„Jemand außerhalb unserer Firma hat ihn dazu aufgefordert. Ich habe eine E-Mail gesehen, die das beweist.“

„Wer hat sie geschickt?“

Wieder entstand eine Pause.

„Ich kann Ihnen das nicht am Telefon erklären. Treffen wir uns heute Nachmittag. Aber kommen Sie allein.“

Die Verbindung brach ab.

Vanessa senkte langsam das Telefon.

Michael bemerkte ihren Gesichtsausdruck.

„Schlechte Nachrichten?“

„Ich weiß es noch nicht.“

Sie sah auf das Display.

Eine neue Nachricht war eingegangen.

Sie enthielt nur einen Satz:

Wenn Sie wissen wollen, wer wirklich hinter allem steckt, fragen Sie den Mechaniker nach seinem früheren Leben.

Vanessa blickte Michael an.

Er hatte die Nachricht nicht gesehen.

Doch als sie ihm den Bildschirm zeigte, veränderte sich sein Gesicht.

Es war nur für einen Moment.

Ein kurzes Erstarren.

Ein kaum merkliches Zusammenziehen seiner Augen.

Aber Vanessa bemerkte es.

„Michael?“

Er nahm ihr Telefon nicht in die Hand.

Er las die Nachricht ein zweites Mal.

Dann blickte er zur Straße, als würde er überprüfen, ob jemand in der Nähe war.

„Woher haben Sie diese Nachricht?“, fragte er leise.

„Sie wurde mir gerade geschickt.“

Michael schloss das Rolltor wieder ein Stück.

„Sie sollten heute nicht zu diesem Treffen gehen.“

Vanessa starrte ihn an.

„Warum? Was wissen Sie?“

Er antwortete nicht sofort.

Dann sagte er:

„Ich habe Ihnen gestern geholfen, weil Sie Hilfe gebraucht haben. Nicht, weil ich wollte, dass Sie mir etwas schulden.“

„Das weiß ich.“

„Gut. Dann hören Sie mir jetzt bitte zu. Es gibt Menschen, die sehr viel Geld dafür bezahlen würden, dass bestimmte Dinge niemals ans Licht kommen.“

Vanessa spürte einen kalten Schauer.

„Und Sie kennen diese Menschen?“

Michael sah sie lange an.

Schließlich nickte er.

„Ja.“

„Wer sind sie?“

Er atmete tief durch.

„Das ist eine Geschichte, die ich seit Jahren niemandem erzählt habe.“

Er ging in die Werkstatt, schloss die Tür und deutete auf einen Stuhl.

Vanessa setzte sich.

Michael blieb am Fenster stehen.

„Vor zehn Jahren“, begann er, „war ich kein Mechaniker. Ich arbeitete als Ingenieur für eine große Automobilfirma. Ich entwickelte ein Sicherheitssystem, das verhindern sollte, dass Fahrzeuge manipuliert oder gestohlen werden.“

Vanessa hörte aufmerksam zu.

„Das System funktionierte. Doch kurz bevor es auf den Markt kommen sollte, entdeckte ich, dass jemand es absichtlich verändert hatte. Nicht, um es zu verbessern, sondern um bestimmte Sicherheitsfunktionen außer Kraft zu setzen.“

„Warum?“

„Um Fahrzeuge unbemerkt öffnen und manipulieren zu können.“

Vanessa wurde blass.

„Und was haben Sie getan?“

„Ich meldete es meinem Vorgesetzten. Zwei Tage später wurde ich beschuldigt, vertrauliche Daten gestohlen zu haben. Meine Arbeit wurde infrage gestellt, meine Ersparnisse gingen für Anwaltskosten drauf, und am Ende verlor ich meinen Arbeitsplatz.“

„Aber Sie waren unschuldig?“

Michael sah sie an.

„Ich konnte es nicht beweisen.“

„Und die Menschen, die das System verändert hatten?“

„Sie arbeiteten weiter.“

Vanessa blickte auf ihr Telefon.

Die Nachricht ergab plötzlich einen ganz anderen Sinn.

„Glauben Sie, dass dieselben Menschen hinter den falschen Vertragsunterlagen stecken?“

„Ich weiß es nicht“, sagte Michael. „Aber wenn jemand Ihren Namen mit meiner Vergangenheit verbindet, dann ist das wahrscheinlich kein Zufall.“

Vanessa stand langsam auf.

„Ich werde trotzdem herausfinden, was passiert ist.“

Michael nickte.

„Dann tun Sie es sorgfältig. Bewahren Sie Ihre Beweise auf. Und vertrauen Sie niemandem blind, nur weil er behauptet, auf Ihrer Seite zu stehen.“

Sie sah ihn an.

„Auch Ihnen nicht?“

Ein schwaches Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

„Gerade mir nicht. Sie sollten immer Fragen stellen und sich Ihre eigene Meinung bilden.“

Vanessa lächelte zurück.

Doch dann bemerkte sie, dass Michael auf sein eigenes Telefon starrte.

Auf dem Bildschirm stand eine neue Nachricht.

Er las sie.

Sein Gesicht wurde ernst.

„Was ist los?“, fragte Vanessa.

Michael drehte das Telefon zu ihr.

Die Nachricht stammte von einer unbekannten Nummer.

Wir wissen, dass Sie wieder angefangen haben, Fragen zu stellen. Halten Sie sich aus dieser Sache heraus. Diesmal wird Sie niemand retten.

Vanessa sah auf.

Michael legte das Telefon langsam auf den Tisch.

Draußen fuhr ein schwarzer Wagen an der Werkstatt vorbei.

Er wurde langsamer.

Für einen Moment schien es, als würde der Fahrer direkt durch die Scheibe zu ihnen sehen.

Dann verschwand das Auto hinter der nächsten Kreuzung.

Vanessa dachte an den Parkplatz, an die Rechnung und an den Moment, in dem sie Michael als unehrlichen Menschen bezeichnet hatte.

Sie hatte geglaubt, er sei derjenige, der etwas zu verbergen hatte.

Doch nun verstand sie, dass seine Ruhe nicht aus Gleichgültigkeit entstanden war.

Er hatte gelernt, mit Ungerechtigkeit zu leben.

Und vielleicht war er gerade deshalb der Einzige, der ihr helfen konnte, die Wahrheit zu finden.

Fortsetzung folgt …

Wird Vanessa herausfinden, wer die Verträge manipuliert hat? Und welches Geheimnis verbindet Michael mit den Menschen, die nun auch sie ins Visier genommen haben?