TEIL 2
Ich konnte meinen Blick nicht von dem Porträt lösen.
Die Frau auf dem Bild trug ein elegantes weißes Brautkleid. Ihr Haar war kunstvoll hochgesteckt, um ihren Hals lag eine feine Perlenkette, und ihre Hände ruhten auf einem kleinen Blumenstrauß.
Doch es war nicht einfach irgendeine Frau.
Es war mein Gesicht.
Meine Augen. Meine Nase. Sogar die kleine Narbe über meiner linken Augenbraue, die ich seit meiner Kindheit hatte.
„Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“, fragte meine Kollegin Miriam hinter mir.
Ich antwortete nicht.
Der Millionär, der bis eben erschöpft in seinem Bett gelegen hatte, bemerkte meinen entsetzten Blick.
„Sie kennen dieses Bild?“, fragte er mit schwacher Stimme.
Ich drehte mich langsam zu ihm.
„Warum hängt ein Porträt von mir in Ihrem Schlafzimmer?“
Sein Gesicht verlor jede Farbe.
„Wie bitte?“
„Die Frau auf diesem Bild sieht genauso aus wie ich. Wer hat es gemalt? Und warum haben Sie es hier hängen?“
Der Mann versuchte, sich aufzurichten, doch meine Kollegin bat ihn, liegen zu bleiben.
„Mein Name ist Richard von Falkenstein“, sagte er schließlich. „Und ich glaube, wir müssen miteinander sprechen.“
Ich schluckte.
„Ich kenne Sie nicht.“
Er schloss kurz die Augen.
„Das dachte ich auch. Bis vor einigen Monaten.“
Dann deutete er auf den kleinen Tisch neben seinem Bett.
„In der Schublade liegt eine Mappe. Würden Sie sie mir bitte geben?“
Ich zögerte.
„Was ist darin?“
„Die Erklärung für dieses Bild.“
Miriam sah mich fragend an. Ich wollte gerade ablehnen, als Richard plötzlich sehr ernst wurde.
„Bitte. Es ist wichtig. Ich habe seit Jahren auf diesen Moment gewartet.“
Ich nahm die Mappe und legte sie auf das Bett.
Darin befanden sich mehrere alte Fotografien, ein vergilbter Brief und eine Geburtsurkunde.
Auf dem ersten Foto war eine junge Frau zu sehen.
Wieder mein Gesicht.
Diesmal trug sie ein schlichtes Sommerkleid und stand vor einem alten Haus. Neben ihr hielt ein Mann ein kleines Baby auf dem Arm.
Ich spürte, wie meine Hände zitterten.
„Wer ist diese Frau?“
Richard sah mich lange an.
„Ihre Mutter.“
Für einen Moment schien die ganze Welt stillzustehen.
Meine Mutter war vor acht Jahren gestorben. Ich hatte nur wenige Fotos aus ihrer Jugend. Sie hatte selten über ihre Vergangenheit gesprochen und jedes Mal das Thema gewechselt, wenn ich nach meinem Vater fragte.
Ich hatte immer geglaubt, sie habe mich allein großgezogen.
„Das ist unmöglich“, flüsterte ich. „Woher haben Sie dieses Foto?“
Richard deutete auf den Brief.
„Weil Ihre Mutter meine Schwester war.“
Ich starrte ihn an.
„Meine Mutter hatte keinen Bruder. Zumindest hat sie mir nie von Ihnen erzählt.“
„Sie hatte einen Bruder. Mich.“
Er atmete schwer und musste kurz husten. Miriam kontrollierte seine Werte und erinnerte ihn daran, sich nicht aufzuregen.
Doch Richard ließ mich nicht aus den Augen.
„Wie heißen Sie?“, fragte er.
Ich nannte meinen vollständigen Namen.
Er schloss die Augen.
Dann flüsterte er:
„Elena …“
Er sagte meinen Namen so, als hätte er ihn tausendmal ausgesprochen, ohne dass jemand ihn hören konnte.
„Ihre Mutter hat Sie Elena genannt?“
Ich nickte.
Da liefen ihm Tränen über die Wangen.
„Dann gibt es keinen Zweifel mehr.“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
Richard erklärte, dass seine Schwester Anna vor mehr als dreißig Jahren die Familie verlassen hatte. Sie hatte sich in einen Mann verliebt, den Richards Vater nicht akzeptieren wollte. Es war zu einem heftigen Streit gekommen. Anna war fortgegangen und hatte den Kontakt abgebrochen.
Einige Monate später hatte Richard erfahren, dass sie ein Kind bekommen hatte.
Er hatte versucht, sie zu finden.
Doch alle Briefe kamen zurück.
„Warum haben Sie sie nicht persönlich gesucht?“, fragte ich.
Sein Blick wurde traurig.
„Das habe ich. Aber unser Vater hatte dafür gesorgt, dass ich glaubte, Anna wolle nichts mehr mit uns zu tun haben. Erst nach seinem Tod fand ich heraus, dass sie mehrere Briefe geschrieben hatte. Sie hatte mich nicht vergessen.“
Ich blickte erneut auf das Foto.
„Und das Brautkleid?“
Richard sah zum Porträt an der Wand.
„Das ist der Teil, den ich Ihnen am schwersten erklären kann.“
Er bat mich, die zweite Fotografie aus der Mappe zu nehmen.
Darauf stand meine Mutter in genau demselben Brautkleid wie die Frau auf dem Gemälde.
Neben ihr stand ein junger Mann.
Ich kannte ihn nicht.
„Wer ist das?“
„Ihr Vater“, antwortete Richard.
Mir stockte der Atem.
„Mein Vater?“
„Ja. Er hieß Thomas Berger.“
Ich setzte mich langsam auf den Stuhl neben dem Bett.
Meine Mutter hatte mir immer gesagt, mein Vater sei früh gestorben. Sie hatte nie ein Foto von ihm gezeigt und nur erzählt, dass er ein guter Mensch gewesen sei.
„Warum haben Sie dann mein Gesicht auf diesem Porträt?“
Richard blickte mich ernst an.
„Weil der Künstler nicht Ihre Mutter gemalt hat. Er hat Sie gemalt.“
Ich verstand nicht.
„Aber das Bild zeigt eine erwachsene Frau.“
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