
„Wie heißt dieser Zeuge?“, fragte ich.
Meine Stimme klang viel leiser, als ich beabsichtigt hatte.
Der Beamte legte das Blatt zurück in die Akte.
„Sein Name ist Martin Weber. Er behauptet, Ihren Mann am Dienstagabend gesehen zu haben.“
Ich schüttelte sofort den Kopf.
„Das kann nicht sein. Mein Mann ist am Montag gestorben.“
„Genau deshalb müssen wir die Angaben überprüfen.“
Ich presste die Lippen zusammen.
Martin Weber.
Der Name sagte mir etwas. Ich kannte ihn nicht persönlich, aber mein Mann hatte ihn einmal erwähnt. Es war ein ehemaliger Arbeitskollege, mit dem er angeblich seit Jahren keinen Kontakt mehr hatte.
„Wo soll er ihn gesehen haben?“, fragte ich.
Der Beamte betrachtete mich einen Augenblick.
„An einem kleinen Bahnhof außerhalb der Stadt. Er sagt, Ihr Mann habe dort auf einer Bank gesessen und mit jemandem telefoniert.“
Mir wurde schwindelig.
„Vielleicht hat er sich geirrt.“
„Er hat uns nicht nur eine Beschreibung gegeben. Er hat auch ein Foto vorgelegt.“
Der Beamte drehte seinen Bildschirm zu mir.
Ich sah das Bild.
Ein Mann in einem dunklen Mantel stand vor einem Bahnhof. Sein Gesicht war nur teilweise zu erkennen, doch ich erkannte sofort die Haltung, die Schultern und die Uhr an seinem Handgelenk.
Es war die Uhr meines Mannes.
Dieselbe Uhr, die ich am Morgen nach seinem Tod zusammen mit seinen persönlichen Gegenständen erhalten hatte.
Ich starrte auf das Bild.
„Woher hat er diese Aufnahme?“
„Das wird gerade geprüft.“
Ich spürte, wie meine Hände kalt wurden.
„Bitte“, sagte ich schließlich. „Ich möchte jetzt nach Hause.“
Der Beamte schloss die Akte.
„Das können Sie tun. Aber bevor wir die Unterlagen nicht überprüft haben, wird keine Einäscherung stattfinden.“
Die letzte Nacht
Mein Name ist Anna Schneider. Ich war seit elf Jahren mit Markus verheiratet.
Für unsere Freunde waren wir ein ganz normales Ehepaar. Wir hatten ein kleines Haus am Stadtrand, einen Garten mit alten Apfelbäumen und einen Hund, der jeden Abend vor der Haustür auf Markus wartete.
Doch in den letzten Monaten hatte sich etwas verändert.
Markus war häufiger unterwegs gewesen. Er hatte spät gearbeitet, sein Telefon ständig bei sich getragen und manchmal mitten in der Nacht das Haus verlassen.
Wenn ich ihn fragte, wohin er ging, antwortete er nur:
„Geschäftliche Angelegenheiten. Du musst dir keine Sorgen machen.“
Ich hatte ihm geglaubt.
Bis zu jenem Montag.
Am frühen Morgen hatte mich ein Anruf erreicht. Eine ruhige Stimme teilte mir mit, dass mein Mann verstorben sei.
Ich erinnere mich noch genau an das Gefühl in diesem Moment. Ich hatte das Telefon fallen lassen und mich an der Küchenarbeitsplatte festhalten müssen.
Später erklärte man mir, Markus sei nach einem medizinischen Notfall ins Krankenhaus gebracht worden. Trotz aller Bemühungen habe man ihn nicht retten können.
Ich durfte ihn nur kurz sehen.
Danach kümmerte sich ein Bestattungsunternehmen um die weiteren Formalitäten.
Und jetzt saß ich in einem Büro und musste mir anhören, dass ein Mann, der angeblich tot war, zwei Tage später gesehen worden sein sollte.
Ein Anruf, der alles veränderte
Als ich das Gebäude verließ, klingelte mein Telefon.
Eine unbekannte Nummer.
„Frau Schneider?“
Ich blieb stehen.
„Ja. Wer ist da?“
„Mein Name ist Martin Weber.“
Mein Herz begann schneller zu schlagen.
„Sie haben sich bei der Behörde gemeldet?“
„Ja. Ich muss Ihnen etwas sagen.“
„Was wollen Sie?“
Er schwieg kurz.
Dann sagte er:
„Ihr Mann lebt nicht so, wie Sie glauben. Und sein Tod ist möglicherweise nicht das, was man Ihnen erzählt hat.“
Ich blickte mich um.
„Was soll das heißen?“
„Ich habe ihn gesehen. Und ich bin sicher, dass er wusste, dass Sie nach ihm suchen würden.“
„Warum sollte mein Mann vor mir verschwinden?“
„Weil er Angst hatte.“
Ich konnte kaum noch sprechen.
„Wovor?“
Martin antwortete nicht direkt.
Stattdessen sagte er:
„Treffen Sie mich nicht allein. Gehen Sie zur Polizei. Ich werde dort alles erklären.“
Dann beendete er das Gespräch.
Ich blieb mitten auf dem Gehweg stehen.
Zum ersten Mal fragte ich mich, ob Markus wirklich tot war.
Das zweite Dokument
Am nächsten Morgen ging ich erneut zur Behörde.
Der Beamte, Herr Keller, hatte bereits auf mich gewartet.
„Frau Schneider, wir haben inzwischen weitere Unterlagen erhalten.“
Er legte zwei Dokumente auf den Tisch.
Das erste war die Kopie eines Formulars, das ich bereits unterschrieben hatte. Es ging um die Organisation der Bestattung.
Das zweite Dokument kannte ich nicht.
Es war eine ältere Vollmacht.
Darauf stand mein Name – und die Unterschrift meines Mannes.
„Was ist das?“, fragte ich.
„Diese Vollmacht wurde vor mehreren Monaten ausgestellt. Sie betrifft bestimmte finanzielle Angelegenheiten Ihres Mannes.“
Ich sah ihn verwirrt an.
„Davon weiß ich nichts.“
„Das haben Sie bereits gesagt.“
Er zeigte auf das Datum.
Es lag nur wenige Tage vor Markus’ angeblichem Tod.
„Wir prüfen derzeit, ob dieses Dokument tatsächlich von Ihrem Mann unterschrieben wurde.“
Ich betrachtete die Unterschrift.
Sie sah echt aus.
Doch plötzlich erinnerte ich mich an einen Streit, den Markus und ich einige Wochen zuvor gehabt hatten.
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