# TEIL 2: DER JUNGE TRAF DEN UNMÖGLICHEN TON – DOCH ALS DIE BERÜHMTE SÄNGERIN ERKANNTE, WAS ER WUSSTE, VERGING IHR DAS LÄCHELN!
Das Scheinwerferlicht brannte auf Aisaes Gesicht.
Tausende Menschen saßen im großen Saal, während Millionen weitere die Wohltätigkeitsveranstaltung über die Liveübertragung verfolgten. Kameras schwenkten über die Bühne. Die Musiker warteten. Und Victoria Chase stand neben dem elfjährigen Jungen, als hätte sie gerade den Höhepunkt ihrer Show vorbereitet.
„Na los, mein Kleiner“, sagte sie mit einem süßlichen Lächeln. „Du wolltest doch unbedingt auf diese Bühne, oder? Dann zeig uns, was du kannst.“
Aisae schüttelte den Kopf.
„Ich wollte nur mit meinem Schulchor singen.“
Einige Zuschauer lachten erneut.
Victoria hob das Mikrofon.
„Habt ihr das gehört? Er ist schüchtern! Wie niedlich!“
Das Publikum lachte noch lauter.
Doch in der ersten Reihe saß ein älterer Mann, der nicht mitlachte. Er war der Gründer der Stiftung, die diese Veranstaltung finanzierte. Sein Name war Richard Coleman, und er hatte die Schüler der Lincoln Elementary School persönlich eingeladen.
Als er sah, wie Victoria den Jungen behandelte, runzelte er die Stirn.
„Warum macht sie das?“, fragte er seine Assistentin.
Sie antwortete nicht.
Auf der Bühne beugte sich Victoria erneut zu Aisae hinunter.
„Hör zu“, flüsterte sie, während die Kameras auf sie gerichtet waren. „Wenn du jetzt versagst, wird jeder sehen, dass du nicht hierhergehörst. Wenn du dich weigerst, lasse ich deinen Chor von der Bühne schicken. Verstanden?“
Aisaes Augen wurden feucht.
Hinter den Kulissen standen seine Mitschüler. Einige sahen besorgt aus, andere wussten nicht, wie sie helfen sollten. Ihre Chorleiterin, Mrs. Evelyn Brooks, versuchte bereits, sich einen Weg zur Bühne zu bahnen, doch zwei Veranstaltungsmitarbeiter hielten sie zurück.
„Das ist ein Kind!“, protestierte sie. „Sie kann ihn nicht zu so etwas zwingen!“
Niemand hörte auf sie.
Victoria richtete sich wieder auf und wandte sich dem Publikum zu.
„Meine Damen und Herren, heute haben wir eine kleine Überraschung. Ich möchte, dass dieser junge Mann eine Passage aus meinem berühmtesten Lied singt.“
Auf der großen Leinwand erschien der Titel:
COME TO PARADISE – DIE BERÜHMTE 26. NOTE.
Ein Raunen ging durch den Saal.
Jeder Fan von Victoria Chase kannte diese Passage. Die letzte hohe Note galt als ihr Markenzeichen. Musikmagazine hatten sie als außergewöhnlich bezeichnet, und ihre Plattenfirma behauptete seit Jahren, niemand könne sie so singen wie Victoria.
Sie selbst hatte einmal in einem Interview erklärt:
„Diese Note ist nicht einfach Technik. Sie ist ein Geschenk, das nur sehr wenige Menschen auf der Welt besitzen.“
Nun hielt sie Aisae das Mikrofon hin.
„Bitte schön. Die Bühne gehört dir.“
Der Junge blickte auf das Mikrofon.
Dann auf die Musiker.
Und schließlich auf die Chorleiterin, die hinter der Bühne stand und ihm mit beiden Händen ein Zeichen gab: Du musst nichts beweisen.
Aisae atmete langsam ein.
Er dachte an seine Mutter, die an diesem Abend zu Hause geblieben war, weil sie sich kein Ticket leisten konnte. Sie hatte ihm vor der Abfahrt die Uniform glatt gestrichen und gesagt:
„Egal, was passiert: Deine Stimme gehört dir. Niemand darf dich zwingen, sie gegen deinen Willen einzusetzen.“
Diese Worte hallten in seinem Kopf wider.
Aisae hob den Kopf.
„Ich singe nur, wenn Sie meine Stimme nicht verändern“, sagte er.
Victoria blinzelte.
„Wie bitte?“
„Ich möchte, dass Sie den Toningenieur bitten, alle Gesangsspuren auszuschalten. Nur die Instrumente sollen laufen.“
Für einen Augenblick wurde es still.
Dann verzog Victoria den Mund zu einem ungläubigen Lächeln.
„Was soll das denn bedeuten?“
Aisae sah sie direkt an.
„Wenn Sie möchten, dass ich wirklich singe, brauche ich kein Playback.“
Das Lächeln der Sängerin verschwand für den Bruchteil einer Sekunde.
Es war so kurz, dass fast niemand es bemerkte.
Fast niemand.
Denn seitlich der Bühne stand Daniel Reed, der leitende Tontechniker der Veranstaltung. Er hatte Victoria bereits bei den Proben begleitet und wusste genau, welche Spuren in der Wiedergabeliste hinterlegt waren.
Als er Aisaes Worte hörte, sah er unwillkürlich zum Mischpult.
Der Junge wusste es.
Er wusste, dass etwas nicht stimmte.
Und wenn er jetzt weitersprach, könnte eine ganze Karriere ins Wanken geraten.
Victoria wandte sich zum Publikum.
„Natürlich! Wir sind schließlich hier, um echte Talente zu feiern.“
Sie machte eine großzügige Geste in Richtung des Mischpults.
„Daniel, schalten Sie die Gesangsspur aus. Wir wollen doch alle hören, was unser kleiner Gast zu bieten hat.“
Daniel zögerte.
„Victoria, bist du sicher?“
„Habe ich mich unklar ausgedrückt?“
Einige Zuschauer lachten nervös.
Daniel blickte auf das Mischpult. Seine Finger schwebten über den Reglern.
Dann schaltete er die vorproduzierte Gesangsspur aus.
Ein kleines Symbol auf seinem Monitor verschwand.
Victoria sah es und schluckte.
„Gut“, sagte sie. „Dann fangen wir an.“
Sie hob eine Hand, und der Dirigent gab den Musikern das Zeichen.
Die ersten Takte von Come to Paradise erfüllten den Saal.
Victoria begann zu singen.
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