Bevor die Beamten abreisten, bat der Ermittler darum, die Hütte von außen ansehen zu dürfen. Die Frau, die sich als Martha vorstellte, stimmte freundlich zu.

„Sie können sich gern umsehen“, sagte sie. „Aber bitte behandeln Sie alles mit Respekt. Mein Mann hat hier sein ganzes Leben verbracht.“

Der Ermittler hielt inne.

„Ihr Mann?“

Martha nickte traurig.

„Er ist vor zwölf Jahren gestorben. Er war Förster. Er liebte diesen Wald mehr als jeden anderen Ort auf der Welt.“

Sie führte die Polizisten zu einer kleinen Holzkiste neben dem Kamin. Darin lagen vergilbte Fotografien, alte Notizbücher und ein verblichener Dienstausweis.

Auf einem der Bilder stand ein jüngerer Mann neben einem winzigen Bärenjungen. Martha war ebenfalls darauf zu sehen.

Doch als der Ermittler das nächste Foto betrachtete, veränderte sich sein Gesichtsausdruck.

Es zeigte drei Männer vor einem Geländewagen. Einer von ihnen trug eine Jagdwaffe. Auf der Rückseite stand ein Datum, das zwölf Jahre zurücklag.

„Frau Martha“, fragte er langsam, „wissen Sie, wer diese Männer sind?“

Sie blickte auf das Foto. Ihre Finger zitterten leicht.

„Zwei davon kenne ich nicht. Aber den Mann in der Mitte … den habe ich nie vergessen.“

„Wer ist er?“

Martha antwortete erst nach einigen Sekunden.

„Er war der Mann, der die Mutter des Bären getötet hat.“

Im Raum wurde es still.

## Das Geheimnis aus der Vergangenheit

Martha erzählte, dass ihr Mann damals als Förster Hinweise auf illegale Jagd im Naturschutzgebiet gesammelt hatte. Immer wieder waren Tiere verschwunden, und an abgelegenen Stellen hatte man Spuren von Fahrzeugen entdeckt, die dort nicht hätten fahren dürfen.

Eines Morgens fand ihr Mann das verwaiste Bärenjunge.

Die Mutter war tot, und das kleine Tier war geschwächt. Martha und ihr Mann brachten es in Sicherheit und verständigten Fachleute, die ihnen halfen, das Jungtier vorübergehend zu versorgen.

Als der Bär kräftig genug war, wurde er unter fachlicher Begleitung wieder in seinen natürlichen Lebensraum entlassen.

„Wir wollten nie, dass er von Menschen abhängig bleibt“, erklärte Martha. „Er sollte ein wildes Tier sein dürfen. Aber manchmal taucht er noch in der Nähe auf.“

Der Ermittler nickte verständnisvoll.

Dann fragte er: „Hat Ihr Mann damals Anzeige gegen die Wilderer erstattet?“

Martha senkte den Blick.

„Ja. Doch kurz darauf verschwand ein Teil seiner Beweismittel. Die Ermittlungen wurden eingestellt. Mein Mann gab nicht auf, aber er konnte nie beweisen, wer dahintersteckte.“

„Und was geschah mit dem Mann auf dem Foto?“

„Er verschwand aus der Gegend. Ich hörte nie wieder etwas von ihm.“

Der Ermittler fotografierte das Bild und versprach, den alten Fall überprüfen zu lassen.

Martha dachte, damit sei die Sache erledigt.

Doch sie irrte sich.

## Eine unerwartete Nachricht

Zwei Tage später erhielt der leitende Ermittler einen Anruf von einer anderen Polizeidienststelle.

Einer der festgenommenen Flüchtigen hatte während seiner Vernehmung etwas erzählt, das die Beamten aufhorchen ließ.

Er behauptete, er habe vor einigen Jahren für einen Mann gearbeitet, der illegale Jagdausflüge organisiert hatte. Dieser Mann habe viel Geld besessen und Kontakte zu einflussreichen Personen gehabt.

Als der Ermittler ein Foto des damaligen Verdächtigen zeigte, wurde der Flüchtige nervös.

„Ja“, sagte er. „Das ist er. Ich habe ihn vor einigen Monaten getroffen.“

Es war derselbe Mann, der auf Marthas altem Foto zu sehen war.

Die Polizei nahm die Ermittlungen wieder auf. Diesmal gab es neue Hinweise, Aussagen und Unterlagen, die überprüft werden konnten.

Doch die größte Überraschung kam erst, als die Beamten den zweiten Flüchtigen befragten.

Er erzählte, dass sie nicht zufällig auf Marthas Hütte gestoßen waren.

Sie hatten vor ihrer Flucht eine Tasche mit gestohlenen Gegenständen versteckt und waren in den Wald zurückgekehrt, um sie abzuholen. Die Hütte lag in der Nähe des Verstecks.

„Wir wollten nur Geld“, erklärte er. „Wir wussten nicht, wer die Frau war.“

Die Beamten fragten nach der Tasche. Der Mann beschrieb einen alten Felsen und einen umgestürzten Baum in der Nähe der Hütte.

Ein Suchtrupp wurde losgeschickt.

Unter dem Baum fanden die Polizisten die Tasche – und darin neben den gestohlenen Gegenständen einen Umschlag mit mehreren alten Fotografien und handschriftlichen Notizen.

Die Dokumente gehörten offenbar zu einem früheren Mitglied der illegalen Jagdgruppe.

Damit bekam der alte Fall eine neue Wendung.

## Der Mann kehrt zurück

Eine Woche später stand ein schwarzer Geländewagen auf der Waldstraße vor Marthas Hütte.

Ein elegant gekleideter Mann stieg aus. Er war älter geworden, seine Haare waren grau, doch Martha erkannte ihn sofort.

Es war der Mann vom Foto.

Sie blieb auf der Veranda stehen und hielt ihren Gehstock fest.

„Was wollen Sie hier?“, fragte sie.

Der Mann sah sich nervös um.

„Ich möchte mit Ihnen sprechen.“

„Nach zwölf Jahren?“

„Ich habe gehört, dass die Polizei alte Ermittlungen wieder aufgenommen hat. Ich möchte verhindern, dass unschuldige Menschen hineingezogen werden.“

Martha betrachtete ihn lange.

„Mein Mann hat damals versucht, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Sie haben ihn nicht ernst genommen. Jetzt kommen Sie hierher und sprechen von Unschuld?“