# TEIL 2: 

## Kapitel 1: Der Morgen nach dem Sturm

Als die Sonne am fünften Morgen endlich über den Bergen von Chihuahua aufging, sah La Noria aus, als hätte der Winter versucht, sie von der Landkarte zu löschen.

Schneeverwehungen reichten bis zu den Fenstern des Stalls. Ein Teil der Schutzbarriere lag zerbrochen auf der Weide, und die Zufahrt war unter einer dicken weißen Schicht verschwunden. Die Bäume am nördlichen Hang hatten ihre Äste verloren, und selbst die alten Pfosten entlang des Weges waren kaum noch zu erkennen.

Doch der Stall stand.

Die achtzehn Rinder lebten. Die Wasserbehälter im Inneren waren gefüllt, und die Lebensmittelvorräte hatten ausgereicht.

La Noria hatte überlebt.

Elena stand vor der Tür und betrachtete die Schäden. Hinter ihr lag Julián auf einer Decke neben dem Ofen. Sein Bein schmerzte, aber er bestand darauf, aufzustehen, sobald er bemerkte, dass die anderen bereits mit der Arbeit begonnen hatten.

„Sie bleiben liegen“, befahl Elena.

„Die Barriere muss repariert werden.“

„Und Ihr Bein muss untersucht werden.“

„Ich kann noch laufen.“

„Das ist keine Antwort auf meine Anweisung.“

Julián sah sie an. Für einen Augenblick schien er widersprechen zu wollen. Dann bemerkte er das Lächeln, das sich trotz ihrer ernsten Stimme auf Elenas Gesicht zeigte.

„Sie werden immer bestimmender“, murmelte er.

„Und Sie werden immer schlechter darin, sich um sich selbst zu kümmern.“

Mateo, der gerade mit einer Schüssel warmer Suppe hereinkam, grinste.

„Tía Elena hat recht.“

Elena drehte sich zu ihm um.

„Seit wann nennst du mich Tía Elena?“

Der Junge erstarrte, als hätte er gerade etwas Verbotenes gesagt.

„Entschuldigung. Ich wollte nicht …“

Elena kniete sich vor ihn.

„Du musst dich nicht entschuldigen, Mateo.“

Sie strich ihm über das Haar.

„Wenn du mich so nennen möchtest, darfst du das.“

Der Junge blickte sie ungläubig an.

Dann umarmte er sie so fest, dass sie für einen Moment das Gleichgewicht verlor.

Julián wandte den Kopf ab, doch nicht schnell genug, um die Tränen zu verbergen, die ihm in die Augen gestiegen waren.

Seit Amalias Tod hatte er sich eingeredet, dass er und seine Kinder allein zurechtkommen mussten. Er hatte jede Hilfe als vorübergehend betrachtet, jede Freundlichkeit als etwas, das er eines Tages zurückzahlen musste.

Auf La Noria begann er langsam zu verstehen, dass Familie nicht immer dort entstand, wo Menschen denselben Namen trugen.

Manchmal entstand sie dort, wo jemand blieb.

## Kapitel 2: Der Brief, den Ignacio vor seinem Tod versteckt hatte

Am Nachmittag bat Ramiro Castañeda Elena in das kleine Büro neben der Küche.

Der Verwalter war seit mehr als zwanzig Jahren auf La Noria beschäftigt. Er kannte jede Weide, jeden Wassergraben und jeden Vertrag, den Ignacio Valdés je unterschrieben hatte.

Nun hielt er einen vergilbten Umschlag in der Hand.

„Ich habe diesen Brief vor drei Tagen in den Unterlagen Ihres Mannes gefunden“, sagte er. „Eigentlich wollte ich ihn Ihnen schon früher geben. Aber nach dem Sturm …“

Elena nahm den Umschlag.

Auf der Vorderseite stand ihr Name in Ignacios Handschrift.

Ihre Finger begannen zu zittern.

Sie hatte seit drei Jahren keinen Brief mehr von ihm erhalten, und obwohl sie seine Schrift noch immer auf alten Rechnungen und Notizen erkannte, war es etwas anderes, ihren Namen auf einem Umschlag zu sehen, den er persönlich beschriftet hatte.

„Warum haben Sie ihn nicht sofort gebracht?“

Ramiro senkte den Blick.

„Weil er zusammen mit Dokumenten über die Quelle lag. Ich wollte erst prüfen, ob etwas damit nicht stimmte.“

Elena öffnete den Brief vorsichtig.

*Meine geliebte Elena,*

*falls du diese Zeilen liest, habe ich dir etwas nicht mehr selbst erklären können. Ich habe in den vergangenen Monaten erfahren, dass Leandro versucht, sich die Wasserrechte entlang des nördlichen Hangs zu sichern.*

*Er behauptet, die Quelle gehöre zu seinem Land. Das ist nicht wahr. Unser Großvater hat die ursprünglichen Grenzen festlegen lassen, und die entsprechenden Unterlagen liegen im alten Vermessungsbuch.*

*Doch es gibt etwas, das mich mehr beunruhigt als Leandros Forderungen.*

*Vor zwei Jahren habe ich ihm eine vorläufige Vereinbarung vorgelegt, die ihm erlauben sollte, einen Teil des Wassers während einer Dürre zu nutzen. Die Vereinbarung war zeitlich begrenzt und enthielt klare Bedingungen. Ich habe sie nie endgültig unterzeichnet.*

*Solltest du jemals feststellen, dass jemand anderes diese Vereinbarung als endgültigen Vertrag vorlegt, unterschreibe nichts, bevor du die Originalunterlagen geprüft hast.*

*Vertraue den Aufzeichnungen. Nicht den Versprechen.*

*In Liebe, Ignacio.*

Elena las den Brief ein zweites Mal.

Dann ein drittes Mal.

„Gibt es diese Vereinbarung noch?“, fragte sie.

Ramiro nickte langsam.

„Ich habe eine Kopie in den Geschäftsbüchern gesehen. Aber die Unterschriftsseite fehlte.“

„Wer hatte Zugang zu den Büchern?“

„Ihr Mann. Ich. Und Leandro, als er vor zwei Jahren die Verhandlungen führte.“

Elena legte den Brief auf den Tisch.

Plötzlich ergab vieles einen Sinn.

Leandro hatte nicht nur versucht, La Noria zu kaufen. Er hatte wiederholt auf die Quelle gedrängt, obwohl Elena ihm jedes Angebot abgeschlagen hatte.