Valeria erklärte mir, dass wir zunächst herausfinden müssten, welche Dokumente tatsächlich unterschrieben worden waren und welche rechtlichen Folgen sich daraus ergaben. Sie wollte außerdem prüfen, ob die Unterlagen überhaupt vollständig waren.

„Und noch etwas“, fügte sie hinzu. „Führen Sie dieses Gespräch nicht allein mit Ihrem Mann, wenn Sie befürchten, dass er Sie unter Druck setzen könnte. Sie müssen ihm nicht sofort mitteilen, dass Sie rechtlichen Rat eingeholt haben.“

Ich bedankte mich.

Als ich das Büro verließ, war ich noch immer verängstigt. Aber die Angst hatte nun eine Richtung.

Ich würde nicht länger versuchen, jedes ungute Gefühl mit einem Lächeln zu überspielen.

Ich würde Fragen stellen.

Und ich würde die Antworten überprüfen lassen.

Am Abend kehrte ich in Rodrigos Haus zurück.

Er wartete im Wohnzimmer.

Vor ihm lag dieselbe schwarze Ledermappe.

„Wo warst du?“, fragte er.

„Bei meiner Mutter.“

Er nickte, doch sein Blick blieb auf meinem Gesicht.

„Ich habe den ganzen Tag über unsere Unterhaltung nachgedacht“, sagte er. „Ich möchte nicht, dass unsere Ehe mit Misstrauen beginnt.“

Ich antwortete nicht.

Er öffnete die Mappe.

„Ich habe die Unterlagen vereinfacht. Du musst nur noch hier und hier unterschreiben.“

Er legte zwei Seiten vor mich.

Ich betrachtete sie, ohne sie anzufassen.

„Ich möchte sie zuerst von meiner Anwältin prüfen lassen.“

Stille.

Rodrigo sah mich an, als hätte ich plötzlich eine fremde Sprache gesprochen.

„Deiner Anwältin?“

„Ja.“

„Seit wann brauchst du eine Anwältin, um mit deinem eigenen Mann Geschäfte zu regeln?“

„Seit ich gebeten werde, Dokumente zu unterschreiben, die ich nicht verstehe.“

Er schloss die Mappe.

„Wer hat dir diesen Unsinn eingeredet? Deine Mutter?“

„Niemand. Es ist meine Entscheidung.“

Er stand auf und ging zum Fenster.

Lange sagte er nichts.

Dann drehte er sich zu mir um.

„Sofía, hör mir gut zu. Diese Transaktion ist wichtig. Es geht um eine Immobilie, die wir sonst verlieren könnten.“

„Dann wird eine unabhängige Prüfung dir doch nicht schaden.“

Sein Gesicht verhärtete sich.

„Du verstehst nicht, was auf dem Spiel steht.“

Ich erinnerte mich an die Nachricht auf seinem Telefon.

*Wenn sie Fragen stellt, erinnere ihn daran, was auf dem Spiel steht.*

Jetzt hörte ich dieselben Worte aus seinem eigenen Mund.

„Dann erkläre es mir“, sagte ich.

Rodrigo öffnete den Mund, schloss ihn wieder und griff nach seinem Telefon.

„Ich muss jemanden anrufen.“

Er verließ den Raum.

Ich blieb stehen und sah auf die geschlossene Mappe.

Zum ersten Mal war mir klar, dass ich möglicherweise nicht die einzige Person war, die etwas zu verlieren hatte.

Rodrigo brauchte meine Unterschrift.

Und je länger ich sie verweigerte, desto deutlicher wurde, dass diese Unterschrift für ihn viel mehr bedeutete, als er mir erzählt hatte.

## Kapitel 6: Der Anruf um Mitternacht

In dieser Nacht konnte ich kaum schlafen.

Gegen Mitternacht hörte ich Rodrigo im Arbeitszimmer sprechen. Seine Stimme war gedämpft, doch das Haus war still genug, dass ich einzelne Sätze verstehen konnte.

„Sie unterschreibt nicht.“

Eine Pause.

„Nein. Ich habe gesagt, dass ich mich darum kümmere.“

Wieder Stille.

Dann hörte ich ihn sagen:

„Wenn die Unterlagen nicht rechtzeitig eingereicht werden, verlieren wir die Kontrolle über das Grundstück.“

Ich setzte mich im Bett auf.

Ein paar Sekunden später fügte er hinzu:

„Nein, sie weiß nichts von den alten Dokumenten.“

Ich hielt den Atem an.

Alte Dokumente.

Welche alten Dokumente?

Ich wollte näher an die Tür gehen, doch dann hörte ich Schritte im Flur. Ich legte mich schnell wieder hin und schloss die Augen.

Die Schlafzimmertür öffnete sich.

Rodrigo stand im Türrahmen.

„Bist du wach?“, fragte er.

Ich zwang mich, ruhig zu atmen, und öffnete die Augen.

„Jetzt schon.“

Er betrachtete mich einige Sekunden lang.

„Ich muss morgen früh ins Büro. Es könnte sein, dass ich zwei Tage unterwegs bin.“

„Wohin?“

„Nach Guadalajara. Ein Geschäftstermin.“

Er ging zum Schrank und nahm eine Tasche heraus.

„Du solltest dich nicht so sehr wegen der Dokumente sorgen“, sagte er. „Ich werde alles erklären, wenn ich zurückkomme.“

Ich setzte mich auf.

„Warum hast du am Telefon gesagt, dass ich nichts von den alten Dokumenten weiß?“

Rodrigo hielt inne.

Die Tasche blieb in seiner Hand.

„Du hast mich belauscht?“

„Ich habe dich gehört. Du hast laut genug gesprochen.“

Er stellte die Tasche ab.

„Sofía, du musst verstehen, dass in meinem Geschäft nicht alles so einfach ist, wie es von außen aussieht.“

„Dann erzähl mir die Wahrheit.“

Er schwieg lange.

Schließlich setzte er sich auf die Bettkante.

„Vor einigen Jahren gab es bei einer Immobilie ein Problem mit den Eigentumsunterlagen. Das Unternehmen hat sich darum gekümmert. Es ist kompliziert, aber ich habe nichts getan, um dir zu schaden.“

„Warum hast du mir das nicht früher erzählt?“

„Weil es nichts mit unserer Beziehung zu tun hatte.“

„Und warum brauche ich dann eine Vollmacht?“

Er rieb sich die Stirn.

„Weil die Angelegenheit noch nicht abgeschlossen ist.“

Ich sah ihn an.

„Dann unterschreibe ich nichts, bis ich weiß, worum es geht.“