— Wenn du ihm davon erzählst, wirst du nicht der Einzige sein, der es bereut.

Rajiv hörte seiner Frau mit geballten Fäusten zu.

— Sagen Sie mir nur eins: Wer ist diese Frau?

Ananya blickte ihn an, und Tränen begannen über ihre Wangen zu strömen.

Mehrere Sekunden lang konnte sie kein einziges Wort sagen.

Dann antwortete sie leise:

– Ihre Mutter.

Rajiv erstarrte.

Das Schlimmste erfuhr Rajiv jedoch erst etwas später.

Seine Mutter war von Anfang an gegen die Hochzeit gewesen, da Ananyas Familie viel ärmer war als ihre. Sie hatte gehofft, ihr Sohn würde die Tochter eines wohlhabenden Bekannten heiraten, und bis zum letzten Moment hatte sie versucht, Ananya selbst zur Absage der Hochzeit zu bewegen.

# TEIL 2: DIE BRAUT HATTE IHRE SCHWIEGERMUTTER ERKANNT – DOCH WAS RAJIV AM NÄCHSTEN MORGEN ÜBER SEINE EIGENE FAMILIE ERFUHR, VERÄNDERTE ALLES

Rajiv saß lange schweigend neben Ananya.

Er konnte kaum glauben, was er gerade gehört hatte. Seine Mutter, die Frau, die ihn sein ganzes Leben lang beschützt hatte, sollte seiner frisch angetrauten Ehefrau am wichtigsten Tag ihres Lebens Gewalt angetan haben.

„Bist du dir sicher?“, fragte er schließlich.

Ananya nickte.

„Ich würde mir wünschen, dass ich mich irre.“

Rajiv stand auf und ging zum Fenster. Er wollte sofort seine Mutter anrufen, sie zur Rede stellen und eine Erklärung verlangen. Doch als er sich umdrehte, sah er Ananya.

Sie saß noch immer auf der Bettkante und hielt ihren Schleier fest.

„Ich möchte nicht, dass du wegen mir mit deiner Familie brichst“, sagte sie leise.

Rajiv setzte sich wieder zu ihr.

„Du bist nicht schuld daran. Und du musst dich nicht dafür entschuldigen, dass dir jemand wehgetan hat.“

Er holte eine Kühlkompresse und fragte sie, ob sie medizinische Hilfe benötigte. Ananya verneinte zunächst, stimmte dann aber zu, am nächsten Morgen eine Ärztin aufzusuchen.

Rajiv versprach ihr außerdem, dass sie nicht gezwungen sein würde, seiner Mutter allein gegenüberzutreten.

Am nächsten Morgen klingelte sein Telefon.

Es war seine Mutter.

„Rajiv, warum hast du dich gestern nicht mehr gemeldet? Deine Tante wartet auf die Hochzeitsfotos.“

Rajiv antwortete ungewöhnlich ruhig:

„Mutter, wir müssen über das sprechen, was du gestern im Vorbereitungszimmer getan hast.“

Am anderen Ende der Leitung herrschte Stille.

Dann sagte sie:

„Ich weiß nicht, wovon du redest.“

„Ananya hat mir alles erzählt.“

Seine Mutter atmete hörbar aus.

„Sie übertreibt. Ich wollte lediglich mit ihr sprechen.“

„Hast du sie geschlagen?“

Wieder schwieg sie.

Schließlich antwortete sie:

„Ich wollte verhindern, dass du einen Fehler machst.“

Rajiv schloss kurz die Augen.

„Und deshalb hast du meine Frau verletzt?“

„Du verstehst nicht, was auf dem Spiel steht. Diese Frau passt nicht zu unserer Familie. Sie bringt nichts mit, außer ihrem Namen und ihrer Ausbildung.“

Rajiv blickte zu Ananya, die still am Fenster stand.

„Sie bringt etwas mit, das offenbar in unserer Familie verloren gegangen ist: Respekt.“

Dann beendete er das Gespräch.

Doch damit war die Angelegenheit nicht erledigt.

Am Nachmittag kam sein Vater ins Haus. Er wirkte nervös und bat Rajiv um ein Gespräch.

„Deine Mutter hat mir erzählt, dass es gestern eine Auseinandersetzung gegeben hat“, begann er.

„Sie hat Ananya geschlagen.“

Der Vater sah auf den Boden.

„Ich weiß.“

Rajiv blickte ihn ungläubig an.

„Du wusstest davon?“

„Nicht von dem Schlag. Aber ich wusste, dass sie Ananya vor der Hochzeit unter Druck setzen wollte.“

„Und du hast nichts getan?“

Sein Vater setzte sich schwer auf einen Stuhl.

„Ich dachte, sie würde sich beruhigen. Ich wollte keinen Streit kurz vor der Hochzeit.“

Rajiv schüttelte den Kopf.

„Du hast den Streit nicht verhindert. Du hast nur dafür gesorgt, dass Ananya allein damit war.“

Der Vater schwieg.

Nach einer Weile zog er einen gefalteten Brief aus seiner Jackentasche.

„Es gibt noch etwas, das du wissen solltest.“

Rajiv nahm den Brief entgegen.

Er war an seine Mutter adressiert und trug das Datum von drei Wochen zuvor.

Der Absender war ein Mann namens Vikram Malhotra, ein Geschäftspartner der Familie.

Rajiv begann zu lesen.

Darin wurde eine mögliche Verbindung zwischen Rajiv und Vikrams Tochter erwähnt. Die Familien hatten offenbar bereits über eine Heirat gesprochen, obwohl Rajiv davon nichts wusste.

Noch beunruhigender war ein Satz am Ende:

*„Wenn Rajiv die vorgeschlagene Verbindung ablehnt, sollten wir zumindest sicherstellen, dass die andere Hochzeit nicht zustande kommt.“*

Rajiv sah seinen Vater an.

„Was bedeutet das?“

„Deine Mutter hatte gehofft, dass du Vikrams Tochter heiratest. Sie glaubte, damit unsere geschäftliche Stellung zu stärken.“

„Meine Hochzeit sollte also eine Geschäftsvereinbarung werden?“

Sein Vater nickte langsam.

„Ich hätte dir davon erzählen müssen.“

Rajiv legte den Brief auf den Tisch.

Nun verstand er, warum seine Mutter so heftig gegen Ananya gewesen war. Es ging nicht nur um den gesellschaftlichen Unterschied zwischen den Familien. Sie hatte bereits eine andere Zukunft für ihren Sohn geplant.

Am Abend kam seine Mutter persönlich vorbei.

Sie trug ein elegantes Kleid und verhielt sich, als wäre nichts geschehen.