Sie nickte.

Dann hob sie zögernd den Blick.

„Darf ich Ihnen eine Frage stellen?“

„Bitte.“

„Warum sind Sie wirklich in diesem Hotel?“

Alexander sah sie an.

Ein schwaches Lächeln erschien auf seinem Gesicht, verschwand aber sofort wieder.

„Weil mein Vater vor vielen Jahren genau hier eine Nacht verbracht hat.“

Laura runzelte die Stirn.

„Ihr Vater?“

„Er war kein reicher Mann. Als ich klein war, arbeitete er als Fahrer und nahm gelegentlich zusätzliche Aufträge an. Eines Abends brachte er einen Gast in dieses Hotel. Es regnete stark, und mein Vater war durchnässt, als er die Lobby betrat, um auf die Rückfahrt zu warten.“

Alexander blickte aus dem Fenster.

„Der damalige Empfangsmitarbeiter behandelte ihn, als wäre er ein Störfaktor. Er forderte ihn auf, draußen zu warten, obwohl mein Vater niemanden belästigte. Er sagte, Menschen wie er sollten nicht in einer Lobby sitzen, in der sich wohlhabende Gäste aufhielten.“

Laura hielt den Atem an.

„Mein Vater erzählte mir die Geschichte später, als ich meine erste Firma gründete. Er sagte, ein Gebäude könne noch so prachtvoll sein – wenn die Menschen darin andere erniedrigten, sei es nichts weiter als ein teurer Raum.“

Er machte eine Pause.

„Ich habe diesen Satz nie vergessen.“

Laura sah ihn mit feuchten Augen an.

„Deshalb sind Sie heute so gekommen?“

„Teilweise. Ich wollte sehen, ob wir uns daran erinnern, was unser Unternehmen eigentlich verspricht.“

Er stand auf.

„Luxus sollte nicht bedeuten, dass manche Menschen mehr Respekt verdienen als andere.“

Dann ging er zur Tür.

Laura blieb zurück und dachte über seine Worte nach.

Zum ersten Mal seit langer Zeit fragte sie sich nicht, welchen Eindruck sie auf ihre Vorgesetzten machte.

Sie fragte sich, was für ein Mensch sie geworden war.

Kapitel 4: Der Manager, der nichts dem Zufall überlassen wollte

Am frühen Nachmittag betrat Richard Moore das Hotel.

Er war ein gepflegter Mann in einem maßgeschneiderten Anzug, mit silbernen Manschettenknöpfen und einem Lächeln, das er selbst in schwierigen Situationen selten verlor.

Als er erfuhr, dass Alexander Bennett persönlich im Haus war, ging er sofort in den Besprechungsraum.

„Alexander!“, rief er freundlich. „Das ist eine Überraschung. Wenn ich gewusst hätte, dass du kommst, hätte ich selbstverständlich alles vorbereitet.“

Alexander saß am Tisch und blätterte durch einen Bericht.

„Genau das wollte ich vermeiden.“

Moores Lächeln wurde schwächer.

„Wie meinst du das?“

„Ich wollte sehen, wie das Hotel funktioniert, wenn niemand weiß, dass ich hier bin.“

Moore setzte sich.

„Und wie war dein Eindruck?“

Alexander schob ihm eine Kopie der Beschwerdeberichte zu.

„Nicht besonders gut.“

Moore überflog die ersten Seiten.

„Das sieht schlimmer aus, als es ist. In einem Haus dieser Größe gibt es immer unzufriedene Gäste.“

„Siebenundzwanzig Beschwerden in drei Monaten?“

„Einige davon sind vermutlich übertrieben.“

„Und warum wurden mehrere Fälle geschlossen, ohne die Gäste zu kontaktieren?“

Moore legte die Dokumente auf den Tisch.

„Das operative Team wollte die Abläufe vereinfachen.“

„Mit erfundenen Abschlussvermerken?“

Zum ersten Mal verlor Moore sein Lächeln vollständig.

„Wer hat dir das gesagt?“

„Die Dokumente.“

Moore lehnte sich zurück.

„Alexander, wir sollten vernünftig bleiben. Ein Hotel dieser Klasse kann nicht jeden einzelnen Gast zufriedenstellen. Wir müssen unsere Ressourcen auf die Menschen konzentrieren, die den größten Umsatz bringen.“

Alexander sah ihn regungslos an.

„Sie sprechen von Menschen, nicht von Umsatzpositionen.“

„Wir führen ein Unternehmen.“

„Ein Unternehmen, das seinen Gästen Respekt verspricht.“

Moore schüttelte den Kopf.

„Du warst schon immer zu idealistisch. Dein Vater war genauso.“

Der Raum wurde still.

Alexander legte den Bericht langsam beiseite.

„Was wissen Sie über meinen Vater?“

Moore schien zu erkennen, dass er zu weit gegangen war.

„Ich meinte nur, dass er hohe moralische Ansprüche hatte.“

„Sie kannten ihn?“

„Wir sind uns einige Male begegnet.“

„Wann?“

Moore stand auf.

„Ich denke, dieses Gespräch führt zu nichts. Die Vorwürfe gegen das Hotel sollten intern geklärt werden. Ich werde dafür sorgen, dass die nötigen Maßnahmen ergriffen werden.“

„Setzen Sie sich.“

Alexander sagte es ruhig, aber so bestimmt, dass Moore tatsächlich stehen blieb.

„Sie verlassen diesen Raum erst, wenn wir über die Dokumente gesprochen haben.“

Moore blickte zur Tür.

Dort wartete Herr Weber.

Auf dem Tisch lag inzwischen ein weiterer Ordner.

Alexander öffnete ihn.

„Wir haben festgestellt, dass mehrere Beschwerden nachträglich verändert wurden. Außerdem wurden interne E-Mails gelöscht, in denen es um die Behandlung bestimmter Gäste ging.“

Moore setzte sich wieder.

„Das muss ein technischer Fehler sein.“

„Vielleicht. Deshalb werden unabhängige Prüfer die Vorgänge untersuchen.“

„Das ist unnötig.“

„Das entscheide ich.“

Alexander schob ihm ein Blatt Papier zu.

Darauf war eine E-Mail abgedruckt.

Der Absender war Moore.

Der Betreff lautete: Auswahl der Gäste für die Eröffnungsveranstaltung.

Moore überflog den Text.

Sein Gesicht veränderte sich.

„Woher haben Sie das?“

„Aus dem Unternehmensarchiv.“

„Diese E-Mail war privat.“

„Sie wurde über das geschäftliche System versendet.“

Moore schwieg.

Alexander deutete auf eine Zeile.

Dort stand die Anweisung, Gäste mit bestimmten Kleidungsstilen und einem vermeintlich niedrigen gesellschaftlichen Status von der Veranstaltung fernzuhalten, selbst wenn sie eine gültige Einladung besaßen.