„Ich war in dieser Nacht sehr erschöpft. Ich wollte Daniel nicht schon wieder beunruhigen. Robert wusste von meinen Problemen und hatte angeboten, mir zu helfen. Er kam nur kurz vorbei, um nach dem Kleinen zu sehen und mir einen Brief zu bringen.“

Daniel sah seine Frau fassungslos an.

„Warum hast du mir das nicht gesagt?“

„Weil ich Angst hatte, dass ihr euch wieder streitet. Und weil ich selbst nicht mehr wusste, wie ich mit allem umgehen sollte.“

***

Doch damit war das Rätsel um die roten Male noch nicht gelöst.

Der Kinderarzt hatte inzwischen weitere Untersuchungen veranlasst. Die Ergebnisse zeigten, dass Oliver eine empfindliche Hautreaktion hatte. Einige Stellen passten zu einer Reizung durch ein ungeeignetes Pflegeprodukt, andere mussten weiterhin beobachtet werden.

Die Fachleute prüften deshalb auch die bisherigen Pflegegewohnheiten und die verschiedenen Produkte, die im Haushalt verwendet worden waren.

Dabei entdeckten sie etwas Unerwartetes.

Eine bestimmte Pflegecreme, die regelmäßig im Kinderzimmer stand, war nicht für Säuglinge vorgesehen.

Emily hatte sie von einer Bekannten erhalten und geglaubt, sie könne Oliver damit helfen.

Der Arzt erklärte, dass das Produkt möglicherweise zu einem Teil der Hautreaktionen beigetragen hatte. Eine endgültige Zuordnung aller Male war jedoch nicht möglich.

Daniel war erleichtert, dass es eine plausible Erklärung für einen Teil der Auffälligkeiten gab. Gleichzeitig machte er sich Vorwürfe, weil er die Situation so lange nicht ernst genug genommen hatte.

Die Kinderschutzfachkraft stellte klar, dass alle Produkte und Behandlungen künftig ausschließlich nach ärztlicher Rücksprache verwendet werden sollten.

***

Am Abend erschien Robert schließlich persönlich in der Villa.

Daniel öffnete ihm die Tür.

Lange standen sich die Brüder schweigend gegenüber.

Dann fragte Daniel:

„Warum bist du heimlich ins Haus gekommen?“

Robert blickte zu Vanessa.

„Weil Emily mich gebeten hatte, Oliver zu besuchen. Ich wollte keinen neuen Streit mit dir anfangen.“

„Du hättest mich anrufen können.“

„Das habe ich versucht. Mehrmals. Du hast nicht abgenommen.“

Daniel schwieg.

Robert fuhr fort:

„Ich habe nie versucht, dir deine Familie wegzunehmen. Ich wollte nur, dass du erkennst, wie sehr Emily und Oliver dich brauchen.“

Daniel sah zu seinem Sohn, der gerade in den Armen seiner Mutter lag.

Zum ersten Mal verstand er, wie viel in seinem eigenen Haus geschehen war, ohne dass er es bemerkt hatte.

Er bat Robert herein.

Doch bevor die beiden Brüder ihren Streit klären konnten, klingelte es erneut an der Haustür.

Ein Mitarbeiter der zuständigen Behörde stand davor.

Er hielt eine Mappe in der Hand.

„Herr Daniel, wir haben die Aufnahmen und die bisherigen Unterlagen geprüft. Dabei ist uns etwas aufgefallen, das wir dringend mit Ihnen besprechen müssen.“

Daniel wurde blass.

„Was denn?“

Der Mitarbeiter öffnete die Mappe und zeigte ihm ein Foto.

Es zeigte eine weitere Person im Kinderzimmer – aufgenommen drei Nächte vor Roberts Besuch.

Daniel erkannte die Person sofort.

Es war nicht Emily.

Es war nicht Robert.

Es war jemand, dem er seit Jahren vollkommen vertraute.

Und auf dem Foto hielt diese Person genau jene Pflegecreme in der Hand, die der Arzt inzwischen beanstandet hatte.

Daniel blickte auf.

„Das kann nicht sein …“

Der Mitarbeiter antwortete ruhig:

„Wir müssen herausfinden, warum diese Person nachts Zugang zum Kinderzimmer hatte und weshalb sie bisher nicht erwähnt wurde.“

**Denn plötzlich war klar: Robert war möglicherweise nicht derjenige gewesen, vor dem Daniel seinen Sohn hätte schützen müssen.**

Fortsetzung folgt …

 

→

Recently Viewed

Stories you read recently will appear here.