In derselben Nacht wurde María Eugenia durch ein leises Knarren geweckt.
Zuerst glaubte sie, der Wind drücke gegen die alte Haustür.
Doch dann hörte sie Schritte.
Langsame.
Vorsichtige Schritte.
Jemand bewegte sich um das Haus.
Sie löschte sofort die Petroleumlampe und hielt den Atem an.
Durch einen schmalen Spalt im Fenster erkannte sie zwei Männer mit Taschenlampen.
Sie trugen dunkle Kleidung und sprachen kaum miteinander.
„Durchsuch zuerst das Wohnzimmer“, flüsterte einer.
„Der Chef sagte, die Truhe muss heute Nacht verschwinden.“
María Eugenias Herz raste.
Sie blickte zur Truhe.
Sie wusste, dass sie sie unmöglich allein verstecken konnte.
Doch plötzlich erinnerte sie sich an etwas.
Als Tomás vor Jahren dieses verfallene Haus erwähnt hatte, hatte er einmal gesagt:
„Alte Häuser haben immer zwei Geheimnisse.
Eines, das jeder sucht…
und eines, das niemand findet.
“
Damals hatte sie seine Worte nicht verstanden.
Jetzt begann sie hektisch den Boden unter der Truhe abzutasten.
Zwischen den alten Dielen entdeckte sie einen kleinen eisernen Ring.
Sie zog daran.
Lautlos öffnete sich eine schmale Falltür.
Darunter führte eine steinerne Treppe in völlige Dunkelheit.
Ohne nachzudenken hob sie die Truhe an.
Stufe für Stufe schleppte sie sie nach unten.
Kaum hatte sie die Falltür wieder geschlossen, wurde oben die Haustür mit einem kräftigen Tritt aufgebrochen.
Holz splitterte.
„Durchsucht alles!“
Die Männer warfen Möbel um.
Schränke wurden geöffnet.
Fensterscheiben zerbrochen.
Doch die Truhe fanden sie nicht.
Nach einer halben Stunde fluchte einer der Eindringlinge.
„Sie war hier.“
„Vielleicht hat sie sie schon weggebracht.“
„Unmöglich.“
Der ältere der beiden Männer blieb plötzlich mitten im Wohnzimmer stehen.
Er betrachtete die aufgerissene Wand.
Dann kniete er sich langsam hin.
„Nein…“
Seine Stimme klang plötzlich unsicher.
„Jemand war vor uns hier.“
Der andere runzelte die Stirn.
„Was meinst du?“
Der Mann zeigte auf die Steine.
„Diese Wand wurde nicht zufällig geöffnet.“
Er fuhr mit der Hand über den Mörtel.
„Jemand wusste genau, wo er suchen musste.“
Stille.
Dann griff er zum Telefon.
„Chef… wir haben ein Problem.“
Am anderen Ende meldete sich Don Rosendo persönlich.
„Habt ihr die Unterlagen?“
„Nein.“
„Und die Frau?“
„Auch nicht.“
Mehrere Sekunden sagte niemand etwas.
Dann erklang Rosendos kalte Stimme.
„Dann lebt sie nicht mehr lange.“
Unterdessen saß María Eugenia reglos im unterirdischen Gang.
Die Luft war feucht.
Die schmalen Steinwände wirkten uralt.
Mit der kleinen Lampe leuchtete sie vorsichtig nach vorn.
Der Tunnel führte mehrere Meter weiter.
Schließlich erreichte sie einen kleinen Raum.
Darin standen verstaubte Regale.
Werkzeuge.
Alte Kisten.
Und an der Wand hing ein vergilbtes Familienfoto.
Sie trat näher.
Ihr Atem stockte.
Auf dem Bild standen Tomás als kleiner Junge…
sein Vater Don Emilio…
und noch ein Mann.
Ein junger Don Rosendo.
Sie standen nebeneinander.
Lächelnd.
Wie Brüder.
„Das kann nicht sein…“, flüsterte María Eugenia.
Gerade in diesem Moment bemerkte sie auf der Rückseite des Fotos eine handgeschriebene Notiz.
Mit derselben Handschrift wie die Briefe.
„Der gefährlichste Feind ist nicht der Fremde.
Sondern der Freund, der deine Familie verrät.“
María Eugenia schloss für einen Moment die Augen.
Jetzt verstand sie.
Don Rosendo hatte Tomás’ Familie nicht von außen zerstört.
Er war einst Teil von ihr gewesen.
Er kannte jedes Geheimnis.
Jedes Dokument.
Jeden Schwachpunkt.
Und genau deshalb hatte er ihnen alles nehmen können.
Doch als sie weiter durch den geheimen Raum ging,
entdeckte sie hinter einem Regal eine schwere Metalltür.
Darauf war ein altes Wappen eingraviert.
Darunter standen nur vier Worte:
„Nicht vor der Wahrheit öffnen.“
Noch ahnte María Eugenia nicht, dass sich hinter dieser Tür nicht nur weitere Beweise befanden…
sondern ein Geheimnis, das seit über fünfzig Jahren ganz San Isidro del Viento auf einer Lüge aufgebaut hatte.
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