Clara blickte auf.
„Wer ist dieser Mann?“
Der Polizist blätterte noch einmal durch die Seiten. Ein Name war im Brief nicht ausgeschrieben. Martin hatte lediglich die Initialen notiert:
H. W.
Ein Raunen ging durch die Menge.
Jeder im Dorf kannte diese Initialen.
Henry Weber war der Besitzer des größten landwirtschaftlichen Betriebs in der Gegend. Er hatte Martin angeblich in den letzten Wochen vor seinem Tod mehrfach besucht und sich sogar um die Organisation der Beerdigung gekümmert.
Und an diesem Morgen hatte er die ganze Zeit in der ersten Reihe gestanden.
Doch jetzt war sein Platz leer.
„Wo ist Herr Weber?“, fragte der Polizist.
Niemand antwortete.
Ein älterer Nachbar deutete schließlich auf das Friedhofstor.
„Er ist gerade weggegangen. Vor wenigen Minuten.“
Die Beamten tauschten einen ernsten Blick aus. Zwei von ihnen eilten zum Tor, während ein anderer über Funk Verstärkung anforderte.
Clara hielt den Brief mit beiden Händen fest.
„Martin“, flüsterte sie, „was hast du entdeckt?“
Thunder trat langsam an ihre Seite und senkte den Kopf. Clara legte eine Hand an seinen Hals. Zum ersten Mal an diesem Morgen fühlte sie sich nicht vollkommen allein.
Doch dann entdeckte sie etwas am unteren Rand des Briefes: eine letzte Zeile, die sie zuvor übersehen hatte.
Dort stand:
„Der Schlüssel öffnet nicht die Scheune. Er öffnet den Ort, an dem alles begann.“
Clara drehte den kleinen Messingschlüssel in ihrer Hand.
Sie kannte diesen Schlüssel.
Er gehörte zu einem alten Schrank im Arbeitszimmer ihres Mannes – einem Schrank, den Martin seit Jahren abgeschlossen hielt und den er ihr niemals hatte öffnen lassen.
„Wir müssen zum Hof“, sagte sie.
Der Polizist nickte. „Sie kommen mit uns. Aber wir gehen vorsichtig vor.“
Als sie den Friedhof verließen, blickte Clara ein letztes Mal zurück auf den zerbrochenen Sarg. Thunder folgte ihr dicht, als hätte er beschlossen, sie nicht mehr allein zu lassen.
Niemand wusste, was sie auf dem Bauernhof finden würden.
Doch als Clara den Schlüssel später in das alte Schloss steckte und die Tür des Schranks öffnete, lag darin keine Geldkassette und kein Schmuck.
Darin befand sich ein Foto.
Es zeigte Martin vor vielen Jahren, neben einem jungen Henry Weber – und zwischen ihnen stand ein dritter Mann, dessen Gesicht Clara sofort erkannte.
Ihr eigener Bruder.
Der Bruder, von dem ihr seit über zwanzig Jahren erzählt worden war, er sei bei einem Unfall ums Leben gekommen.
Auf der Rückseite des Fotos stand ein Datum, das erst wenige Tage zurücklag.
Clara ließ das Bild sinken.
Wenn das Datum stimmte, war ihr Bruder nicht vor zwanzig Jahren gestorben. Jemand hatte sie all diese Zeit belogen.
Und nun musste Clara herausfinden, warum Martin dieses Geheimnis bis zu seinem Tod bewahrt hatte – und weshalb Henry Weber so dringend verhindern wollte, dass es ans Licht kam.
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