Vielleicht lag es daran, dass ich nun wusste, wie viel ich über meinen Mann nicht wusste.

Rodrigo stellte seine Schlüssel auf die Kommode und lockerte seine Krawatte.

„Ich gehe duschen“, sagte er. „Danach können wir in Ruhe reden.“

Ich nickte.

Er ließ sein Telefon auf dem Küchentisch liegen.

Normalerweise hätte ich es nicht einmal beachtet. Ich respektierte seine Privatsphäre, und ich hätte niemals seine Nachrichten durchsucht.

Doch wenige Minuten später leuchtete der Bildschirm auf.

Eine Nachricht erschien in der Vorschau.

**„Hat er das unterschrieben?“**

Ich stand wie angewurzelt da.

Der Absender war unter einem Namen gespeichert, den ich nicht kannte: *R.*

Eine zweite Nachricht folgte.

**„Wir brauchen die Unterschrift heute. Sonst funktioniert der Plan nicht.“**

Mein Mund wurde trocken.

Ich sah zur geschlossenen Badezimmertür.

Das Wasser rauschte hinter ihr.

Ich wollte das Telefon nicht berühren. Gleichzeitig wusste ich, dass ich nicht so tun konnte, als hätte ich nichts gesehen.

Dann erschien eine dritte Nachricht.

**„Wenn sie Fragen stellt, erinnere ihn daran, was auf dem Spiel steht.“**

Ich trat einen Schritt zurück.

Was bedeutete das?

Welche Unterschrift war so wichtig, dass jemand am Tag unserer Hochzeit darauf wartete? Und warum sollte Rodrigo jemanden an etwas erinnern müssen, wenn ich Fragen stellte?

Ich nahm mein eigenes Telefon aus der Tasche und fotografierte den Bildschirm, ohne Rodrigos Nachrichten zu öffnen. Danach legte ich sein Gerät genau dorthin zurück, wo es gelegen hatte.

Meine Hände zitterten.

Als das Wasser verstummte, ging ich ins Wohnzimmer und setzte mich auf das Sofa. Ich zwang mich, ruhig zu atmen.

Wenige Minuten später kam Rodrigo heraus, in ein frisches Hemd gekleidet.

„Alles in Ordnung?“, fragte er.

Ich sah zu ihm auf.

„Ja.“

Das Wort kam mir fremd vor.

Er setzte sich neben mich und legte einen Arm um meine Schultern.

„Du warst beim Essen so still. Hast du wegen der Dokumente noch Fragen?“

Ich blickte ihn an.

„Wer ist R.?“

Sein Arm wurde für einen kurzen Augenblick steif.

„Was?“

„R. Jemand hat dir geschrieben.“

Rodrigo nahm sofort sein Telefon vom Tisch und betrachtete das Display.

„Ein Geschäftspartner.“

„Warum fragt er, ob ich unterschrieben habe?“

Er antwortete nicht sofort.

Dann lachte er leise, als wäre meine Frage lächerlich.

„Weil die Dokumente mit einem Geschäft zu tun haben. Wir arbeiten seit Monaten daran.“

„Und warum steht in der Nachricht, dass der Plan sonst nicht funktioniert?“

Sein Gesicht veränderte sich.

„Hast du meine Nachrichten gelesen?“

„Die Vorschau erschien auf dem Bildschirm.“

Er stand auf.

„Sofía, das geht zu weit.“

„Ich habe dein Telefon nicht durchsucht. Ich habe nur gesehen, was auf dem Bildschirm stand.“

„Du machst aus einer normalen geschäftlichen Angelegenheit ein Drama.“

Ich erhob mich ebenfalls.

„Dann erkläre es mir.“

Er ging zum Fenster und fuhr sich mit der Hand durch die Haare.

„Es geht um eine Immobilie. Ein komplizierter Vertrag. Ich wollte dich nicht damit belasten.“

„Warum sollte meine Unterschrift dafür so wichtig sein?“

Er drehte sich um.

„Weil wir verheiratet sind! Weil manche Dinge nun einmal anders geregelt werden müssen, wenn man eine Familie gründet!“

Seine Stimme wurde lauter, und ich wich unwillkürlich zurück.

Als er es bemerkte, verstummte er.

Einige Sekunden lang standen wir uns gegenüber.

Dann senkte er die Stimme.

„Es tut mir leid. Ich bin müde. Heute war ein langer Tag.“

Er kam näher und versuchte, meine Hand zu nehmen.

Ich ließ es zu, obwohl ich mich innerlich immer weiter von ihm entfernte.

„Wir reden morgen darüber“, sagte er.

Später lag Rodrigo im Schlafzimmer und schlief.

Ich dagegen saß im Gästezimmer, mein Telefon in der Hand, und betrachtete die drei Nachrichten, die ich fotografiert hatte.

Zum ersten Mal dachte ich ernsthaft darüber nach, ob die Warnung der fremden Frau etwas mit diesen Dokumenten zu tun haben könnte.

Vielleicht hatte sie mich tatsächlich mit jemandem verwechselt.

Vielleicht hatte sie etwas gehört, das sie falsch verstanden hatte.

Aber vielleicht wusste sie auch etwas, das ich dringend wissen musste.

Ich beschloss, am nächsten Morgen nach ihr zu suchen.

## Kapitel 4: Die Frau aus Coyoacán

Am nächsten Morgen erzählte ich Rodrigo, dass ich meine Mutter besuchen wollte.

Er sah von seinem Frühstück auf.

„Heute?“

„Ja. Sie war gestern ziemlich emotional. Ich möchte Zeit mit ihr verbringen.“

Er nickte langsam.

„Natürlich. Soll ich dich hinfahren?“

„Nein, ich nehme ein Taxi.“

Er musterte mich, sagte aber nichts weiter.

Ich verließ das Haus gegen neun Uhr und fuhr direkt zum Standesamt in Coyoacán. Ich wusste nicht, wie ich die ältere Frau finden sollte. Ich kannte weder ihren Namen noch ihre Adresse.

Doch ich erinnerte mich an ihren Mantel, ihre Stimme und den Ausdruck in ihren Augen.

Ich fragte einen Straßenverkäufer, ob er sie kenne.

Er schüttelte zunächst den Kopf.

Als ich den dunklen Mantel erwähnte, dachte er nach.

„Meinen Sie vielleicht Doña Carmen? Sie sitzt manchmal auf der anderen Straßenseite.“

„Wissen Sie, wo ich sie finden kann?“

Er zeigte in Richtung eines kleinen Parks.