Als der Bote fortgeritten war, rief er Anselmo und zwei weitere Arbeiter zusammen. Sie sollten das Vieh näher an die geschützten Ställe bringen und lose Gegenstände sichern.

Aurelia kam aus dem Haus.

„Wir müssen die Tiere aus dem unteren Gehege holen“, sagte sie.

„Das erledigen die Männer.“

„Der Bach wird über die Ufer treten, wenn der Regen anhält. Das Gehege liegt zu tief.“

Elías drehte sich zu ihr um.

„Ich weiß, wo meine Gehege liegen.“

„Dann weißt du auch, dass das Wasser dort zuerst steigt.“

Sein Gesicht verhärtete sich.

„Du hast genug getan. Geh zurück zu den Kindern.“

Aurelia sah ihn an. Sie widersprach nicht.

Doch sie ging auch nicht sofort.

„Elías, ich bitte dich nicht, mir zu vertrauen, weil ich recht haben möchte. Ich bitte dich, die Tiere zu zählen, bevor du entscheidest, dass keine Gefahr besteht.“

Er schwieg.

Schließlich wandte er sich an Anselmo.

„Bring die Herde vom unteren Gehege nach oben.“

Anselmo nickte und rief die anderen Männer zusammen.

Aurelia kehrte ins Haus zurück.

Eine Stunde später begann der Regen.

Zunächst fiel er leicht, fast sanft. Dann wurde er stärker, bis die Tropfen wie kleine Steine gegen die Fenster schlugen. Der Wind heulte durch die Ritzen der alten Wände und ließ die Türen in ihren Angeln zittern.

Elías und seine Männer arbeiteten bis nach Einbruch der Dunkelheit.

Als sie endlich zurückkehrten, waren ihre Kleidung und Stiefel durchnässt. Das Feuer in der Küche war fast erloschen, und Aurelia hatte bereits Wasser erhitzt, trockene Decken bereitgelegt und eine einfache Mahlzeit auf den Tisch gestellt.

„Die Tiere sind oben“, sagte Anselmo, während er seine Hände über die Flammen hielt. „Alle, die wir finden konnten.“

„Alle?“, fragte Aurelia.

Der alte Arbeiter zögerte.

„Wir zählen morgen bei Tageslicht nach.“

Sie sah ihn an.

„Nein. Wir zählen jetzt.“

Elías stellte seinen Teller ab.

„Es ist dunkel, und der Regen wird stärker. Niemand geht noch einmal hinaus.“

„Wenn Tiere im unteren Gehege zurückgeblieben sind, könnten sie eingeschlossen werden.“

„Ich habe gesagt, niemand geht hinaus!“

Seine Stimme ließ die Zwillinge zusammenzucken.

Mateo begann zu weinen.

Aurelia nahm ihn auf den Arm und wiegte ihn sanft.

„Es ist in Ordnung“, flüsterte sie. „Du bist sicher.“

Elías sah sie an, und für einen Augenblick schien er sich für seinen Ausbruch zu schämen.

Doch er sagte nichts.

In dieser Nacht schliefen die Kinder in dem kleinen Zimmer neben der Küche. Aurelia blieb bei ihnen, während Elías und Anselmo die Lage der Ranch durchgingen.

Kurz nach Mitternacht ertönte ein Geräusch, das alle Gespräche verstummen ließ.

Ein tiefes, dumpfes Krachen kam aus Richtung der Scheune.

Dann hörten sie das verzweifelte Muhen von Rindern.

Elías sprang auf.

„Die Scheune!“

Er griff nach seinem Mantel und rannte hinaus. Anselmo folgte ihm, und zwei weitere Männer liefen hinterher.

Aurelia stand am Fenster und sah, wie ihre Laternen im Regen verschwanden.

Wenige Minuten später hörte sie einen lauten Ruf.

Dann einen zweiten.

Und schließlich sah sie, wie Elías allein zum Haus zurücktaumelte, das Gesicht bleich vor Entsetzen.

„Was ist passiert?“, fragte sie.

Er rang nach Atem.

„Der Bach ist über die Ufer getreten. Ein Teil des unteren Zauns ist weggerissen worden. Zwei Tiere fehlen, und das Wasser drückt gegen die Südwand der Scheune.“

„Sind die Männer in Sicherheit?“

„Anselmo versucht, die anderen Rinder herauszuführen.“

Aurelia blickte durch das Fenster.

Der Regen war so dicht, dass die Scheune nur noch als dunkler Umriss zu erkennen war. Der Boden rund um den Stall hatte sich in Schlamm verwandelt, und das Wasser strömte in einem breiten, braunen Band über den Hof.

„Wir müssen den Abfluss öffnen“, sagte sie.

Elías starrte sie an.

„Was?“

„Der alte Entwässerungsgraben hinter dem Holzschuppen. Wenn er frei ist, kann ein Teil des Wassers vom Stall weggeleitet werden.“

„Der Graben ist seit Jahren zugewachsen.“

„Dann müssen wir ihn freimachen.“

„Bei diesem Wetter? Das ist Wahnsinn.“

„Wenn wir nichts tun, wird das Wasser weiter gegen die Scheunenwand drücken.“

Elías fuhr sich mit einer Hand durch die nassen Haare.

„Du verstehst nicht, was dort draußen passiert.“

„Ich verstehe, dass die Scheune einstürzen könnte.“

Sie sagte es nicht laut. Sie musste es nicht.

Er blickte in Richtung der dunklen Gebäude, wo die Rufe seiner Männer noch immer zu hören waren.

Dann sah er zu den Kindern, deren Wiege nahe am Ofen stand.

Seine Ranch. Seine Herde. Die letzten Dinge, die ihm nach dem Tod seiner Frau geblieben waren.

Und plötzlich erkannte er, wie wenig Kontrolle er tatsächlich über all das hatte.

„Was brauchst du?“, fragte er.

Aurelia antwortete sofort.

„Zwei Schaufeln, Seile, Laternen und jemanden, der den oberen Graben kontrolliert. Wir müssen das Wasser vom Stall weglenken, bevor der Boden unter der Wand nachgibt.“

Elías nickte.

Diesmal stellte er keine weitere Frage.

Er rief die Männer zusammen und erklärte ihnen, was sie tun mussten. Aurelia zeigte ihnen von der überdachten Veranda aus den Verlauf des alten Grabens und erklärte, wo das Wasser nach ihrer Einschätzung abfließen könnte.