„Gehen Sie sofort von ihm weg!“
Die laute Stimme durchschnitt das Stimmengewirr auf der Straße.
Der junge Mann drehte sich überrascht um. Ein großer Mann in einem eleganten dunklen Mantel eilte auf uns zu. Sein Gesicht war angespannt, und er schien es sehr eilig zu haben. Ohne auf die neugierigen Blicke der Passanten zu achten, kniete er sich neben mich.
„Mein Herr, können Sie mich hören? Ist alles in Ordnung?“
Ich versuchte zu antworten, doch meine Schulter schmerzte so sehr, dass ich kaum sprechen konnte.
„Ich glaube, ich bin nur unglücklich gefallen“, murmelte ich.
Der Fremde betrachtete meinen umgestürzten Karren. Überall lagen Zeitungen verstreut. Einige waren durchnässt, andere lagen mitten auf der Straße. Mein kleiner Stoffbeutel, in dem ich das Geld vom Morgen aufbewahrte, war ebenfalls auf den Boden gefallen.
Er hob ihn auf und reichte ihn mir.
„Bleiben Sie bitte sitzen. Versuchen Sie nicht, allein aufzustehen.“
Dann blickte er zu dem jungen Mann.
„Haben Sie gesehen, was passiert ist?“
Der junge Mann verschränkte die Arme und verzog das Gesicht.
„Natürlich habe ich es gesehen. Aber was geht Sie das an? Der alte Mann stand mir im Weg.“
Der Fremde sah ihn ungläubig an.
„Er stand Ihnen im Weg? Deshalb haben Sie seine Zeitungen auf den Boden geschlagen und ihn zu Fall gebracht?“
„Ich habe ihn nicht absichtlich umgeworfen“, antwortete der junge Mann schnell. „Er ist eben alt. Vielleicht sollte er nicht mehr auf der Straße arbeiten.“
Einige Menschen in der Umgebung schüttelten den Kopf.
Eine ältere Frau, die gerade aus einem Lebensmittelgeschäft gekommen war, trat näher.
„Ich habe alles gesehen“, sagte sie. „Der junge Mann hat die Zeitungen mit Absicht weggeschlagen. Der alte Herr hat ihm überhaupt nichts getan.“
Ein weiterer Passant nickte zustimmend.
„Ich habe es ebenfalls gesehen. Er hat sogar gelacht, als der Mann am Boden lag.“
Zum ersten Mal verlor der junge Mann seine Selbstsicherheit.
„Jetzt mischen sich hier alle ein?“, rief er gereizt.
Der Mann im dunklen Mantel stand langsam auf.
„Ja. Weil offenbar niemand sonst den Mut hatte, diesem alten Herrn zu helfen.“
Dann wandte er sich wieder mir zu.
„Wie heißen Sie, mein Herr?“
Ich nannte ihm meinen Namen.
Er wiederholte ihn leise, als würde er versuchen, sich an etwas zu erinnern.
„Und wie lange verkaufen Sie schon Zeitungen an dieser Straßenecke?“
„Fast vierzig Jahre“, antwortete ich.
„Vierzig Jahre?“
Ich nickte.
„Früher hatte ich einen kleinen Zeitungsladen. Meine Frau half mir jeden Morgen. Wir hatten nicht viel, aber wir waren glücklich. Sie kannte fast jeden Kunden beim Namen und wusste immer, welche Zeitung jemand am liebsten las.“
Ein kleines Lächeln erschien auf meinem Gesicht.
„Dann wurde meine Frau krank. Die Behandlung kostete viel Geld. Ich musste den Laden verkaufen, um die Rechnungen bezahlen zu können. Nach ihrem Tod blieb mir nicht viel. Aber ich wollte nicht den ganzen Tag zu Hause sitzen und auf Hilfe warten. Deshalb begann ich wieder, Zeitungen zu verkaufen.“
Der Fremde hörte aufmerksam zu.
„Und Sie machen das jeden Tag?“
„Fast jeden Tag. Auch wenn es regnet oder kalt ist. Solange meine Beine mich tragen, möchte ich selbst für meinen Lebensunterhalt sorgen.“
Der Mann blickte auf meine alten Schuhe, meinen abgetragenen Mantel und die durchnässten Zeitungen.
„Sie haben also all die Jahre gearbeitet, obwohl das Leben es Ihnen nicht leicht gemacht hat.“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Man kann nicht immer auswählen, was einem im Leben passiert. Aber man kann versuchen, seine Würde zu behalten.“
Diese Worte schienen den Fremden tief zu berühren.
Er ging kurz zur Seite und telefonierte.
„Ich brauche bitte sofort jemanden hier. Ein älterer Herr ist gestürzt und hat möglicherweise eine Schulterverletzung. Ja, ich schicke Ihnen den Standort.“
Als er das Gespräch beendet hatte, kniete er sich wieder neben mich.
„Ein Arzt wird sich um Sie kümmern. Und machen Sie sich keine Sorgen wegen Ihrer Zeitungen. Wir werden sehen, was sich retten lässt.“
„Das ist sehr freundlich“, sagte ich. „Aber ich kann nicht zulassen, dass Sie wegen mir so viel Aufwand betreiben.“
Er schüttelte den Kopf.
„Sie haben sich gerade verletzt. Jetzt müssen Sie nicht daran denken, ob Sie jemandem zur Last fallen.“
Der junge Mann lachte plötzlich auf.
„Unglaublich! Wegen eines alten Zeitungsverkäufers wird hier ein Krankenwagen gerufen. Manche Menschen haben wirklich nichts Besseres zu tun.“
Der Fremde drehte sich langsam um.
„Wie heißen Sie?“
„Warum wollen Sie das wissen?“
„Weil ich wissen möchte, mit wem ich spreche.“
Der junge Mann nannte widerwillig seinen Namen und fügte hinzu:
„Ich arbeite übrigens für ein ziemlich bekanntes Unternehmen. Ich habe keine Zeit, mich mit solchen Kleinigkeiten aufzuhalten.“
Der Mann im Mantel hob leicht die Augenbrauen.
„Für welches Unternehmen?“
Der junge Mann nannte den Namen seiner Firma und lächelte selbstgefällig.
„Vielleicht haben Sie schon davon gehört.“
Der Fremde schwieg.
Dann fragte er ruhig:
„Und welche Position haben Sie dort?“
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