# TEIL 2: 
## Teil 2: Ein Fremder, ein altes Geheimnis und eine Schuld, die niemals existiert haben dürfte
Elena Montalvo wusste nicht, wohin Nazario Elizondo sie führte.
Sie ging neben ihm durch die schmalen Straßen von San Jerónimo del Cobre. Ihre Schritte waren langsam, denn ihre Knie zitterten noch immer. Hinter ihnen lag der Marktplatz, auf dem Hunderte Menschen zugesehen hatten, wie Don Octavio Cárdenas versucht hatte, sie vor der ganzen Stadt zu demütigen.
Keiner hatte ihr geholfen.
Bis dieser Mann gekommen war.
Nazario ging schweigend neben ihr. Er stellte keine unnötigen Fragen und versuchte nicht, sie mit leeren Versprechen zu beruhigen. Dennoch bemerkte Elena, dass er seinen Blick immer wieder über die Dächer und Hauseingänge schweifen ließ, als rechne er damit, dass ihnen jemand folgen könnte.
„Warum haben Sie das getan?“, fragte sie schließlich.
Er sah sie kurz an.
„Was meinen Sie?“
„Sie hätten sich nicht einmischen müssen. Don Octavio ist kein Mann, mit dem man sich leichtfertig anlegt.“
Nazario zog seinen Hut etwas tiefer ins Gesicht.
„Das weiß ich.“
„Dann verstehe ich es nicht.“
Er blieb an einer Straßenecke stehen. Von dort konnte man den Kirchturm sehen, dessen Glocke jeden Abend die Arbeiter aus den Minen nach Hause rief.
„Manchmal“, sagte er ruhig, „ist es gefährlicher, nichts zu tun, als sich einzumischen.“
Elena schwieg.
Diese Worte klangen nicht wie die eines Mannes, der sich für einen Helden hielt. Sie klangen wie die Worte eines Menschen, der einmal weggesehen hatte und seitdem mit den Folgen leben musste.
Nach einigen Minuten erreichten sie eine kleine Herberge am Rand der Stadt. Das Gebäude gehörte einer älteren Witwe namens Doña Inés, die Nazario offenbar kannte. Als sie die Tür öffnete und ihn erkannte, wurde ihr Gesicht ernst.
„Du bist zurückgekommen“, sagte sie.
„Nur für kurze Zeit.“
Ihr Blick wanderte zu Elena. Als sie deren aufgeschürfte Hände und das blasse Gesicht sah, stellte sie keine weiteren Fragen.
„Kommt herein. Ich habe noch Suppe auf dem Herd.“
Elena wollte ablehnen. Sie hatte kaum Geld, und sie war es gewohnt, für jede Mahlzeit zu arbeiten. Doch Doña Inés ließ ihr keine Gelegenheit, sich zu entschuldigen.
„Du kannst mir später helfen, wenn du wieder zu Kräften gekommen bist“, sagte die alte Frau. „Heute setzt du dich erst einmal hin.“
Zum ersten Mal an diesem Tag spürte Elena, wie die Anspannung langsam von ihren Schultern wich.
Während Doña Inés eine Schüssel auf den Tisch stellte, setzte Nazario sich gegenüber von Elena. Er legte seinen Hut neben sich, behielt jedoch seinen Mantel an.
„Erzählen Sie mir von Ihrem Mann“, sagte er.
Elena hielt mitten in der Bewegung inne.
„Von Tomás?“
„Ja.“
Sie betrachtete die Schüssel vor sich. Der Dampf stieg langsam auf und beschlug ihre Augen.
„Er war Bergarbeiter. Ein einfacher, ehrlicher Mann. Er arbeitete hart, beschwerte sich selten und kam jeden Abend nach Hause, selbst wenn er vor Müdigkeit kaum noch stehen konnte.“
Ein schwaches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.
„Er sagte immer, dass ein Mensch vielleicht wenig besitzen kann, aber trotzdem reich ist, wenn er abends mit ruhigem Gewissen schlafen kann.“
Nazario antwortete nicht.
„Vor zwei Jahren wurde er krank“, fuhr Elena fort. „Zuerst dachten wir, es sei nur eine Erkältung. Doch der Husten wurde schlimmer. Ich verkaufte unsere Möbel, meine Nähmaschine und schließlich sogar den kleinen Silberring meiner Mutter, um den Arzt zu bezahlen.“
Sie schluckte.
„Als Tomás starb, blieb mir fast nichts. Einige Wochen später kam Don Octavios Verwalter zu mir. Er behauptete, mein Mann habe einen Kredit über vierzig Pesos aufgenommen. Ich wusste nichts davon. Tomás hatte mir nie von einem solchen Kredit erzählt.“
„Haben Sie den Vertrag gesehen?“, fragte Nazario.
„Nur eine Kopie. Darauf stand sein Name. Aber die Unterschrift sah seltsam aus.“
Nazario beugte sich ein wenig nach vorn.
„Seltsam in welcher Hinsicht?“
„Tomás schrieb seinen Namen immer mit einem großen T, das sich nach rechts neigte. Auf diesem Papier war das T gerade. Außerdem war das Datum falsch. Es stand dort, dass er das Geld drei Tage nach seiner Beerdigung erhalten hatte.“
Für einen Moment war nur das leise Knistern des Herdfeuers zu hören.
Nazario sah Elena aufmerksam an.
„Haben Sie dieses Papier noch?“
„Nein. Don Octavios Verwalter nahm die Kopie zurück und sagte, ich müsse nur die monatlichen Raten bezahlen. Ich dachte, wenn ich fleißig genug arbeite, würde ich die Angelegenheit irgendwann hinter mir lassen.“
„Und wie viel haben Sie inzwischen bezahlt?“
Elena musste nicht lange überlegen.
„Achtundfünfzig Pesos. Vielleicht sechzig. Ich habe jede Zahlung in einem kleinen Heft notiert.“
Nazarios Gesicht veränderte sich.
„Und trotzdem verlangt Cárdenas noch Geld?“
„Er sagt, die Zinsen seien gestiegen. Letzten Monat behauptete er, ich schulde ihm bereits zweihundertachtzig Pesos.“
Doña Inés, die gerade einen Krug Wasser auf den Tisch stellte, hielt plötzlich inne.
„Zweihundertachtzig?“, wiederholte sie. „Für einen Kredit von vierzig Pesos?“
Elena senkte den Blick.
„Ich weiß, dass es unmöglich klingt.“
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