Mariana bekam Tränen in die Augen.
Genau diese Worte hatte ihre Mutter ihr früher oft wiederholt.
Doña Isabel legte behutsam eine Hand auf ihren Arm.
„Ich möchte deine Mutter nicht mit Fragen bedrängen. Aber wenn sie einverstanden ist, würde ich gern mit ihr sprechen.“
Mariana nickte.
„Ich werde sie fragen.“
In diesem Moment kam Sebastián hinzu.
„Ist alles in Ordnung?“
Doña Isabel sah ihn an und dann Mariana.
„Vielleicht gibt es eine Geschichte, die wir noch nicht kennen.“
Sebastián runzelte die Stirn.
„Was für eine Geschichte?“
Die ältere Frau antwortete nicht sofort. Stattdessen bat sie Mariana, sich zu setzen, und erklärte, dass sie vor vielen Jahren Unterlagen über eine alte Stiftung gesehen hatte, die Menschen aus einfachen Verhältnissen bei der Ausbildung unterstützen sollte.
Der Name Miguel Salgado tauchte darin auf.
Doch als die Stiftung aufgelöst wurde, waren mehrere Dokumente verschwunden.
„Ich kann nichts versprechen“, sagte Doña Isabel. „Vielleicht hat das alles keinerlei Bedeutung. Aber ich möchte herausfinden, ob deinem Vater damals Unrecht geschehen ist.“
Mariana wusste nicht, was sie sagen sollte.
Ihr ganzes Leben lang hatte sie geglaubt, ihr Vater sei ein einfacher Arbeiter gewesen, dessen Geschichte mit seinem Tod geendet hatte.
Nun stand sie in einem Saal voller reicher Menschen und hörte zum ersten Mal, dass sein Name möglicherweise mit einem Geheimnis verbunden war.
Sebastián beobachtete sie aufmerksam.
„Wenn du möchtest, helfe ich dir dabei, die Wahrheit herauszufinden“, sagte er. „Aber nur, wenn du das wirklich willst.“
Mariana sah ihn an.
„Ich möchte nicht reich werden, Señor Sebastián. Ich möchte nur wissen, wer mein Vater war.“
Er nickte.
„Dann werden wir genau damit anfangen.“
Als sie später in der Nacht zur Hacienda zurückkehrten, war Mariana erschöpft. Doch etwas hatte sich verändert.
Sie hatte sich gewehrt, ohne jemanden zu erniedrigen. Sie hatte eine falsche Anschuldigung überstanden, ohne ihre Würde zu verlieren. Und sie hatte erfahren, dass die Vergangenheit ihrer Familie vielleicht mehr enthielt, als man ihr erzählt hatte.
Sebastián begleitete sie bis zur Tür des kleinen Hauses, in dem Doña Rosa auf sie wartete.
„Mariana“, sagte er, bevor sie hineinging.
Sie drehte sich um.
„Ja?“
„Heute Abend habe ich dich nicht verteidigt, weil du mir leidtatst. Ich habe dich verteidigt, weil du Respekt verdienst. Und das hätte ich schon viel früher erkennen müssen.“
Mariana lächelte schwach.
„Dann sorgen Sie dafür, dass es nicht nur bei Worten bleibt.“
Sebastián nickte ernst.
„Das werde ich.“
Sie trat ins Haus und schloss die Tür.
Drinnen saß ihre Mutter am Fenster, neben ihr eine alte Holzkiste, die Mariana seit ihrer Kindheit kannte. Darin lagen wenige Erinnerungsstücke ihres Vaters: ein Taschenuhrgehäuse, einige vergilbte Briefe und ein kleines Foto.
Doña Rosa sah ihre Tochter an.
„Du bist spät zurück.“
Mariana setzte sich neben sie.
„Mama, ich muss dich etwas fragen. Kennst du eine Stiftung in Guadalajara? Und warum hat Doña Isabel Montemayor den Namen von Papa gekannt?“
Die Farbe wich aus dem Gesicht ihrer Mutter.
Lange sagte sie nichts.
Dann öffnete sie langsam die alte Holzkiste und nahm einen Umschlag heraus, den Mariana noch nie zuvor gesehen hatte.
Auf der Vorderseite stand in verblasster Tinte:
„Für meine Tochter Mariana – erst öffnen, wenn sie alt genug ist, die Wahrheit zu verstehen.“
Mariana starrte auf den Umschlag.
„Warum hast du mir diesen Brief nie gegeben?“
Doña Rosa schloss die Augen. Als sie sie wieder öffnete, standen Tränen darin.
„Weil dein Vater mich vor seinem Tod um etwas gebeten hat. Und weil ich Angst hatte, dass die Wahrheit dir mehr Schmerz als Frieden bringen würde.“
Mariana hielt den Brief mit zitternden Händen.
Draußen rauschte der Wind durch die Agavenfelder. In der Ferne schlug die alte Uhr der Kapelle Mitternacht.
Sie brach das Siegel auf.
Der Brief begann mit wenigen Worten:
„Meine geliebte Mariana, wenn du diese Zeilen liest, bin ich vielleicht nicht mehr da, um dir zu erklären, warum ich so lange geschwiegen habe. Aber eines musst du wissen: Nicht jeder, der dir die Wahrheit vorenthält, tut es aus Bosheit. Und nicht jede Person, die dir freundlich begegnet, sagt dir alles, was sie weiß.“
Mariana hob den Blick zu ihrer Mutter.
Doña Rosa weinte jetzt lautlos.
Und noch bevor Mariana die nächste Zeile lesen konnte, flüsterte ihre Mutter einen Namen, der alles verändern sollte:
„Es war Don Ernesto Arriaga.“
Der Vater von Sebastián.
Der Mann, zu dessen Ehren jedes Jahr das große Fest auf der Hacienda veranstaltet wurde.
Mariana blickte fassungslos auf den Brief.
Was hatte Don Ernesto mit ihrem Vater zu tun?
Warum hatte Doña Rosa geschwiegen?
Und weshalb hatte ihr Vater einen Brief hinterlassen, der offenbar erst jetzt geöffnet werden sollte?
Fortsetzung folgt …
n, or press escape to cancel.
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