Ich hatte mir geschworen, nie wieder über diese Zeit zu sprechen.
Doch nun sah mich Dante an, und ich begriff, dass das Geheimnis, das ich jahrelang bewahrt hatte, vielleicht mit dem Verschwinden seiner Frau zusammenhing.
„Mr. Russo, darf ich Ihnen eine Frage stellen?“
„Natürlich.“
„Wie lange kannten Sie Clara, bevor Sie geheiratet haben?“
Er schien überrascht.
„Drei Jahre. Warum?“
„Und wissen Sie, ob sie früher unter einem anderen Namen gelebt hat?“
Seine Miene veränderte sich.
„Sie hieß Clara Bellini, bevor sie mich heiratete. Warum fragen Sie das?“
Meine Finger schlossen sich fester um die Teetasse.
Bellini.
Dieser Name hatte mich seit meiner Kindheit verfolgt.
Meine Mutter hatte ihn nur ein einziges Mal erwähnt, in der Nacht, bevor sie starb. Sie war damals schwer krank gewesen und hatte meine Hand fest gehalten.
*Wenn eines Tages eine Frau namens Clara nach dir fragt, hör ihr zu. Vielleicht kann sie dir erklären, warum ich damals verschwinden musste.*
Ich hatte geglaubt, es seien die verwirrten Worte einer sterbenden Frau gewesen.
Bis jetzt.
„Ich glaube“, sagte ich langsam, „dass meine Mutter Ihre Frau kannte.“
Dante stellte seine Tasse ab.
„Wie hieß Ihre Mutter?“
Ich atmete tief ein.
„Isabella Vance.“
Für einige Sekunden bewegte sich Dante nicht.
Dann stand er auf, ging zum Fenster und fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht.
„Das ist unmöglich.“
„Warum?“
Er drehte sich zu mir um.
„Weil Isabella Vance die letzte Person war, die Clara vor ihrem Verschwinden angerufen hat.“
Mir wurde schwindelig.
All die Jahre hatte ich geglaubt, meine Mutter hätte ein gewöhnliches Leben geführt. Sie hatte in einer kleinen Wohnung gearbeitet, mich allein großgezogen und sich geweigert, über ihre Vergangenheit zu sprechen.
Doch plötzlich ergaben sich Fragen, auf die ich nie eine Antwort gesucht hatte.
Warum hatte sie jeden Brief ungeöffnet verbrannt, der ohne Absender gekommen war?
Warum hatte sie mich als Kind davor gewarnt, jemandem aus der Familie Bellini zu vertrauen?
Und warum hatte sie kurz vor ihrem Tod eine kleine Messingdose unter den Dielen ihres Schlafzimmers versteckt?
Ich hatte diese Dose nach ihrem Tod gefunden.
Darin lag ein Foto.
Zwei junge Frauen standen darauf vor einem alten Gebäude. Eine davon war meine Mutter. Die andere war Clara.
Auf der Rückseite stand ein Satz in der Handschrift meiner Mutter:
*Wenn uns etwas passiert, muss Elena die Wahrheit erfahren.*
Dante blickte mich an, als hätte sich der Boden unter seinen Füßen geöffnet.
„Sie haben dieses Foto?“
Ich nickte.
„Es ist in meiner Wohnung.“
„Dann müssen wir es holen.“
„Nein“, sagte ich sofort.
Er hielt inne.
„Wie bitte?“
„Wenn meine Mutter und Ihre Frau tatsächlich gemeinsam etwas verheimlicht haben, dann sollten wir nicht einfach in meine Wohnung fahren und hoffen, dass niemand davon weiß.“
Dante musterte mich.
Dann erschien etwas Unerwartetes in seinem Gesicht.
Respekt.
„Sie denken, jemand könnte Sie beobachten.“
„Ich denke, dass Clara nicht freiwillig verschwunden ist. Und wenn sie jemand zum Schweigen bringen wollte, könnte diese Person noch immer nach Beweisen suchen.“
Dante schwieg einen Augenblick.
Dann nahm er sein Telefon und rief seinen Sicherheitschef an.
„Niemand betritt Elenas Wohnung, ohne dass wir es wissen. Ich möchte eine diskrete Überprüfung der Umgebung. Keine Alleingänge.“
Er beendete das Gespräch und wandte sich wieder mir zu.
„Sie haben gerade eine gefährliche Verbindung zwischen unseren Familien entdeckt.“
„Das war nicht meine Absicht.“
„Das glaube ich Ihnen.“
Er sah zur Schlafzimmertür, hinter der seine Tochter lag.
„Aber ich werde nicht zulassen, dass Ihnen oder Sophia etwas zustößt.“
Ich wollte ihm glauben.
Doch bevor ich antworten konnte, vibrierte mein Telefon.
Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer erschien auf dem Bildschirm.
**Hör auf, nach Clara zu suchen. Deine Mutter hat geschwiegen, um dich zu schützen. Mach nicht denselben Fehler wie sie.**
Meine Hände wurden kalt.
Dante las die Nachricht über meine Schulter. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich sofort.
„Seit wann bekommen Sie solche Nachrichten?“
„Noch nie.“
Er nahm sein eigenes Telefon heraus und fotografierte den Bildschirm, ohne meine Nachricht zu verändern.
„Wir werden herausfinden, wer das geschickt hat.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Sie verstehen nicht. Meine Mutter ist seit sieben Jahren tot. Wer immer das geschrieben hat, kennt meine Familie.“
„Dann ist es umso wichtiger, dass wir vorsichtig bleiben.“
In diesem Moment hörten wir ein leises Geräusch aus dem Schlafzimmer.
Sophia stand in der Tür. Ihre kleine Hand umklammerte den Türrahmen, und ihre Augen waren weit geöffnet.
„Elena?“
Ich ging sofort zu ihr.
„Was ist los, mein Schatz?“
Sie sah erst mich und dann Dante an.
„Ich habe mich erinnert.“
Dante kniete sich vor seine Tochter.
„Woran, Sophia?“
Das Mädchen schluckte.
„Der Mann im Haus. Er hatte einen Ring. Einen goldenen Ring mit einem schwarzen Stein.“
Dante wurde vollkommen still.
Ich sah, wie seine Gesichtszüge erstarrten.
„Bist du sicher?“, fragte er leise.
Sophia nickte.
„Mama hat den Ring gesehen. Dann hat sie gesagt, dass wir gehen müssen.“
Dante schloss für einen Augenblick die Augen.
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