Sie legte ihre Hand vorsichtig an seine Stirn und rief Elías.
„Wir müssen einen Arzt erreichen, wenn sein Zustand sich verschlechtert.“
Elías wurde sofort unruhig.
„Die Straße ist unpassierbar.“
„Dann bereiten wir uns vor, falls wir Hilfe holen müssen. Halte Wasser bereit, und lass das Feuer nicht ausgehen.“
Sie blieb ruhig, doch ihre Augen verrieten ihre Sorge.
Die nächsten Stunden verbrachte sie damit, die Zwillinge zu beobachten, sie warm zu halten und dafür zu sorgen, dass sie ausreichend Flüssigkeit bekamen. Als Mateo am Abend wieder wacher wurde und etwas trank, ließ die Anspannung in ihrem Gesicht ein wenig nach.
Elías hatte neben der Wiege gesessen und ihre Arbeit beobachtet.
„Du hast gesagt, du verlangst keinen Lohn“, sagte er schließlich.
Aurelia sah ihn an.
„Das stimmt.“
„Warum tust du dann all das? Du hättest dich um die Kinder kümmern und dich aus allem anderen heraushalten können.“
Sie zog die Decke über Mateo zurecht.
„Weil die Kinder in einem Haus leben, das von dieser Ranch abhängt. Weil die Männer hier arbeiten und Familien haben. Und weil ich weiß, wie es ist, wenn man glaubt, alles verloren zu haben und niemand da ist, der einem hilft.“
Elías schwieg.
„Als mein Mann starb“, fuhr Aurelia fort, „dachte ich, ich könnte einfach weiterarbeiten und alles würde irgendwann wieder seinen Platz finden. Aber die Welt wartet nicht, bis man mit seiner Trauer fertig ist. Das Essen muss gekocht werden. Das Dach muss repariert werden. Die Tiere müssen versorgt werden.“
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