# Teil 2: 

Der Regen hatte aufgehört, doch die Kälte blieb.

Tomás lag in einem kleinen Zimmer des Anwesens Salvatierra, eingehüllt in mehrere Decken. Doña Matilde saß neben seinem Bett und hielt seine Hand, während der Dorfarzt ihm warme Umschläge auflegte und seinen Zustand überwachte.

Leonor stand am Fenster.

Ihr nasses Kleid hing über einem Stuhl, und ihre Hände waren mit kleinen Kratzern bedeckt. Obwohl sie längst trockene Kleidung trug, konnte sie das Zittern nicht ganz unterdrücken.

Sie dachte nicht an die Schulden ihres Vaters.

Sie dachte nicht an die Gläubiger, die am nächsten Morgen wiederkommen würden.

Sie dachte nur an den Jungen.

„Wird er wieder gesund?“, fragte sie den Arzt zum dritten Mal.

Der ältere Mann hob den Kopf.

„Er ist erschöpft und hat viel Wasser geschluckt. Aber seine Atmung ist inzwischen gleichmäßiger. Wir müssen ihn warm halten und beobachten. Wenn sich sein Zustand verschlechtert, brauchen wir sofort weitere medizinische Hilfe.“

Leonor nickte.

„Dann bleibe ich bei ihm.“

Doña Matilde sah ihre Tochter liebevoll an.

„Du solltest dich ebenfalls ausruhen. Du bist selbst beinahe ertrunken.“

„Später, Mutter.“

In diesem Augenblick bewegte sich Tomás unter den Decken.

„Mama?“, murmelte er.

Leonor trat sofort an sein Bett.

„Nein, mein Lieber. Ich bin Leonor. Du bist auf unserem Anwesen. Du bist in Sicherheit.“

Der Junge öffnete die Augen. Sie waren dunkel und voller Verwirrung.

„Wo ist mein Vater?“

Leonor zögerte.

„Er wird bald erfahren, dass du hier bist.“

Tomás begann zu weinen.

„Er wird böse sein.“

„Warum sollte er böse sein?“

Der Junge drehte den Kopf zur Wand.

„Weil ich nicht auf den Weg geachtet habe. Ich wollte nur Minze für Mama holen. Der Diener hatte gesagt, ich solle nicht allein zum Fluss gehen.“

Leonor strich ihm vorsichtig die Decke glatt.

„Du wolltest deiner Mutter helfen. Das war lieb von dir. Aber beim nächsten Mal musst du jemanden mitnehmen, der auf dich aufpassen kann.“

Tomás nickte schwach.

„Wirst du meinem Vater sagen, dass ich dumm war?“

Leonor spürte, wie sich ihr Herz zusammenzog.

„Nein. Ich werde ihm sagen, dass du ein Junge bist, der seine Mutter liebt.“

Zum ersten Mal lächelte Tomás.

Wenig später schlief er wieder ein.

Leonor blieb an seinem Bett sitzen, bis die Dunkelheit hinter den Fenstern langsam heller wurde.

Sie ahnte nicht, dass zur selben Zeit eine Kutsche über die schlammige Landstraße raste.

Und dass der Mann darin seit Stunden nicht aufgehört hatte, seinen Sohn beim Namen zu rufen.

—

Der Herzog von Alvarado hatte noch nie in seinem Leben solche Angst erlebt.

Als ihm am späten Abend mitgeteilt worden war, dass Tomás verschwunden sei, hatte er zunächst geglaubt, der Junge befinde sich bei einem der Stallknechte.

Doch als die Dienerschaft das gesamte Anwesen durchsucht hatte, war aus Sorge Panik geworden.

Die Tore waren kontrolliert worden. Die Stallungen, die Gärten und die Wege zum Dorf waren durchsucht worden. Schließlich hatte ein alter Diener berichtet, Tomás habe einen kleinen Korb mitgenommen und nach dem Mittagessen das Anwesen verlassen.

Der Herzog hatte selbst nach ihm gesucht.

Stundenlang.

Als der Bote schließlich mit der Nachricht vom Anwesen Salvatierra zurückkehrte, hatte der Herzog den Brief so fest umklammert, dass das Papier zerknitterte.

*Euer Sohn wurde am Fluss gefunden und auf unser Anwesen gebracht. Er lebt, ist jedoch geschwächt. Wir kümmern uns um ihn, bis Ihr eintrefft.*

Darunter stand die Unterschrift von Doña Matilde.

Salvatierra.

Der Name war ihm bekannt.

Er kannte die Familie nicht persönlich, doch er wusste, dass ihr Land einst an die Grenzen seines Besitzes gereicht hatte. Er wusste auch, dass der alte Don Ramiro in finanziellen Schwierigkeiten steckte.

Und dann erinnerte er sich an den Brief, den er vor sechs Monaten geschrieben hatte.

An die junge Frau, deren Porträt ihm ein gemeinsamer Bekannter gezeigt hatte.

An Leonor Salvatierra.

Er hatte sie nie persönlich getroffen. Er hatte lediglich ihre Familiengeschichte gelesen, ihre Bildung gelobt bekommen und erfahren, dass sie sich um ihre kranke Mutter kümmerte und den Haushalt führte, obwohl ihre Familie kaum noch Geld besaß.

Er hatte ihr einen Heiratsantrag geschickt.

Nicht aus Liebe.

Damals hatte er sich eingeredet, Liebe sei für eine Ehe nicht notwendig. Er brauchte eine Frau, die seinen Haushalt führen und seinem Sohn eine Mutter sein konnte. Im Gegenzug wollte er ihre Familie vor dem finanziellen Ruin bewahren.

Es war ein vernünftiges Angebot gewesen, hatte er gedacht.

Doch Leonor hatte es abgelehnt.

Ihre Antwort war kurz gewesen.

*Eure Gnaden, ich danke Euch für das Angebot. Aber ich wünsche mir eine Ehe, in der ich als Mensch gewählt werde, nicht als Lösung für die Bedürfnisse eines anderen. Ich kann Eure Güte nicht mit meinem ganzen Leben bezahlen.*

Er hatte den Brief damals als jugendlichen Stolz abgetan.

Nun saß er in seiner Kutsche und starrte auf die Worte, die er auswendig kannte.

Die Frau, die sich geweigert hatte, seine Ehefrau zu werden, hatte seinen Sohn gerettet.