
Vanessa stellte den leeren Schlauch neben Emma ab und verschränkte die Arme.
„Na los. Ich habe dir gesagt, du sollst das aufwischen.“
Das schmutzige Wasser breitete sich langsam über den Boden aus. Einige Insassinnen lachten, andere beobachteten die Szene mit gesenktem Blick. Niemand wollte sich mit Vanessa anlegen.
Emma betrachtete zunächst den Boden. Dann sah sie Vanessa ruhig an.
„Hast du eigentlich eine Ahnung, was du gerade getan hast?“, fragte sie leise.
Vanessa lachte laut auf.
„Was soll ich getan haben? Ich habe dir eine Aufgabe gegeben.“
„Nein“, antwortete Emma. „Du hast absichtlich eine Gefahr geschaffen und erwartest jetzt, dass jemand anderes die Folgen beseitigt.“
Vanessas Lächeln verschwand für einen Augenblick.
„Du willst mir wohl erklären, was ich zu tun habe?“
Emma antwortete nicht. Stattdessen stellte sie den Reinigungseimer zur Seite, ging zum nächstgelegenen Wärter und meldete den Vorfall.
Vanessa verdrehte die Augen.
„Siehst du? Sie rennt sofort zu den Wärtern!“
Doch dann geschah etwas Unerwartetes.
Der Wärter kam nicht allein zurück. Neben ihm stand die Gefängnisleiterin, Frau Berger. Ihr Gesicht war ungewöhnlich ernst.
„Wer hat den Schlauch geöffnet?“, fragte sie.
Niemand antwortete.
Emma hob ruhig die Hand.
„Vanessa war es. Mehrere Frauen haben es gesehen.“
Vanessa sprang auf.
„Das ist gelogen! Sie versucht nur, mich schlecht aussehen zu lassen!“
Frau Berger hob die Hand und unterbrach sie.
„Wir werden die Aufzeichnungen der Hofkameras überprüfen. Bis dahin wird niemand den Bereich betreten.“
Vanessa wurde blass.
Sie hatte geglaubt, Emma würde sich einfach alles gefallen lassen. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass das Mädchen so ruhig bleiben und den Vorfall offiziell melden würde.
Doch damit war die Sache noch lange nicht beendet.
Am Abend wurde Emma ins Büro der Gefängnisleiterin gerufen.
„Ich möchte dich etwas fragen“, begann Frau Berger. „Warum hast du dich in den vergangenen Tagen nie gewehrt, obwohl Vanessa dich ständig provoziert hat?“
Emma blickte auf ihre Hände.
„Weil ich wusste, dass sie genau darauf wartet.“
„Worauf?“
„Dass ich die Kontrolle verliere. Dann könnte sie behaupten, ich hätte angefangen.“
Frau Berger schwieg einen Moment.
Emma zog einen gefalteten Brief aus ihrer Tasche.
„Außerdem habe ich etwas gefunden, das Sie wissen sollten.“
Die Leiterin nahm das Papier entgegen. Es war eine Kopie eines alten Beschwerdeformulars. Darauf standen mehrere Namen von Insassinnen, die in den vergangenen Monaten Vorfälle gemeldet hatten.
Neben jedem Namen befand sich dieselbe handschriftliche Bemerkung: „Keine weiteren Maßnahmen erforderlich.“
Frau Berger runzelte die Stirn.
„Woher hast du das?“
„Eine Mitinsassin hat es mir gegeben. Sie hatte Angst, selbst damit zu Ihnen zu kommen.“
Die Leiterin las die Namen erneut. Einige davon kannte sie. Andere gehörten Frauen, die angeblich nie Beschwerden eingereicht hatten.
Plötzlich verstand sie, dass es möglicherweise nicht nur um Vanessa ging.
Am nächsten Morgen wurden mehrere Insassinnen einzeln befragt. Zum ersten Mal seit langer Zeit wagten sich Frauen, die sonst kaum ein Wort sagten, ihre Erlebnisse zu schildern.
Vanessa bemerkte schnell, dass sich etwas verändert hatte.
Ihre Anhängerinnen hielten Abstand. Niemand lachte mehr über ihre Bemerkungen. Und als sie Emma im Speisesaal begegnete, setzte sich das junge Mädchen einfach an einen freien Tisch.
Vanessa blieb vor ihr stehen.
„Du glaubst wohl, du hast gewonnen?“
Emma legte ihr Besteck ab.
„Es geht nicht darum, wer gewinnt. Es geht darum, dass niemand das Recht hat, andere Menschen zu erniedrigen.“
Vanessa wollte etwas erwidern, doch in diesem Moment öffnete sich die Tür.
Frau Berger trat ein. In ihrer Hand hielt sie einen Umschlag.
„Vanessa, du kommst bitte mit mir.“
Vanessa wurde nervös.
„Warum?“
Die Leiterin legte den Umschlag auf den Tisch.
„Wir haben die Aufnahmen überprüft. Und außerdem ist heute eine Aussage eingegangen, die einiges verändert.“
Vanessa starrte auf den Umschlag.
Dann sah sie Emma an.
Zum ersten Mal war in ihrem Gesicht keine Überheblichkeit mehr zu erkennen.
Es war Angst.
Denn die Frau, deren Aussage sich in dem Umschlag befand, war jemand, von dem Vanessa geglaubt hatte, dass sie niemals den Mut finden würde, gegen sie auszusagen.
Und als Frau Berger den Namen laut vorlas, verstummte der gesamte Speisesaal.
Es war Vanessas eigene engste Vertraute.
„Es war Julia“, wiederholte Frau Berger.
Ein leises Raunen ging durch den Speisesaal.
Julia war seit fast drei Jahren Vanessas engste Vertraute. Sie hatte immer neben ihr gesessen, ihre Befehle ausgeführt und über ihre Witze gelacht. Viele Insassinnen glaubten, dass Vanessa ohne Julia kaum noch Einfluss hätte.
Vanessa starrte sie an.
„Das ist nicht dein Ernst.“
Julia stand langsam auf. Ihre Hände zitterten.
„Doch. Ich habe ausgesagt.“
„Nach allem, was ich für dich getan habe?“
Julia schluckte.
„Du hast nichts für mich getan. Du hast mir nur eingeredet, dass ich ohne dich niemand bin.“
Vanessa lachte verächtlich.
„Du wirst es bereuen.“
„Vielleicht“, antwortete Julia. „Aber ich werde nicht länger so tun, als wäre alles in Ordnung.“
Frau Berger bat beide Frauen, sich zu beruhigen. Anschließend erklärte sie, dass die Aussagen vertraulich aufgenommen und unabhängig geprüft würden. Niemand werde wegen einer Aussage eingeschüchtert oder benachteiligt.
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