„Dein Vater wusste also, dass meiner nicht zurückkommen würde?“

„Vielleicht.“

„Und er hat mir nichts gesagt.“

Molly senkte den Blick.

„Es tut mir leid.“

Ich wollte ihr sagen, dass sie keine Schuld daran trug. Doch ich war noch nicht bereit, so zu tun, als wäre alles in Ordnung.

Stattdessen blätterte ich weiter.

Hinter den Unterlagen lag ein kleines Foto.

Es zeigte meinen Vater vor einem Krankenhaus. Neben ihm stand eine Frau, die ich nicht kannte. Sie hielt ein Baby auf dem Arm.

Auf der Rückseite stand:

*Ethan, du hast eine Schwester. Ihr Name ist Grace.*

Ich starrte auf das Foto.

„Eine Schwester?“

Molly beugte sich näher.

„Das ist also der Name, den dein Vater auf der Aufnahme erwähnt hat?“

Ich nickte.

Doch bevor ich etwas sagen konnte, hörten wir Schritte im Gang.

Jemand blieb direkt vor der Tür stehen.

„Ist jemand da drin?“, rief eine Männerstimme.

Molly richtete sich auf.

Ich steckte das Foto in meine Jackentasche und trat zur Tür.

Ein älterer Mann stand draußen. Er trug eine dunkle Arbeitsjacke und hielt ein Klemmbrett in der Hand.

„Entschuldigen Sie“, sagte er. „Ich habe gesehen, dass Raum 214 geöffnet wurde.“

„Wir haben die Berechtigung dazu“, antwortete Molly.

Der Mann blickte auf den Karton mit meinem Namen.

Dann wurde sein Gesicht blass.

„Sie sind Ethan Carter?“

Ich nickte.

Er atmete langsam aus.

„Ich habe mich gefragt, wann Sie kommen würden.“

„Kennen Sie meinen Vater?“

Der Mann sah sich im Gang um, bevor er antwortete.

„Ich kannte Daniel. Er hat mich vor vielen Jahren gebeten, eine Nachricht für Sie aufzubewahren.“

„Welche Nachricht?“

Er griff in seine Jackentasche und holte einen kleinen Umschlag hervor.

Auf der Vorderseite stand:

**Nur öffnen, wenn Ethan die Unterlagen gefunden hat.**

Ich nahm ihn entgegen.

Meine Finger zitterten.

Der Mann nickte Molly kurz zu und ging den Gang hinunter.

Ich öffnete den Umschlag.

Darin lag ein einzelnes Blatt.

*Ethan,*

*wenn du diesen Brief liest, hast du wahrscheinlich bereits erfahren, dass ich dich nicht freiwillig verlassen habe.*

*Aber es gibt etwas, das du noch nicht weißt.*

*Deine Mutter war nicht die einzige Person, die damals entschieden hat, dass du mich vergessen solltest.*

*Thomas Bennett wusste, was wirklich geschehen war. Und er war nicht der Einzige.*

Ich hielt inne.

Molly stand neben mir, völlig regungslos.

Dann las ich den letzten Absatz.

*Wenn du wissen willst, warum ich verschwinden musste, suche nach Grace Carter. Sie lebt noch. Und sie besitzt das Dokument, das beweist, wer damals die Entscheidung getroffen hat.*

Unter dem Text stand eine Adresse.

Und darunter ein letzter Satz:

**„Vertraue nicht jedem, der behauptet, dich damals beschützt zu haben.“**

Ich faltete den Brief zusammen.

Molly sah mich an.

„Was machen wir jetzt?“

Ich blickte auf das Foto in meiner Hand.

Ein kleines Mädchen, das ich nie kennengelernt hatte, hielt die Hand meines Vaters.

Vielleicht war sie meine Schwester.

Vielleicht war sie der Schlüssel zu allem, was damals geschehen war.

„Wir finden Grace“, sagte ich.

Molly nickte.

Doch als ich mein Handy hervorholte, erschien eine neue Nachricht von einer unbekannten Nummer.

Nur ein Satz:

**„Wenn Sie Grace Carter suchen, sollten Sie wissen, dass sie seit gestern vermisst wird.“**

Ich starrte auf den Bildschirm.

Neunzehn Jahre lang hatte ich geglaubt, mein Vater sei einfach gegangen.

Jetzt hatte ich Briefe, ein Foto und einen Namen.

Und möglicherweise war die Person, die mir endlich die Wahrheit erzählen konnte, gerade verschwunden.