Doch eines Morgens klingelte sein Telefon.

Es war Inspektor Nikolay Dimitrov, der Beamte, der ihn am Unfallort begrüßt hatte.

„Kommissar, wir haben ein Problem.“

Petrov stellte seine Kaffeetasse ab.

„Was für ein Problem?“

„Einer der Festgenommenen hat ausgesagt, dass der Unfall auf der Autobahn kein Zufall war.“

Petrov schwieg.

„Was soll das heißen?“

„Er behauptet, jemand habe ihn dafür bezahlt, Sie aufzuhalten.“

Petrov blickte aus dem Fenster.

Seit seiner Pensionierung hatte er sich aus dem Rampenlicht zurückgezogen. Er lebte bescheiden, fuhr seinen alten Lada und half gelegentlich bei Ermittlungen, wenn ehemalige Kollegen seinen Rat benötigten.

Er hatte nie geglaubt, dass sein Ruhestand ihn unangreifbar machte.

Aber er hatte auch nicht erwartet, dass jemand wegen ihm einen Verkehrsunfall provozieren würde.

„Hat er einen Namen genannt?“, fragte er.

„Noch nicht. Aber er hat uns etwas gegeben.“

„Was?“

„Ein Foto.“

Eine Stunde später saß Petrov im Büro der Kriminalpolizei.

Dimitrov legte ein Foto auf den Tisch.

Es zeigte Petrov vor seinem alten Lada, aufgenommen an einer Tankstelle wenige Tage vor dem Unfall. Im Hintergrund stand ein Mann in einem dunklen Mantel, der scheinbar telefonierte.

Petrov betrachtete das Bild lange.

Dann erkannte er ihn.

„Das ist unmöglich“, flüsterte er.

Dimitrov beugte sich vor.

„Sie kennen ihn?“

Petrov nickte langsam.

„Sein Name ist Viktor Stanev. Vor zwölf Jahren leitete ich die Ermittlungen gegen eine Gruppe, die gefälschte Versicherungsfälle organisierte. Stanev war damals einer der wichtigsten Verdächtigen.“

„Wurde er verurteilt?“

„Nein. Kurz vor der Verhandlung verschwand er. Wir fanden sein Auto, seine Dokumente und sogar persönliche Gegenstände. Aber seine Leiche wurde nie entdeckt.“

Dimitrov sah erneut auf das Foto.

„Dann könnte er noch leben.“

„Oder jemand benutzt seinen Namen.“

Petrov schob das Bild zurück.

„Wir müssen herausfinden, wer mich beobachtet hat.“

Noch am selben Nachmittag untersuchten Spezialisten die Kameraaufnahmen aus der Tankstelle. Sie fanden heraus, dass der Mann im Mantel nicht nur Petrov beobachtet hatte. Er hatte sich auch mit einem der beiden Straßenräuber getroffen.

Die Begegnung dauerte weniger als zwei Minuten.

Doch sie reichte aus, um eine neue Frage aufzuwerfen.

Warum sollte jemand einen pensionierten Kommissar einschüchtern wollen?

Die Antwort fand Petrov in einer alten Akte, die er seit Jahren in seinem privaten Arbeitszimmer aufbewahrte.

Es ging um einen Fall, den er nie vergessen hatte.

Vor zwölf Jahren war eine junge Frau namens Elena Markova bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Ihr Fahrzeug war auf einer abgelegenen Straße von der Fahrbahn abgekommen. Der Fall wurde damals als tragischer Unfall abgeschlossen.

Petrov hatte die Ermittlungen geleitet.

Doch mehrere Details hatten ihn beunruhigt: widersprüchliche Zeugenaussagen, ungewöhnliche Zahlungen einer Versicherungsgesellschaft und ein verschwundenes Dokument, das kurz vor dem Abschluss der Ermittlungen aus der Akte genommen worden war.

Er hatte damals vermutet, dass jemand den Unfall absichtlich herbeigeführt hatte.

Beweisen konnte er es nicht.

Wenige Monate später verschwand Viktor Stanev.

Und kurz darauf wurde die Akte endgültig geschlossen.

Petrov hatte sich nie damit abgefunden.

Nun lag das Foto des Mannes vor ihm, der möglicherweise seit Jahren im Hintergrund agierte.

Am nächsten Morgen rief er Dimitrov an.

„Ich möchte die alte Akte wieder öffnen lassen.“

„Das wird nicht einfach“, antwortete der Inspektor. „Der Fall ist lange abgeschlossen.“

„Dann beginnen wir mit den neuen Beweisen. Die Bedrohung gegen mich könnte mit dem alten Fall zusammenhängen.“

Dimitrov schwieg kurz.

„Ich werde mit der Staatsanwaltschaft sprechen.“

Petrov legte auf und ging in seine Garage.

Sein alter Lada stand dort, noch immer mit einer Delle am Heck und Kratzern entlang der rechten Seite. Die Reparatur hätte ihn weniger gekostet als der Kauf eines neuen Wagens, aber darum ging es ihm längst nicht mehr.

Er öffnete das Handschuhfach, um die Unterlagen für die Werkstatt herauszunehmen.

Dabei fiel ihm ein kleiner Gegenstand entgegen.

Eine alte Speicherkarte.

Petrov runzelte die Stirn.

Er konnte sich nicht erinnern, sie dort abgelegt zu haben.

Er nahm sie mit ins Haus und verband sie mit einem Computer, den er früher für seine Ermittlungen verwendet hatte.

Auf der Karte befanden sich mehrere Dateien. Die meisten waren unleserlich, doch eine Videodatei ließ sich öffnen.

Das Bild zeigte eine dunkle Garage.

Ein Mann trat ins Licht.

Petrov beugte sich näher zum Bildschirm.

Es war Viktor Stanev.

Der Mann sprach mit jemandem außerhalb des Bildes.

„Der Fall Markova darf niemals wieder untersucht werden“, sagte er. „Wenn Petrov die Verbindung entdeckt, verlieren wir alles.“

Dann ertönte eine zweite Stimme.

Petrov erstarrte.

Er kannte diese Stimme.

Sie gehörte einem Mann, der damals zu seinen engsten Kollegen gehört hatte.

Einem Mann, der inzwischen eine hohe Position innerhalb der Polizeiverwaltung innehatte.

Petrov stoppte das Video.

Seine Hände lagen reglos auf dem Tisch.

Wenn die Aufnahme echt war, bedeutete das, dass jemand aus den eigenen Reihen vor zwölf Jahren möglicherweise geholfen hatte, die Wahrheit zu verbergen.

Und jetzt wusste jemand, dass Petrov die Spur wieder aufgenommen hatte.

Sein Telefon klingelte.

Dimitrov.

„Kommissar, hören Sie mir gut zu. Wir haben herausgefunden, wer die beiden Straßenräuber bezahlt hat.“