Sie beugte sich über ihren Oberkörper, presste die Fäuste gegen die Knie und atmete so, wie sie es anderen Frauen auf der Entbindungsstation beigebracht hatte – langsam ein, noch langsamer aus, ihr Atem als etwas, das sie kontrollieren konnte, obwohl sonst nichts zu kontrollieren war.

Lucia wich nicht von seiner Seite.

— Mama, du weinst.

— Ich weiß, meine Liebe.

— Tut es sehr weh?

— Ein wenig. — Pause. Noch einmal durchatmen. — Viel.

Lucía sagte einen Moment lang nichts. Dann legte sie ihre Hand auf den Rücken ihrer Mutter – eine kleine Hand mit Nägeln, die geschnitten werden mussten, und einem Verband am Zeigefinger, weil sie drei Tage zuvor gestürzt war – und ließ sie dort liegen.

Ohne Reiben. Ohne Klopfen. Einfach nur da.

Die besondere Geste einer Person, die auf irgendeine Weise gelernt hat, dass manchmal die bloße Anwesenheit das Einzige ist, was man anbieten kann, und dass dies genügt.

Sofia bedeckte diese Hand mit ihrer eigenen.

Die Kontraktion ist vorüber.

Der Wald war still, so wie Wälder still sind, wenn der Wind aufhört – nicht im Sinne einer Abwesenheit von Geräuschen, sondern aufgrund der besonderen Klangqualität, die entsteht, wenn alles, was Geräusche macht, gleichzeitig beschlossen hat, innezuhalten.

Und in dieser Stille blickte Sofia auf.

Teil III: Der Wolf

Ich befand mich am Rand der Lichtung.

Ich hatte es nicht kommen hören. Kein Ast knarzte, kein Laub raschelte. Es war einfach da, so wie die Dinge manchmal sind, wenn man den Blick vom Boden hebt.

Groß. Grau. Mit der besonderen Haltung von Tieren, die es nicht eilig haben, weil sie nichts beweisen müssen.

Ich habe sie angesehen.

Sofias erster Instinkt war der richtige – sich nicht zu bewegen, nicht zu schreien, keine der plötzlichen Bewegungen zu machen, vor denen Texte über Begegnungen mit Wildtieren warnen, und zwar mit der Dringlichkeit einer schmerzhaft erlernten Lektion.

Doch unter diesem richtigen Instinkt verbarg sich noch etwas anderes, etwas, das in keinem der Bücher, die sie gelesen hatte, oder Kurse, die sie belegt hatte, einen Namen hatte.

Der Wolf befand sich nicht in einer bedrohlichen Haltung.

Das war es, was sein Gehirn registrierte, mit der Geschwindigkeit eines Menschen, der darin geschult war, die Körper anderer Lebewesen – ob Mensch oder Tier – zu lesen. Es war nicht die Haltung eines berechnenden Raubtiers. Es war etwas, das sich schwerer einordnen ließ.

Passt auf.

Gegenwärtig.

Etwas, das an einem Ort angekommen ist, betrachtet und bewertet dessen Beschaffenheit.

Lucía hatte sich ganz an ihre Mutter geklammert, ihr Gesicht in deren Arm vergraben.

Sofia wandte den Blick nicht von dem Wolf ab.

Der Wolf ließ Sofia nicht aus den Augen.

Und in diesem Zwischenraum – vier Meter Lichtung, Stille und Nachmittagslicht – geschah etwas, das Sofia später mit ihren Worten nicht beschreiben konnte. Sie konnte die Ereignisse beschreiben: den Wolf dort, sie hier, die Wehen, die Angst, die Verzweiflung, die sich zwei Stunden lang angestaut hatte und in diesem Moment endlich ihren Ausdruck fand.

Aber ich konnte nicht beschreiben, was ich fühlte, als ich den Mund öffnete.

„ Bitte .“ Ihre Stimme brach. Sie hatte sich nicht dazu entschlossen. Die Worte kamen von selbst, aus dem Teil von ihr, der Logik, Training, alles außer dem grundlegendsten Bedürfnis eines jeden Lebewesens in jeder Situation längst hinter sich gelassen hatte. „ Hilf mir.“

Der Wald reagierte nicht.

Der Wolf antwortete nicht.

Aber er ging auch nicht weg.

Er stand da – völlig bewegungslos, den Blick fest auf sie gerichtet – zwei Sekunden lang, die für Sofia die längsten zwei Sekunden ihres Lebens waren.

Und dann veränderte sich etwas an seiner Körperhaltung.

Ich hätte es nicht benennen können. Es war weder Aggression noch Rückzug. Es war – eine Entscheidung. Es war die Veränderung im Körper eines Tieres, das eine Bestandsaufnahme vorgenommen, eine Schlussfolgerung gezogen und nun entsprechend gehandelt hat.

Der Wolf drehte sich um.

Und er rannte.

Teil IV: Allein

Sofia streckte die Hand in Richtung der Stelle aus, wo der Wolf gewesen war.

Die Geste ergab keinen Sinn. Das wusste ich, als ich sie ausführte. Aber der Körper tut manchmal Dinge, die der Verstand nicht gutheißt, Dinge, die einfach der körperliche Ausdruck von etwas sind, das keinen anderen Ausdruck findet.

„ Bitte! “ Ihre Stimme wurde nun lauter, zu laut, die Verzweiflung hatte die Selbstbeherrschung überwunden, die sie zwei Stunden lang bewahrt hatte. „ Verlass mich nicht!“

Der Wald sog die Worte auf.

Der Wolf kehrte nicht zurück.

Lucia hob ihr Gesicht vom Arm.

— Mama. — Es war keine Frage. Es war die Art, wie Kinder den Namen ihrer Mütter aussprechen, wenn ihnen der Name allein genügt.

Sofia senkte ihre Hand.

Aufschub.

Die nächste Wehe kam drei Minuten später.

Was in der nächsten Stunde geschah, daran würde sich Sofia den Rest ihres Lebens nur bruchstückhaft erinnern – nicht als zusammenhängende Erzählung, sondern als eine Reihe von Bildern, getrennt durch die Dunkelheit, die entsteht, wenn der Schmerz so intensiv ist, dass er die Erinnerung beeinträchtigt.