Doch der letzte Absatz ließ die junge Frau erschauern:
„Wenn meine Familie eines Tages behauptet, Johann sei ein Dieb gewesen, dann glaube diesem Vorwurf nicht. Die Beweise liegen dort, wo niemand nach ihnen suchen würde.“
Sie sah den Schlüssel in ihrer Hand an.
„Was öffnet er?“
Der Gutsbesitzer antwortete:
„Das weiß ich nicht. Aber ich vermute, dass er zu einem alten Archivraum gehört, der seit Jahren verschlossen ist.“
In diesem Moment hörten sie draußen ein Auto.
Markus war angekommen.
Er betrat das Arbeitszimmer, ohne anzuklopfen. Als er die geöffnete Holzkiste sah, blieb er abrupt stehen.
„Woher hast du das?“, fragte er scharf.
Der Gutsbesitzer stellte sich neben seine Frau.
„Das geht dich nichts an.“
Markus lachte nervös.
„Du verstehst nicht, was du da tust. Diese Unterlagen gehören nicht ihr.“
Die junge Frau hob den Brief.
„Warum haben Sie solche Angst davor, dass ich ihn lese?“
Markus schwieg.
Dann richtete er seinen Blick auf sie.
„Weil du nicht weißt, in welche Angelegenheiten du dich einmischst.“
„Dann erklären Sie es mir.“
„Das werde ich nicht.“
Der Gutsbesitzer griff nach seinem Telefon.
„Markus, du wirst dieses Haus jetzt verlassen. Die Unterlagen werden von einem unabhängigen Anwalt geprüft.“
Sein Neffe wurde blass.
„Wenn du das tust, verlierst du alles.“
„Vielleicht“, antwortete der ältere Mann ruhig. „Aber ich werde nicht länger zulassen, dass die Wahrheit verborgen bleibt.“
Markus verließ das Zimmer.
Doch bevor die Tür ins Schloss fiel, drehte er sich noch einmal um.
„Ihr glaubt wirklich, dass ihr damit alles lösen könnt? Dann fragt euren Anwalt, warum er vor drei Tagen eine Kopie dieses Testaments angefordert hat.“
Der Gutsbesitzer erstarrte.
Die junge Frau sah ihn an.
Herr Kramer hatte ihnen doch versprochen, auf ihrer Seite zu stehen.
Wenige Minuten später rief Alexander – nein, der Gutsbesitzer – seinen Anwalt an. Doch die Nummer war nicht erreichbar.
Auf dem Schreibtisch lag plötzlich ein weiteres Blatt Papier.
Es war eine Nachricht, die jemand unter der Tür hindurchgeschoben hatte.
Darauf stand:
„Suchen Sie nicht im Archiv. Der Schlüssel öffnet nicht nur eine Tür. Er zeigt Ihnen, wer damals wirklich von Johanns Schweigen profitiert hat.“
Die junge Frau betrachtete den kleinen Schlüssel.
Sie hatte geglaubt, endlich eine Antwort auf den Tod ihres Vaters gefunden zu haben.
Doch nun musste sie sich fragen, ob der größte Verrat vielleicht nicht von Markus gekommen war.
Sondern von jemandem, dem ihr Mann seit Jahren blind vertraute.
Und als sie am nächsten Morgen gemeinsam das alte Archiv öffneten, fanden sie darin etwas, das selbst der Gutsbesitzer niemals erwartet hätte: ein Dokument mit seiner eigenen Unterschrift.
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