„Versuchen Sie es dort. Aber ich weiß nicht, ob sie heute kommt.“
Ich bedankte mich und ging los.
Ich suchte fast zwei Stunden, bis ich sie schließlich auf einer Bank nahe eines kleinen Blumenstandes entdeckte.
Sie trug denselben dunklen Mantel.
Als sie mich sah, stand sie sofort auf.
„Du bist zurückgekommen“, sagte sie.
„Ich muss mit Ihnen sprechen.“
Carmen blickte sich nervös um.
„Nicht hier.“
Sie führte mich zu einem kleinen Café in einer Seitenstraße. Dort bestellten wir Kaffee und setzten uns an einen Tisch in der hintersten Ecke.
Ich legte mein Telefon auf den Tisch.
„Sie haben mir gesagt, ich solle Rodrigo nicht heiraten. Warum?“
Carmen sah lange auf ihre Hände.
„Weil ich glaube, dass er dir nicht die ganze Wahrheit erzählt.“
„Kennen Sie ihn?“
Sie nickte.
„Nicht so, wie du denkst.“
Mein Herz schlug schneller.
„Was bedeutet das?“
Carmen holte tief Luft.
„Vor einigen Jahren arbeitete meine Tochter in einer Immobilienfirma. Sie war Buchhalterin. Sie war klug, vorsichtig und hatte ein gutes Gespür dafür, wenn etwas nicht stimmte.“
Sie machte eine Pause.
„Eines Tages bemerkte sie, dass mehrere Grundstücke verkauft wurden, obwohl die Eigentumsverhältnisse nicht geklärt waren. Einige Unterlagen waren verändert worden. Andere enthielten Unterschriften, die nicht zu den jeweiligen Eigentümern passten.“
Ich hörte schweigend zu.
„Sie meldete ihre Bedenken ihrem Vorgesetzten. Kurz darauf wurde sie entlassen. Die Firma behauptete, sie habe vertrauliche Informationen weitergegeben.“
„Was hat das mit Rodrigo zu tun?“
Carmen blickte mir direkt in die Augen.
„Er war damals einer der Verantwortlichen für die betreffenden Geschäfte.“
Ich spürte, wie mir kalt wurde.
„Vielleicht war er nur ein Mitarbeiter.“
„Das habe ich meiner Tochter auch gesagt. Sie wollte ihm zunächst keine Schuld geben. Aber sie fand seinen Namen auf mehreren Unterlagen.“
Carmen nahm einen gefalteten Zettel aus ihrer Tasche.
„Meine Tochter hat das Unternehmen verlassen. Bevor sie ging, machte sie Kopien einiger Dokumente. Sie wollte die Sache melden, hatte aber Angst, dass niemand ihr glauben würde.“
Sie schob mir den Zettel hinüber.
Darauf standen eine Firmenbezeichnung, eine Adresse und ein Datum.
Ich erkannte den Namen sofort.
Es war die Firma, für die Rodrigo angeblich schon seit Jahren als unabhängiger Immobilienberater arbeitete.
„Warum haben Sie mir das nicht gleich gestern gesagt?“, fragte ich.
Carmen sah mich traurig an.
„Weil ich nicht wusste, ob du mir glauben würdest. Du warst glücklich. Und ich hatte Angst, dass du ihn warnen würdest, bevor ich herausfinden konnte, ob er tatsächlich in die alten Vorgänge verwickelt war.“
„Aber Sie haben gesagt, ich würde nicht lange leben.“
Carmen senkte den Blick.
„Ich wollte dich erschrecken, damit du innehältst. Ich weiß nicht, ob Rodrigo dir körperlich etwas antun würde. Ich kann dir das nicht beweisen. Aber ich weiß, dass manche Menschen andere mit falschen Versprechungen und finanziellen Verpflichtungen in Schwierigkeiten bringen können. Ich wollte nicht, dass du etwas unterschreibst, das du nicht verstehst.“
Ihre Antwort war nicht die, die ich erwartet hatte.
Sie wusste nicht alles.
Sie hatte keine vollständige Erklärung für Rodrigos Verhalten.
Aber sie hatte einen Grund, misstrauisch zu sein.
Und plötzlich ergaben die Dokumente, die Nachrichten und seine Reaktion auf meine Fragen ein beunruhigendes Bild.
„Was soll ich jetzt tun?“, fragte ich.
Carmen legte ihre Hand auf den Tisch, ohne mich zu berühren.
„Unterschreibe nichts Weiteres, bevor du unabhängigen rechtlichen Rat eingeholt hast. Bewahre auf, was du bereits gesehen hast. Und wenn du dich unsicher fühlst, geh an einen Ort, an dem du Unterstützung hast.“
Ich nickte langsam.
Zum ersten Mal seit unserer Hochzeit hatte ich einen klaren Gedanken.
Ich musste nicht sofort entscheiden, ob Rodrigo ein Verbrecher war.
Ich musste herausfinden, was in den Dokumenten stand – und dafür sorgen, dass ich nicht unter Druck gesetzt wurde.
## Kapitel 5: Der Vertrag, den Rodrigo unbedingt brauchte
Noch am selben Nachmittag vereinbarte ich einen Termin bei einer Anwältin namens Valeria Montes, die mir eine Freundin empfohlen hatte.
Ich zeigte ihr die Fotos der Nachrichten und erklärte, welche Dokumente Rodrigo mir am Hochzeitstag vorgelegt hatte.
Sie hörte aufmerksam zu.
„Ich kann Ihnen anhand dieser Informationen nicht sagen, ob Ihr Mann eine Straftat begangen hat“, erklärte sie. „Aber ich kann Ihnen sagen, dass Sie keine Verträge unterschreiben sollten, deren Bedeutung Sie nicht verstehen.“
Sie bat mich, die Namen der Dokumente aufzuschreiben, an die ich mich erinnerte.
Als ich die Vollmacht erwähnte, wurde sie besonders aufmerksam.
„Eine Vollmacht kann je nach Inhalt weitreichende Befugnisse übertragen. Wir müssen wissen, welche Befugnisse gemeint sind, wie lange sie gelten und ob sie widerrufen werden können.“
„Und wenn ich bereits die Heiratsurkunde unterschrieben habe?“
„Die Heiratsurkunde ist nicht dasselbe wie ein Geschäftsvertrag. Ihre Unterschrift unter die Heiratsurkunde bedeutet nicht automatisch, dass Sie auch den anderen Unterlagen zugestimmt haben.“
Ich spürte, wie sich etwas in meiner Brust löste.
Bis zu diesem Moment hatte ich befürchtet, dass ich durch die Hochzeit bereits in etwas hineingeraten war, aus dem ich nicht mehr herauskam.
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