# TEIL 2: 
Julián wusste nicht, ob er gerade eine Chance bekommen oder sich in das schwierigste Abenteuer seines Lebens gestürzt hatte.
Doña Jacinta Robles hatte ihnen eine Unterkunft angeboten, aber ihr Blick ließ keinen Zweifel daran, dass sie weder Mitleid noch Dankbarkeit erwartete. Sie wollte Ergebnisse.
Noch am selben Abend zeigte sie Julián und seinen Kindern einen kleinen Raum hinter der alten Mühle. Das Dach war undicht, die Fenster schlossen nicht richtig, und in einer Ecke standen alte Mehlsäcke, die längst niemand mehr benutzt hatte.
„Hier könnt ihr schlafen“, sagte sie. „Wenn es regnet, stellt einen Eimer unter das Loch im Dach. Morgen fangen wir an.“
Jacinta drehte sich um und ging, ohne auf eine Antwort zu warten.
Jacinta, die zehnjährige Tochter Juliáns, betrachtete den Raum mit großen Augen.
„Papa, glaubst du, dass sie uns wirklich bleiben lässt?“
Julián strich ihr über das Haar.
„Solange wir ehrlich arbeiten, werden wir es herausfinden.“
Emiliano antwortete nicht. Er warf seinen abgewetzten Rucksack in eine Ecke und trat gegen einen losen Holzsplitter.
„Das ist also unser neues Zuhause? Ein Loch hinter einer kaputten Mühle?“
„Es ist ein Dach über deinem Kopf“, sagte Julián ruhig.
„Mama hätte niemals gewollt, dass wir so leben.“
Der Satz traf Julián härter als jede Beleidigung.
Er wandte sich ab, damit sein Sohn nicht sah, wie sich seine Augen mit Tränen füllten.
Seit Teresa gestorben war, hatte Emiliano aufgehört, ihm zu vertrauen. Früher war der Junge seinem Vater in die Werkstatt gefolgt, hatte Holzstücke gesammelt und davon geträumt, eines Tages selbst Möbel zu bauen. Doch nach dem Tod seiner Mutter hatte sich etwas in ihm verändert. Er sprach wenig, widersprach häufig und trug eine Wut in sich, die niemand zu erreichen schien.
Julián wusste, dass Emiliano nicht wirklich die Mühle hasste.
Er hasste die Welt, die ihm seine Mutter genommen hatte.
Und sein Vater wusste nicht, wie er ihm helfen sollte.
## Der erste Morgen an der alten Mühle
Noch vor Sonnenaufgang stand Julián auf. Er suchte sein Werkzeug zusammen, prüfte die wenigen Nägel, die ihm geblieben waren, und trat hinaus in den kühlen Morgen.
Doña Jacinta wartete bereits am Mühlrad.
„Du bist spät“, sagte sie.
Julián blickte zum Himmel. Die Sonne war noch nicht aufgegangen.
„Es ist kaum fünf Uhr.“
„Das Rad wartet nicht auf die Sonne.“
Sie reichte ihm eine alte Laterne und deutete auf das massive Holzgestell, das seit Jahren stillstand.
Julián betrachtete die Konstruktion sorgfältig. Das Rad war an mehreren Stellen beschädigt. Einige Holzzähne waren gebrochen, zwei tragende Balken hatten sich verzogen, und die Lagerung war von Rost und Schmutz bedeckt.
Doch das größte Problem war nicht das Rad selbst.
Der Wasserkanal war teilweise verschüttet, und ein Abschnitt der hölzernen Schleuse klemmte zwischen den Steinen.
„Das wird länger dauern, als Sie denken“, sagte Julián.
„Ich habe drei Jahre gewartet“, erwiderte Jacinta. „Ein paar weitere Tage werden mich nicht umbringen.“
Er nickte.
„Dann fange ich mit dem Wasserkanal an.“
Jacinta musterte ihn, als hätte sie eine andere Antwort erwartet.
„Die meisten Männer behaupten, sie könnten alles reparieren, bevor sie überhaupt hingesehen haben.“
„Ein guter Tischler schaut zuerst, bevor er das Holz berührt.“
Zum ersten Mal veränderte sich ihr Gesichtsausdruck ein wenig.
Es war kein Lächeln.
Aber es war auch keine Verachtung.
Während Julián arbeitete, half Jacinta Robles ihm, schwere Steine aus dem Kanal zu entfernen. Sie beschwerte sich über seinen langsamen Arbeitsrhythmus, korrigierte seine Haltung und schimpfte, wenn er eine Pause machte.
Julián ließ sich nicht provozieren.
Er wusste, dass Stolz kein Werkzeug war, mit dem man eine Mühle reparieren konnte.
Gegen Mittag kam Jacinta mit einem Topf Bohnen, frischem Brot und zwei Tassen Kaffee zurück.
Sie stellte das Essen auf eine Holzkiste.
„Iss.“
„Vielen Dank“, sagte Julián.
„Bedank dich, wenn das Rad wieder läuft.“
Dann ging sie zurück ins Haus.
Julián sah ihr nach.
Er hatte erwartet, für seine Arbeit kaum mehr als einen Schlafplatz zu erhalten. Dass die alte Frau selbst gekocht hatte, überraschte ihn mehr, als er zugeben wollte.
Vielleicht war sie nicht so herzlos, wie alle behaupteten.
Vielleicht hatte sie nur gelernt, niemandem zu zeigen, dass sie noch etwas fühlte.
## Emiliano entdeckt etwas, das sein Vater übersehen hatte
In den folgenden Tagen arbeitete Julián von Sonnenaufgang bis zum späten Nachmittag.
Er ersetzte beschädigte Holzteile, verstärkte die tragenden Balken und fertigte neue Zähne für das Mühlrad an. Seine Hände erinnerten sich an Bewegungen, die sein Herz beinahe vergessen hatte.
Zum ersten Mal seit dem Brand hatte er wieder das Gefühl, etwas Sinnvolles zu schaffen.
Jacinta beobachtete ihn häufig aus der Entfernung. Manchmal brachte sie ihm Material, manchmal stand sie einfach schweigend am Rand des Hofes.
Emiliano dagegen weigerte sich, sich an der Arbeit zu beteiligen.
Er half seiner Schwester, Wasser zu holen, und sammelte trockenes Holz für den Ofen. Doch sobald Julián ihn bat, ein Werkzeug zu reichen oder beschädigte Bretter auszusortieren, fand er einen Grund, wegzugehen.
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