
Es war kurz nach Mitternacht, als Anna plötzlich von einem seltsamen Geräusch geweckt wurde.
Zunächst dachte sie, der starke Wind würde gegen die alten Fensterläden schlagen. Draußen rauschten die Bäume, und irgendwo in der Ferne heulte ein Hund. Doch dann hörte sie es erneut.
Ein dumpfes Poltern kam aus Richtung der alten Scheune.
Anna öffnete langsam die Augen und richtete sich im Bett auf. Einen Moment lang lauschte sie angestrengt in die Dunkelheit. Vielleicht war eines der Tiere ausgebrochen. Vielleicht hatte sich ein loses Brett gelöst. Doch tief in ihrem Inneren wusste sie, dass dieses Geräusch nicht gewöhnlich gewesen war.
Victor war nicht zu Hause. Er hatte ihr am Morgen gesagt, dass er erst am nächsten Tag zurückkommen würde. Trotzdem hatte sie seit dem Abend ein ungutes Gefühl. Seit sie den fremden Mann auf dem Dachboden versteckt hatte, konnte sie kaum noch ruhig schlafen.
Sie wusste, dass sie eine riskante Entscheidung getroffen hatte. Wenn Victor davon erfuhr, würde er vermutlich völlig ausrasten. Und wenn die Polizei tatsächlich nach dem Mann suchte, konnte sie selbst in große Schwierigkeiten geraten.
Anna zog sich hastig einen Mantel über, schlüpfte in ihre Hausschuhe und ging vorsichtig zur Hintertür.
„Ist da jemand?“, flüsterte sie.
Keine Antwort.
Nur das leise Knarren der alten Holzbalken war zu hören.
Dann ertönte plötzlich eine Stimme.
„Anna … bitte!“
Sie erkannte sie sofort.
Es war der Mann, den sie am Nachmittag in der Scheune versteckt hatte.
Anna eilte nach draußen, überquerte den kleinen Hof und stieg die schmale Holztreppe zum Dachboden hinauf. Als sie die Tür öffnete, blieb sie erschrocken stehen.
Der Fremde saß nicht mehr an seinem ursprünglichen Platz. Seine Kleidung war noch schmutziger als zuvor, sein Gesicht wirkte erschöpft, und er hielt sich mit einer Hand den Arm.
„Was ist passiert?“, fragte Anna erschrocken. „Warum sehen Sie so aus?“
Der Mann hob langsam den Kopf.
„Jemand war draußen“, antwortete er leise. „Ich habe Schritte gehört. Dann hat jemand versucht, die Tür zu öffnen.“
Anna wurde blass.
„War es die Polizei?“
Der Mann schüttelte den Kopf.
„Nein. Ich glaube, es war jemand, der mich kennt.“
„Jemand aus dem Dorf?“
„Das weiß ich nicht. Aber ich habe eine Stimme gehört. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Person nicht zufällig hier war.“
Anna spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
„Sie haben mir gesagt, Sie bräuchten nur einen Platz zum Schlafen. Was haben Sie getan, dass jemand Sie mitten in der Nacht sucht?“
Der Mann senkte den Blick.
„Ich kann Ihnen das nicht alles erklären. Nicht jetzt. Aber glauben Sie mir bitte: Ich bin nicht der gefährliche Mensch, für den mich alle halten.“
Anna wollte gerade nachfragen, als plötzlich ein lautes Geräusch von draußen ertönte.
Beide verstummten.
Jemand hatte die Scheunentür geöffnet.
Anna erstarrte.
„Bleiben Sie hier“, flüsterte sie. „Egal, was passiert, kommen Sie nicht herunter.“
Sie stieg vorsichtig die Treppe hinunter und schlich zur Tür. Durch einen schmalen Spalt blickte sie nach draußen.
Dort stand ein Mann mit einer Taschenlampe.
Als der Lichtstrahl über den Hof wanderte, erkannte Anna die Gestalt sofort.
Es war ihr Ehemann Victor.
„Anna?“, rief er. „Bist du hier?“
Ihr Herz schlug bis zum Hals.
Sie hatte geglaubt, noch mehrere Stunden Zeit zu haben, bevor Victor zurückkehrte. Doch nun stand er mitten in der Nacht vor der Scheune, und sie hatte keine Ahnung, wie sie ihm erklären sollte, was sie getan hatte.
Sie öffnete langsam die Tür.
„Victor? Was machst du denn schon hier? Du wolltest doch erst morgen zurückkommen!“
Victor sah sie verwundert an.
„Ich weiß. Ich wollte dich überraschen. Die Arbeit im Nachbardorf war früher erledigt, und ich dachte, ich komme lieber nach Hause, anstatt die ganze Nacht dort zu bleiben.“
Er betrachtete sie genauer.
„Aber warum stehst du mitten in der Nacht in der Scheune? Ist etwas passiert?“
Anna versuchte zu lächeln.
„Nein, nichts Besonderes. Ich habe nur ein Geräusch gehört und wollte nachsehen, ob mit den Tieren alles in Ordnung ist.“
Victor blickte an ihr vorbei.
„Warum bist du so nervös?“
„Ich bin nicht nervös.“
„Anna, ich kenne dich seit vielen Jahren. Du kannst mir vielleicht etwas verheimlichen, aber du kannst mir nicht vormachen, dass alles in Ordnung ist.“
Sie öffnete den Mund, doch bevor sie antworten konnte, ertönte von oben ein lautes Poltern.
Victor drehte sich sofort um.
„Was war das?“
Anna versuchte, ihn aufzuhalten.
„Bitte, Victor, geh nicht nach oben! Ich muss dir zuerst etwas erklären.“
Doch Victor hatte bereits die erste Stufe erreicht.
„Was soll das heißen? Was ist dort oben?“
„Victor, bitte!“
Aber es war zu spät.
Er stieg die schmale Treppe hinauf und öffnete die Dachbodentür.
Wenige Sekunden später stand er dem Fremden gegenüber.
„Wer zum Teufel sind Sie?“, rief Victor.
Der Mann hob langsam den Kopf.
Und plötzlich veränderte sich Victors Gesichtsausdruck.
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