„Clara, hör mir zu. Das ist komplizierter, als es aussieht. Ich wollte dich schützen.“

Ich sah ihn an.

„Vor deinem eigenen Betrug?“

„Pass auf, wie du mit mir sprichst!“

Früher hätte ich mich bei diesem Tonfall sofort entschuldigt.

Heute nicht.

„Nein, Vater. Du solltest aufpassen, wie du mit mir sprichst.“

Daniel blieb an meiner Seite, sagte aber nichts.

Und genau das brauchte ich.

Keine Rettung.

Keinen Menschen, der für mich sprach.

Nur jemanden, der mir den Raum ließ, meine eigene Stimme zu benutzen.

Ich steckte das Dokument in meine Tasche und wandte mich zur Tür.

„Clara!“, rief mein Vater.

Ich blieb stehen, drehte mich aber nicht um.

„Wenn du jetzt gehst, gibt es kein Zurück.“

Ich blickte über die Schulter.

„Das ist das erste Vernünftige, was du heute Abend gesagt hast.“

Dann ging ich.

Daniel folgte mir erst, nachdem ich die Terrasse verlassen hatte.

Draußen war die Nacht kühl geworden. Die Lichter der Stadt spiegelten sich in den Fenstern des Hotels, und zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte ich das Gefühl, dass mein Leben nicht mehr von den Entscheidungen anderer bestimmt wurde.

Daniel blieb in einigem Abstand stehen.

„Clara?“

Ich drehte mich zu ihm.

„Du hast gesagt, du hättest mir die Wahrheit schon vor Monaten zeigen können. Warum gerade heute?“

Er schwieg kurz.

Dann antwortete er:

„Weil ich heute Nachmittag einen Brief erhalten habe. Von einem Anwalt, der deine Großmutter vor ihrem Tod vertreten hat.“

Er zog einen gefalteten Umschlag aus seiner Jackentasche.

Mein Name stand darauf.

In der Handschrift meiner Großmutter.

Mir wurde plötzlich kalt.

„Woher hast du den?“

„Er sollte dir erst übergeben werden, wenn du bereit wärst, selbst nach der Wahrheit zu suchen. Der Anwalt wusste nicht, wie er dich erreichen sollte. Ich habe ihn vor einigen Jahren kennengelernt, als wir wegen einer geschäftlichen Angelegenheit zusammenarbeiteten.“

Ich nahm den Umschlag.

Meine Finger zitterten, als ich ihn öffnete.

Im Inneren lag ein einzelnes Blatt Papier.

Die ersten Worte ließen mich den Atem anhalten.

Meine liebste Clara, wenn du diesen Brief liest, bedeutet das, dass dein Vater dir noch immer nicht die Wahrheit gesagt hat.

Ich las weiter.

Es gibt einen Grund, warum ich dich zur alleinigen Begünstigten meines Nachlasses bestimmt habe. Und es gibt einen Grund, warum ich darauf bestanden habe, dass der Jadeanhänger bei dir bleibt.

Darunter stand ein Satz, der alles veränderte.

Vertraue deinem Vater nicht, wenn er behauptet, dass ich eines Tages meine Meinung geändert hätte. Ich habe niemals zugestimmt, mein Vermögen auf ihn zu übertragen.

Ich las den Satz ein zweites Mal.

Dann ein drittes Mal.

Am Ende des Briefes stand noch eine letzte Nachricht:

Wenn du wissen willst, was wirklich geschehen ist, suche nach dem blauen Buch in meinem alten Haus. Aber gehe nicht allein dorthin. Dein Vater weiß, dass es existiert.

Ich hob langsam den Blick.

Daniel war blass geworden.

„Was ist?“, fragte ich.

Er deutete auf den Brief.

„Clara, ich muss dir etwas gestehen.“

Ich faltete das Papier zusammen.

„Was?“

Er sah mich ernst an.

„Das Haus deiner Großmutter wurde vor drei Tagen verkauft.“

Ich starrte ihn an.

„Von wem?“

Daniel antwortete nicht sofort.

Dann sagte er den Namen, vor dem ich mich insgeheim bereits fürchtete.

„Von deinem Vater.“

Ich spürte, wie sich meine Hände zu Fäusten ballten.

Doch bevor ich etwas sagen konnte, vibrierte mein Telefon.

Eine unbekannte Nummer.

Eine Nachricht.

Wenn du wissen willst, was dein Vater wirklich getan hat, komm morgen um zehn Uhr zum alten Anwesen. Bring den Jadeanhänger mit. Und sag Daniel nichts.

Darunter stand ein Name.

Eleanor Hart.

Der Name meiner Großmutter.

Ich blickte auf den Bildschirm, unfähig, mich zu bewegen.

Meine Großmutter war seit fünf Jahren tot.

Und trotzdem hatte mir gerade jemand geschrieben, der ihren Namen benutzte.

Ende von Kapitel 2.