Die Montemayors gehörten zu den einflussreichsten Familien der Region. Ihr Sohn Federico war reich, gut vernetzt und seit Monaten an Renata interessiert.

Für sie war der Abend die perfekte Gelegenheit, ihre gesellschaftliche Stellung weiter zu festigen.

Doch Sebastián hatte einen anderen Gedanken.

Er erinnerte sich daran, dass Mariana vor einigen Tagen beiläufig erzählt hatte, sie habe als Kind davon geträumt, Krankenschwester zu werden. Sie hatte ihre Schulbildung früh unterbrechen müssen, weil ihre Mutter krank geworden war und jemand das Geld für Medikamente verdienen musste.

Er ließ Doña Chela nach ihr schicken.

Als Mariana ins Arbeitszimmer trat, stand Sebastián am Fenster.

„Ich möchte dich etwas fragen.“

„Ja, Señor?“

Er zeigte ihr die Einladung.

„Am Samstag findet in Guadalajara eine Veranstaltung zugunsten eines Kinderkrankenhauses statt. Ich brauche jemanden, der die Spendenlisten und die vorbereiteten Unterlagen ordnet. Doña Chela sagte mir, du seist sehr gut darin, Zahlen und Dokumente zu organisieren.“

Mariana war überrascht.

„Ich habe das früher in der Schule gelernt. Aber ich weiß nicht, ob ich für so etwas geeignet bin.“

„Das können wir herausfinden.“

Sie zögerte.

„Werde ich dort bedienen müssen?“

Sebastián schüttelte den Kopf.

„Nein. Du würdest bei der Organisation helfen. Und wenn du lieber nicht mitkommen möchtest, respektiere ich das.“

Mariana sah die Einladung an.

Ein Teil von ihr wollte sofort zustimmen. Ein anderer erinnerte sich an die Blicke, das Lachen und die Scherben auf dem Boden.

„Ich habe Angst, dass die Leute wieder über mich lachen.“

Sebastián antwortete nicht sofort.

Dann sagte er: „Ich kann nicht versprechen, dass jeder Mensch freundlich sein wird. Aber ich kann versprechen, dass ich nicht schweigen werde, wenn jemand dich erniedrigt.“

Mariana nahm die Einladung mit beiden Händen entgegen.

„Dann komme ich.“

Als sie das Arbeitszimmer verließ, ahnte sie nicht, dass diese Entscheidung ihr Leben verändern würde.

Und Renata, die zufällig im Flur alles mitgehört hatte, war entschlossen, genau das zu verhindern.
Ein Kleid, ein Geheimnis und eine grausame Falle
Am Samstagmorgen half Doña Chela Mariana dabei, ein schlichtes dunkelgrünes Kleid anzuziehen, das ihr eine Nachbarin geliehen hatte.

Es war weder teuer noch besonders auffällig. Doch Mariana fühlte sich darin zum ersten Mal seit Langem wie eine junge Frau, die mehr sein durfte als die Person, die das Essen servierte.

Doña Rosa saß auf ihrem Bett und betrachtete ihre Tochter mit feuchten Augen.

„Dein Vater hätte dich heute gern gesehen.“

Mariana hielt inne.

Ihr Vater war gestorben, als sie noch klein gewesen war. Ihre Mutter sprach nur selten über ihn.

„Mama, warum erzählst du mir eigentlich so wenig von ihm?“

Doña Rosa senkte den Blick.

„Weil manche Erinnerungen selbst nach vielen Jahren noch wehtun.“

Mariana wollte nachfragen, doch draußen hupte bereits das Auto.

Sie küsste ihre Mutter auf die Stirn und lief hinaus.

In Guadalajara empfingen sie Kronleuchter, weiße Tischdecken und eine Halle voller Menschen in eleganter Kleidung. Sebastián stellte Mariana einigen Mitarbeitern des Krankenhauses vor und erklärte, dass sie ihm bei der Organisation der Unterlagen helfen würde.

Einige Gäste reagierten freundlich.

Andere musterten sie von oben bis unten.

Renata, die mit Camila und Federico eingetroffen war, beobachtete alles mit wachsender Wut.

„Sieh sie dir an“, flüsterte Camila. „Vor einer Woche hat sie noch Gläser eingesammelt. Heute steht sie neben Sebastián.“

Renata lächelte gezwungen.

„Dann sorgen wir eben dafür, dass alle sich daran erinnern, wer sie wirklich ist.“

Während der ersten Stunde verlief alles reibungslos. Mariana ordnete Spendenquittungen, überprüfte Namen und bemerkte einen Fehler in einer Liste, durch den eine größere Spende dem falschen Unternehmen zugeordnet worden war.

Sie korrigierte den Eintrag und informierte den Veranstaltungsleiter.

Der Mann überprüfte die Unterlagen und nickte anerkennend.

„Sehr gut aufgepasst. Dieser Fehler hätte später erhebliche Schwierigkeiten verursachen können.“

Sebastián, der das Gespräch mitgehört hatte, lächelte stolz.

Renata sah dieses Lächeln.

Und in diesem Augenblick beschloss sie, dass Mariana den Abend nicht unbeschadet überstehen durfte.

Kurz vor dem Essen bat Renata sie, eine Mappe aus einem Nebenraum zu holen.

„Sie liegt auf dem Tisch neben der Garderobe“, sagte sie mit zuckersüßer Stimme.

Mariana ging, ohne etwas zu ahnen.

Als sie zurückkehrte, stand Renata mitten im Saal. In ihrer Hand hielt sie eine kleine Schmuckschatulle.

„Wie interessant“, sagte sie laut. „Gerade eben lag meine Brosche noch in dieser Schatulle. Und jetzt ist sie verschwunden.“

Die Gespräche verstummten.

Camila legte eine Hand an die Brust.

„Du glaubst doch nicht etwa, dass jemand von den Gästen …?“

Renata blickte langsam zu Mariana.

„Ich möchte niemanden beschuldigen. Aber sie war die Letzte, die in dem Nebenraum gewesen ist.“

Mariana wurde blass.

„Ich habe nichts genommen.“

„Natürlich nicht“, erwiderte Renata. „Das würde schließlich jeder sagen.“

Einige Gäste begannen zu tuscheln.

Der Veranstaltungsleiter bat darum, die Sache ruhig zu klären. Doch Renata sprach immer lauter.

„Wenn sie unschuldig ist, wird es ihr doch nichts ausmachen, ihre Tasche überprüfen zu lassen.“

Mariana presste die Hände zusammen.