Dahinter lag ein kleiner Raum, in dem Sättel, alte Zaumzeuge und verstaubte Kisten aufbewahrt wurden.
Vicente kniete sich vor eine niedrige Truhe.
„Ihr Vater hat hier viele Nächte verbracht.“
„Hier?“
„Ja. Oft kam er erst nach Mitternacht zurück zum Haupthaus. Wenn ich ihn fragte, was er hier machte, antwortete er immer nur, dass er auf etwas warten müsse.“
Vicente hob den Deckel.
In der Truhe lag ein zusammengefaltetes Tuch. Darunter befanden sich ein altes Notizbuch, ein versiegelter Umschlag und ein kleiner Metallgegenstand, der wie ein ungewöhnlicher Anhänger aussah.
Natalie nahm das Notizbuch.
Auf der ersten Seite stand die Handschrift ihres Vaters.
Für Natalie. Wenn du dies liest, bedeutet es, dass du Luna nicht aufgegeben hast.
Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
Er hatte ihren Namen geschrieben.
Nicht den von Ricardo.
Nicht den von Fernanda.
Ihren.
Sie blätterte weiter.
Die ersten Seiten enthielten Aufzeichnungen über die Gesundheit der Stute, ihre Abstammung und ihre ungewöhnlichen Reaktionen auf bestimmte Menschen. Aurelio hatte genau dokumentiert, welche Pfleger sie beruhigen konnten und bei welchen Situationen sie unruhig wurde.
Doch nach einigen Seiten änderte sich der Inhalt.
Es ging plötzlich um Landvermessungen, alte Kaufverträge und ein Grundstück, das auf keiner aktuellen Ranchkarte verzeichnet war.
Natalie beugte sich näher über die Schrift.
Eine Zeile war mehrfach unterstrichen:
„Der wahre Wert des Mendoza-Landes liegt nicht in dem, was wir verkaufen können, sondern in dem, was wir zu bewahren verpflichtet sind.“
Darunter befand sich eine Zeichnung.
Sie zeigte einen Hügel, drei große Eichen und einen schmalen Pfad, der zu einem steinernen Tor führte.
„Vicente, was ist das?“
Der alte Mann antwortete nicht sofort.
„Der nördliche Teil der Ranch.“
„Aber dort gibt es nur Weideland und alte Ruinen.“
„Das dachte Ihre Familie.“
Natalie sah ihn erschrocken an.
„Was meinen Sie damit?“
Vicente nahm den Umschlag aus der Truhe.
„Ihr Vater hat vor dreißig Jahren einen Teil des Grundstücks untersuchen lassen. Dabei fand er Unterlagen, die bewiesen, dass das Land nicht vollständig der Familie gehörte.“
„Wem gehörte es dann?“
„Das ist die Frage, auf die Ihr Vater bis zu seinem Tod eine Antwort gesucht hat.“
Er reichte ihr den Umschlag.
Auf der Vorderseite stand:
„Nur öffnen, wenn meine vier Kinder vor einer Entscheidung stehen, die das Erbe der Familie betrifft.“
Natalie öffnete ihn vorsichtig.
Darin lag ein offizielles Dokument mit einem Stempel und mehreren Unterschriften.
Doch bevor sie es vollständig lesen konnte, hörten sie draußen Motorengeräusche.
Mehrere Fahrzeuge fuhren auf den Hof.
Vicente blickte aus dem kleinen Fenster.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Das sind Ihre Geschwister.“
Natalie schloss die Mappe.
„Was wollen sie hier?“
„Wahrscheinlich überprüfen, ob Sie das Pferd tatsächlich mitgenommen haben.“
Vicente sah sie ernst an.
„Und wenn sie erfahren, was sich in dieser Truhe befindet, werden sie versuchen, es Ihnen wegzunehmen.“
## Die Geschwister kehren zurück
Wenige Minuten später wurde die Tür der Sattelkammer aufgestoßen.
Ricardo trat zuerst ein, gefolgt von Fernanda und Emilio.
Ricardo trug einen teuren Mantel, dessen Schultern vom Regen dunkel geworden waren. Fernanda hielt einen Regenschirm, obwohl sie sich bereits im Gebäude befand. Emilio blickte gelangweilt auf sein Handy.
„Da bist du ja“, sagte Ricardo.
Sein Blick wanderte zu Tormenta.
„Wir wollten sehen, ob du das Tier überhaupt aus seiner Box bekommen hast.“
Fernanda lachte.
„Vielleicht hat es sie bereits durch den Stall gejagt.“
Natalie legte das Notizbuch hinter sich auf den Tisch.
„Was wollt ihr?“
Ricardo verschränkte die Arme.
„Wir haben uns Gedanken gemacht. Du kannst dieses Pferd nicht behalten. Es ist gefährlich, alt und verursacht nur Kosten.“
„Es gehört mir.“
„Natürlich. Laut Testament gehört es dir. Aber du kannst dir seine Pflege nicht leisten.“
Er zog ein Blatt Papier aus seiner Jacke.
„Wir haben einen Käufer gefunden, der bereit ist, es abzuholen. Du bekommst dafür einen kleinen Betrag, und wir kümmern uns um den Rest.“
Natalie starrte ihn an.
„Ihr wollt sie verkaufen?“
„Wir wollen das Problem lösen“, erwiderte Emilio.
Fernanda trat näher.
„Natalie, sei doch vernünftig. Du hast kein Geld. Du hast keine Erfahrung mit schwierigen Pferden. Du hast nicht einmal einen eigenen Stall. Warum machst du es dir so schwer?“
Natalie blickte auf das Papier in Ricardos Hand.
„Wer ist der Käufer?“
Ricardo antwortete nicht sofort.
Dann sagte er:
„Ein Händler, der alte Pferde übernimmt.“
Vicente trat zwischen sie.
„Das wird nicht geschehen.“
Ricardo lachte verächtlich.
„Vicente, du bist ein Stallknecht. Du hast hier nichts zu entscheiden.“
„Ich habe Don Aurelio dreißig Jahre lang gedient“, antwortete Vicente ruhig. „Und ich weiß, was er für dieses Pferd wollte.“
Ricardos Lächeln verschwand.
„Was soll das heißen?“
Vicente schwieg.
Fernanda sah sich im Raum um.
Ihr Blick fiel auf die offene Truhe.
„Was ist das?“
Sie ging zum Tisch und griff nach dem Notizbuch.
Natalie war schneller.
Sie nahm es an sich.
„Das gehört mir.“
„Gib es her!“
„Nein.“
Fernanda starrte ihre jüngere Schwester an, als hätte sie sie noch nie zuvor gesehen.
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