Der Mann musterte ihn.
„Sie wissen doch, wie wichtig diese Angelegenheit für unseren Auftraggeber ist.“
„Und Sie wissen hoffentlich, dass medizinische Informationen nicht einfach an irgendwelche Personen weitergegeben werden.“
Der zweite Mann lächelte kalt.
„Wir werden uns wieder melden.“
Dann gingen beide den Flur entlang.
Michael schloss die Tür und atmete tief durch.
Er wusste jetzt, dass er äußerst vorsichtig sein musste.
Die Nachricht, die alles veränderte
Kaum hatte Michael sein Telefon wieder in die Hand genommen, erschien eine neue Nachricht auf dem Bildschirm.
Der Absender war seine Schwester Laura.
Sie arbeitete seit mehreren Jahren in der Verwaltung desselben Krankenhauses.
Die Nachricht lautete:
„Michael, bitte geh nicht davon aus, dass der Unfall ein Zufall war. Ich muss dir etwas sagen. Ich habe Sofia schon vor drei Tagen getroffen. Sie hat mich um Hilfe gebeten.“
Michael starrte auf den Bildschirm.
Warum hatte Laura ihm nichts davon erzählt?
Er rief sie sofort an.
Nach dem zweiten Klingeln nahm sie ab.
„Michael?“
„Laura, was ist hier los? Warum steht dein Name in Sofias Unterlagen? Und warum hast du mir nicht gesagt, dass du sie kennst?“
Am anderen Ende herrschte einige Sekunden Stille.
Dann antwortete Laura mit zitternder Stimme:
„Weil ich Angst hatte, dass jemand unser Gespräch mithören könnte.“
„Was weißt du über Victor?“
„Mehr, als du dir vorstellen kannst.“
Michael blickte zu Sofia.
„Laura, Sofia liegt hier vor mir. Sie lebt.“
Am anderen Ende war plötzlich nichts mehr zu hören.
„Was hast du gerade gesagt?“, fragte Laura schließlich.
„Sie lebt. Die offiziellen Unterlagen stimmen nicht mit dem überein, was ich gerade festgestellt habe.“
Laura begann zu weinen.
„Dann ist es also wahr…“
„Was ist wahr?“
„Michael, du musst mir jetzt ganz genau zuhören. Victor hat vor zwei Tagen versucht, mich dazu zu bringen, bestimmte Krankenhausunterlagen zu verändern. Er wollte, dass alle Informationen über Sofia vollständig abgeschlossen werden.“
Michael wurde blass.
„Warum hast du das nicht gemeldet?“
„Weil er mir ein Dokument gezeigt hat. Es war eine Kopie einer alten Vereinbarung zwischen ihm und unserem Vater.“
Michael schwieg.
„Unser Vater?“, wiederholte er.
Laura atmete tief durch.
„Ja. Erinnerst du dich noch an den Geschäftsmann, mit dem Papa vor vielen Jahren zusammengearbeitet hat?“
Michael erinnerte sich sofort.
Ihr Vater war vor Jahren in einen großen geschäftlichen Streit verwickelt gewesen. Damals hatte er sich geweigert, bestimmte Unterlagen zu unterschreiben. Kurz darauf hatte er seine Geschäftstätigkeit aufgegeben und war aus der Stadt weggezogen.
„Was hat das mit Sofia zu tun?“, fragte Michael.
„Sehr viel. Ihr Vater Daniel war damals ebenfalls beteiligt. Und ich glaube, dass Victor seit Jahren versucht, die alten Dokumente in seine Hände zu bekommen.“
Michael sah Sofia an.
Sie hatte jedes Wort mitgehört.
„Laura, was sollen wir jetzt tun?“
„Du musst dafür sorgen, dass Sofia nicht allein bleibt. Und du musst jemanden finden, dem du wirklich vertrauen kannst.“
Dann fügte sie einen Satz hinzu, der Michael völlig überraschte:
„Denn ich glaube, Victor weiß nicht nur, dass Sofia noch lebt. Er weiß auch, dass sie die Originaldokumente besitzt.“
Das Geheimnis im kleinen Anhänger
Nachdem das Gespräch beendet war, wandte sich Michael wieder Sofia zu.
„Haben Sie etwas bei sich, das Victor unbedingt finden möchte?“
Sofia blickte auf ihre persönlichen Sachen.
Ihre Hand wanderte langsam zu einem kleinen silbernen Anhänger, den sie seit Jahren um den Hals trug.
„Das hier“, sagte sie.
Michael betrachtete den Anhänger.
„Was ist damit?“
„Mein Vater hat ihn mir vor seinem letzten Krankenhausaufenthalt geschenkt. Er sagte, ich solle ihn niemals verlieren.“
Sofia öffnete vorsichtig den kleinen Verschluss.
Darin befand sich ein winziges, gefaltetes Stück Papier.
Michael sah sie überrascht an.
„Was steht darauf?“
Sofia entfaltete das Papier.
Es war eine handgeschriebene Nachricht ihres Vaters:
„Wenn du jemals die Wahrheit über unsere Familie erfahren möchtest, suche nach dem alten blauen Ordner. Vertraue niemandem, der behauptet, er wolle dich nur beschützen.“
Sofia begann erneut zu weinen.
„Ich habe nie verstanden, was er damit meinte. Ich dachte immer, er hätte mir einfach eine Erinnerung hinterlassen.“
Michael betrachtete die Nachricht aufmerksam.
„Vielleicht wusste Ihr Vater schon damals, dass etwas nicht stimmt.“
„Ich glaube, er wusste viel mehr, als er mir erzählt hat.“
Plötzlich klingelte Michaels Telefon erneut.
Diesmal war es eine unbekannte Nummer.
Er nahm ab.
„Hier spricht Dr. Michael.“
Eine tiefe Stimme antwortete:
„Doktor, ich würde Ihnen dringend empfehlen, sich nicht weiter in diese Angelegenheit einzumischen.“
Michael erkannte die Stimme sofort.
Victor.
„Was wollen Sie?“
„Ich möchte lediglich verhindern, dass aus einer bedauerlichen Situation ein noch größeres Problem entsteht.“
„Welche Situation meinen Sie?“
Victor lachte leise.
„Sie sind ein intelligenter Mann, Doktor. Sie wissen genau, wovon ich spreche.“
Dann wurde seine Stimme plötzlich ernst.
„Übrigens: Grüßen Sie Ihre Schwester von mir. Wir haben uns vorhin bereits unterhalten.“
Michael erstarrte.
Victor hatte Laura also ebenfalls erreicht.
„Was haben Sie mit ihr zu tun?“, fragte Michael.
Doch der Anrufer hatte bereits aufgelegt.
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