Für einige Sekunden bewegte sich niemand.

Die Flugbegleiterin Emily stand neben Victors Sitz und hielt ein kleines Bündel Servietten in der Hand. Ihr Blick wanderte von der dampfenden Kaffeetasse auf dem Tisch zu der Frau am Fenster.

Die Frau hieß Naomi Carter.

Ihre cremefarbene Bluse war durchnässt, und der heiße Kaffee hatte ihr erhebliche Schmerzen bereitet. Sie hielt ihre Hände ruhig auf den Armlehnen, während sie versuchte, sich zu sammeln.

„Ma’am, es tut mir so leid“, sagte Emily sofort. „Ich hole Ihnen etwas Kaltes zum Kühlen und informiere unsere leitende Flugbegleiterin.“

„Bitte“, antwortete Naomi leise. „Und sagen Sie mir, ob ich medizinische Hilfe bekommen kann.“

Emily nickte und eilte zur Bordküche.

Victor Hale hingegen schien sich nicht im Geringsten um das Geschehen zu kümmern.

Er wischte über sein Tablet, als hätte er gerade lediglich einen lästigen Fleck auf einem Tisch verursacht.

„Ich habe doch gesagt, bringen Sie mir einen neuen Kaffee“, rief er der Flugbegleiterin hinterher. „Und diesmal bitte ohne diese ganze Verzögerung.“

Ein älterer Mann auf der gegenüberliegenden Seite des Gangs legte seine Zeitung beiseite.

„Sir, Sie haben dieser Frau gerade heißen Kaffee über den Schoß geschüttet.“

Victor hob langsam den Kopf.

„Und?“

„Sie haben das absichtlich getan.“

Victor lächelte kühl.

„Passen Sie auf, was Sie behaupten. Sie wissen nicht, was zwischen uns passiert ist.“

„Ich saß direkt gegenüber“, antwortete der ältere Mann. „Ich habe alles gesehen.“

Victor legte sein Tablet auf den Tisch.

„Dann haben Sie ja etwas, worüber Sie sich den Rest des Fluges aufregen können.“

Einige Passagiere wechselten entsetzte Blicke.

Doch Naomi sagte weiterhin nichts.

Sie hatte ihre Augen geschlossen und konzentrierte sich auf ihre Atmung. Als Emily mit einer Kollegin zurückkehrte, öffnete Naomi die Augen und erklärte, dass sie medizinische Unterstützung benötige.

Die leitende Flugbegleiterin, Patricia, kniete sich neben ihren Sitz.

„Wir kümmern uns um Sie. Können Sie mir sagen, wo Sie Schmerzen haben?“

Naomi beantwortete ihre Fragen so gut sie konnte. Patricia organisierte geeignete Erste-Hilfe-Maßnahmen und ließ die Situation von der Flugbesatzung dokumentieren.

Dann wandte sie sich an Victor.

„Sir, ich muss Sie bitten, Ihre Mitarbeit bei der Untersuchung dieses Vorfalls nicht zu behindern.“

Victor lachte ungläubig.

„Untersuchung? Wegen etwas Kaffee?“

„Wegen eines Vorfalls, bei dem eine Passagierin verletzt worden sein könnte.“

„Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viel Geld ich dieser Fluggesellschaft einbringe“, sagte Victor. „Ich fliege ständig mit Ihnen. Ich kenne Leute in Ihrer Geschäftsleitung.“

Patricia blieb professionell.

„Das ändert nichts an unseren Pflichten gegenüber unseren Passagieren.“

Victors Gesicht verhärtete sich.

„Dann rufen Sie Ihren Vorgesetzten an.“

„Das werde ich tun.“

„Und sagen Sie ihm, dass Victor Hale hier sitzt.“

Patricia nickte, ohne sich einschüchtern zu lassen.

„Ich werde den Vorfall vollständig melden, Sir.“

Victor lehnte sich zurück. Offenbar glaubte er noch immer, dass sein Name alles regeln würde.

Doch er hatte einen entscheidenden Fehler gemacht.

Er hatte angenommen, Naomi würde schweigen, weil sie Angst vor ihm hatte.

Er hatte nicht verstanden, dass sie gerade versuchte, ihre Schmerzen zu bewältigen und sich auf das zu konzentrieren, was jetzt wichtig war.

Und er hatte nicht bemerkt, dass mehrere Passagiere den gesamten Vorfall beobachtet hatten.

Einer von ihnen hatte sogar eine Aufnahme gemacht.

Allerdings wusste Victor davon noch nichts.

Etwa zwanzig Minuten später kehrte Patricia zurück.

„Mr. Hale, unsere leitende Flugbegleiterin hat den Vorfall dokumentiert. Wir werden nach der Landung die zuständigen Stellen informieren und dafür sorgen, dass Frau Carter die notwendige Unterstützung erhält.“

Victor verdrehte die Augen.

„Sie machen aus einer Kleinigkeit eine Katastrophe.“

Naomi öffnete die Augen.

Zum ersten Mal seit dem Vorfall sah sie ihn direkt an.

„Für Sie ist es vielleicht eine Kleinigkeit“, sagte sie ruhig. „Für mich ist es gerade eine Situation, in der ich verletzt wurde und nicht weiß, wie schlimm es ist.“

Victor schnaubte.

„Sie hätten einfach ein bisschen aufpassen sollen.“

Der ältere Passagier schüttelte den Kopf.

„Sie haben die Tasse selbst gekippt.“

Victor ignorierte ihn.

Naomi sah wieder zu Patricia.

„Bitte sorgen Sie dafür, dass der Vorfall korrekt dokumentiert wird. Ich möchte nach der Landung eine Kopie der entsprechenden Informationen erhalten.“

„Natürlich“, antwortete Patricia.

Dann fügte Naomi hinzu:

„Und ich möchte, dass die Aufnahme der Kabinenkameras, sofern solche Aufnahmen vorhanden sind und verwendet werden dürfen, ordnungsgemäß gesichert wird. Außerdem gibt es Zeugen.“

Victor setzte sich plötzlich aufrechter hin.

„Kabinenkameras? Was soll das werden? Ein Gerichtsverfahren?“

Naomi antwortete nicht.

Sie musste ihm nicht erklären, welche Schritte sie unternehmen würde.

Sie musste sich auch nicht von ihm provozieren lassen.

Sie wollte zunächst sicherstellen, dass es ihr gesundheitlich gut ging und dass die Ereignisse nicht nachträglich verdreht wurden.

Patricia kehrte in die Bordküche zurück, um die nächsten Schritte mit dem Kapitän und der zuständigen Besatzung abzustimmen.

Victor zog sein Handy hervor und schrieb eine Nachricht.

Dann noch eine.

Schließlich rief er jemanden an.

„Ich habe hier eine unangenehme Situation“, sagte er leise. „Eine Passagierin macht wegen eines kleinen Zwischenfalls Schwierigkeiten. Ich brauche jemanden, der das nach der Landung regelt.“