# 😱 TEIL 2: 

Der Millionär stellte das Tablett vorsichtig auf dem Boden ab.

„Soll ich vielleicht …?“

„Bloß nicht!“, wiederholte die Babysitterin und hob warnend einen Finger. „Wenn Sie sich jetzt hinsetzen, betrachten die beiden das als Einladung zur nächsten Runde.“

Zum ersten Mal seit Monaten musste Alexander Weber lachen.

Er war es gewohnt, dass Menschen in seiner Gegenwart leiser wurden. Mitarbeiter warteten auf seine Anweisungen, Geschäftspartner achteten auf jedes Wort, und selbst Freunde schienen manchmal zu überlegen, ob sie etwas sagen durften.

Doch hier herrschte ein völlig anderes Gesetz.

Seine vierjährigen Zwillinge Leo und Noah hatten beschlossen, dass der Wohnzimmerteppich ein Abenteuerland war – und ihre Babysitterin Sophie offenbar die Hauptfigur.

„Papa!“, rief Leo, als er ihn endlich richtig bemerkte.

Noah sprang ebenfalls auf.

„Papa ist da! Papa muss mitspielen!“

Alexander hob beide Hände.

„Moment. Ich bin gerade erst angekommen.“

„Das sagen Erwachsene immer“, erklärte Leo ernst.

Sophie biss sich auf die Lippe, um nicht wieder loszulachen.

Alexander sah sie an. „Sagen Sie ihnen das etwa auch?“

„Nein“, antwortete sie. „Das haben sie ganz allein herausgefunden.“

Die Zwillinge griffen nach seinen Händen und zogen ihn in die Mitte des Teppichs. Alexander wollte zunächst protestieren. Sein Anzug kostete mehr als das gesamte Wohnzimmerinventar, und auf seinem Schreibtisch warteten wichtige Unterlagen.

Doch dann sah er die erwartungsvollen Gesichter seiner Söhne.

Er legte seine Jacke ab.

„Also gut. Was sind die Regeln?“

„Du bist der Drache!“, rief Noah.

„Und wir retten Sophie!“, ergänzte Leo.

„Warum muss ich der Drache sein?“, fragte Alexander.

Sophie zuckte mit den Schultern.

„Sie haben die größere Stimme.“

Die Zwillinge kreischten begeistert.

Und so begann Alexander Weber, Vorstandsvorsitzender eines internationalen Unternehmens, auf allen vieren über seinen eigenen Wohnzimmerteppich zu kriechen.

Zum ersten Mal seit langer Zeit dachte er nicht an Umsätze, Verträge oder den nächsten Termin.

Er dachte nur daran, wie sehr seine Söhne lachten.

—

## Die junge Frau, die seine Kinder wirklich kannte

Als die Zwillinge schließlich erschöpft auf dem Teppich lagen, brachte Sophie ihnen Wasser und setzte sich neben sie.

Alexander beobachtete sie aufmerksam.

Sie war erst zwanzig Jahre alt, studierte Pädagogik und arbeitete seit drei Monaten bei ihnen. Er hatte sie eingestellt, weil ihre Referenzen gut gewesen waren und sie einen ruhigen, zuverlässigen Eindruck gemacht hatte.

Aber er hatte nie wirklich gefragt, wie sie ihren Alltag mit den Kindern gestaltete.

„Sie scheinen sie ziemlich gut zu kennen“, sagte er.

Sophie lächelte.

„Sie sind zwei ganz unterschiedliche kleine Persönlichkeiten.“

„Sie sind Zwillinge. Ich dachte, sie wären sich ähnlicher.“

„Das denken viele“, antwortete sie. „Leo beobachtet erst alles, bevor er etwas ausprobiert. Noah möchte am liebsten sofort loslegen. Wenn einer eine Idee hat, macht der andere meistens mit – allerdings aus ganz unterschiedlichen Gründen.“

Alexander blickte zu seinen Söhnen.

Leo sortierte gerade die Bauklötze nach Farben. Noah baute daraus einen Turm, der bereits bedenklich schwankte.

„Das stimmt“, sagte er leise.

Sophie sah ihn kurz an.

„Sie müssen sich nicht schlecht fühlen, wenn Sie das bisher nicht bemerkt haben.“

Alexander runzelte die Stirn.

„Warum sollte ich mich schlecht fühlen?“

Sie antwortete vorsichtig:

„Weil Sie gerade so überrascht aussehen, als würden Sie Ihre Kinder zum ersten Mal richtig sehen.“

Der Satz traf ihn stärker, als er erwartet hatte.

Er wollte etwas erwidern, doch in diesem Moment fiel Noahs Turm um. Beide Jungen lachten, und Alexander musste wieder lächeln.

—

## Das Bild auf dem Kühlschrank

Später gingen die Zwillinge ins Kinderzimmer, um ihre Stifte zu holen. Sophie begann, die Bauklötze einzusammeln.

Alexander stand auf und ging zur Küche.

Dort bemerkte er ein Bild am Kühlschrank.

Es zeigte vier Figuren: zwei kleine Jungen, eine junge Frau und einen großen Mann mit ungewöhnlich langen Armen. Über dem Bild stand in bunten Buchstaben:

**„UNSERE FAMILIE“**

Alexander betrachtete es lange.

„Wer hat das gemalt?“

„Die beiden“, sagte Sophie hinter ihm. „Wir haben heute darüber gesprochen, wer zu ihrer Familie gehört.“

Er deutete auf die vierte Figur.

„Und das bin ich?“

„Natürlich.“

„Warum habe ich so lange Arme?“

Sophie lächelte.

„Leo meinte, Sie könnten damit beide gleichzeitig hochheben. Noah fand, Sie bräuchten außerdem Superkräfte.“

Alexander strich mit einem Finger über das Papier.

„Und Sie?“

„Ich bin nur die Babysitterin“, antwortete sie.

„Aber Sie sind auf dem Bild.“

Sophie wurde kurz still.

„Die Kinder wollten, dass ich dazugehöre. Ich habe ihnen gesagt, dass ich auf sie aufpasse, aber dass ihre Familie etwas Eigenes ist. Dann haben sie mich trotzdem dazugemalt.“

Alexander sah sie an.

„Danke, dass Sie ihnen das Gefühl geben, dass sie nicht allein sind.“

Sophie nickte.

„Sie brauchen vor allem Menschen, die ihnen zuhören. Und jemanden, der mit ihnen lacht, wenn der Turm umfällt.“

Alexander blickte wieder auf das Bild.

Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er viele Zeichnungen seiner Söhne nie gesehen hatte. Sie hingen vermutlich im Kinderzimmer, lagen in Schubladen oder waren längst vergessen.