# Teil 2: 

Der Oktober neigte sich dem Ende zu, als die ersten ungewöhnlich kalten Winde über die Berge von Chihuahua fegten.

Aurelia bemerkte die Veränderung früher als die anderen.

Die Vögel verschwanden von den niedrigen Ästen. Die Ziegen drängten sich am Nachmittag ungewöhnlich dicht zusammen. Und über den Gipfeln im Norden lagen Wolken, die nicht wie gewöhnliche Regenwolken aussahen, sondern wie eine dunkle Mauer, die langsam näher rückte.

Anselmo stand neben ihr am Brunnen, als sie die letzten Wassereimer ins Haus trug.

„Der Winter kommt früh“, sagte er.

Aurelia blickte zum Himmel.

„Nein. Der Winter kommt nicht nur früh. Er kommt mit Wut.“

Anselmo lachte zunächst, doch als er ihrem ernsten Gesicht begegnete, verstummte er.

„Was meinst du damit?“

„Die Luft ist zu feucht, und der Wind dreht sich ständig. Wenn der Regen beginnt und die Temperaturen weiter fallen, werden die Wege innerhalb weniger Stunden unpassierbar sein.“

„Wir haben schon viele Winter erlebt.“

„Und wie viele davon haben dir die Vorräte verdorben, bevor der erste Schnee gefallen ist?“

Anselmo antwortete nicht.

In den vergangenen Tagen hatte er gesehen, wie Aurelia die Vorratskammer neu organisiert, undichte Stellen an den Fenstern abgedichtet und die Luftzirkulation im Lager verbessert hatte. Zuerst hatte er geglaubt, sie sei eine Frau, die sich mit unnötigen Arbeiten beschäftigte, weil sie sonst nichts zu tun hatte.

Jetzt begann er zu verstehen, dass sie Dinge bemerkte, die andere übersahen.

Am Abend ging Aurelia zu Elías.

Er saß am Tisch und betrachtete die Unterlagen der Ranch. Neben ihm lagen unbezahlte Rechnungen, eine Liste mit Futtermitteln und ein Brief des Händlers aus San Lorenzo.

„Wir müssen die Vorräte überprüfen“, sagte sie.

Elías hob den Kopf.

„Schon wieder?“

„Ja.“

„Wir haben das Lager erst vor wenigen Tagen sortiert.“

„Und seitdem hat sich das Wetter verändert.“

Er legte den Stift hin.

„Aurelia, ich habe eine Ranch zu führen. Ich kann nicht jeden Tag alles neu ordnen, nur weil du eine Wolke am Himmel nicht magst.“

Sie blieb ruhig.

„Dann solltest du wenigstens die Tiere zählen, das Dach der Scheune prüfen und die Wasservorräte auffüllen.“

Elías sah sie lange an.

„Du scheinst zu vergessen, dass du hier bist, um dich um meine Kinder zu kümmern.“

„Ich habe das nicht vergessen.“

„Dann kümmere dich um sie.“

Aurelia nickte und verließ den Raum.

Doch in dieser Nacht schlief sie kaum.

Sie hatte die Berge lange genug erlebt, um zu wissen, dass die gefährlichsten Stürme nicht immer mit lautem Donner begannen. Manchmal kamen sie mit einem ungewöhnlich stillen Himmel, einem Wind, der plötzlich verstummte, und einer Kälte, die sich langsam unter die Kleidung schlich.

Am nächsten Morgen begann sie, die Zwillinge früher als gewöhnlich anzuziehen. Sie legte zusätzliche Decken bereit, füllte einen Korb mit trockener Kleidung und stellte sicher, dass die Milchflaschen, das saubere Wasser und die wichtigsten Dinge für die Kinder an einem einzigen Ort lagen.

Elena beobachtete sie mit großen Augen.

„Gehen wir fort?“, fragte das kleine Mädchen mit ihrer noch unsicheren Stimme.

Aurelia kniete sich vor sie.

„Nein, mein Herz. Wir bleiben hier. Ich möchte nur, dass wir vorbereitet sind.“

Mateo griff nach ihrem geflochtenen Haar und zog daran.

Sie lächelte trotz ihrer Sorgen und löste vorsichtig seine Finger.

„Und du, kleiner Mann, wirst mir helfen, indem du heute besonders lieb bist.“

Mateo antwortete mit einem fröhlichen Laut.

Für einen Augenblick war die Küche erfüllt von einem Geräusch, das Elías seit dem Tod seiner Frau kaum noch ertragen konnte: dem unbeschwerten Lachen eines Kindes.

Er stand im Türrahmen und sah zu.

Aurelia bemerkte ihn nicht.

Sie summte ein altes Lied, während sie die Kinder fütterte. Es war eine Melodie, die Lucía früher gesungen hatte, wie Elías mit einem schmerzhaften Stich im Herzen erkannte.

Er wollte fragen, woher Aurelia das Lied kannte, doch er sagte nichts.

Stattdessen wandte er sich ab und ging hinaus.

Bis zum Nachmittag war der Himmel grau geworden.

Gegen vier Uhr traf ein junger Reiter aus San Lorenzo ein. Sein Pferd war schweißnass, und der Mann trug einen durchnässten Mantel.

Er überbrachte Elías eine Nachricht: Der Händler würde die nächste Lieferung wegen der bevorstehenden Wetterlage verschieben. Die Straße durch den Gebirgspass sollte noch am selben Abend gesperrt werden.

Elías fluchte leise.

Ohne die Lieferung würden die Vorräte knapp werden. Noch schlimmer war, dass er am nächsten Morgen einen Teil seiner Herde zu einem Käufer bringen wollte. Das Geld war bereits für die nächste Rate auf die Ranch vorgesehen.

Wenn der Verkauf ausfiel, würde er Schwierigkeiten bekommen, die Schulden zu bezahlen.

„Wie lange wird der Sturm dauern?“, fragte er den Boten.

Der junge Mann schüttelte den Kopf.

„Niemand weiß es. In den höheren Lagen hat es bereits geschneit.“

Elías blickte zu den Bergen.

Zum ersten Mal seit langer Zeit spürte er, dass seine Erfahrung allein nicht ausreichen könnte.