„Was wissen Sie über meine Mutter?“

Die alte Frau begann zu weinen.

„Mehr, als du dir vorstellen kannst.“

***

Maximilian verließ das Gebäude, doch die Worte der Reinigungskraft ließen ihn nicht los.

Seine Mutter, Elisabeth Keller, war vor zwanzig Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Zumindest hatte sein Vater ihm das erzählt.

Er selbst war damals erst vier Jahre alt gewesen. An seine Mutter erinnerte er sich kaum. Er kannte sie hauptsächlich aus alten Fotografien und aus den Geschichten seines Vaters, eines strengen Geschäftsmannes, der nie gern über die Vergangenheit sprach.

Maximilian hatte immer geglaubt, seine Kindheit sei trotz des Verlustes normal gewesen.

Warum also kannte diese fremde Frau seine Mutter?

Und warum hatte sie ihn „meinen kleinen Max“ genannt?

Zu Hause wartete sein Vater, Richard Keller, in seinem Arbeitszimmer.

„Wie war das Gespräch?“, fragte er, ohne von seinen Unterlagen aufzusehen.

„Ich habe die Stelle nicht bekommen.“

Richard hob überrascht den Kopf.

„Was?“

„Der Vorstandsvorsitzende hat mich hinausgeworfen.“

„Wegen was?“

Maximilian zögerte.

„Wegen einer Reinigungskraft.“

Richard stand so schnell auf, dass sein Stuhl nach hinten rollte.

„Was hast du getan?“

„Ich habe sie zurechtgewiesen. Sie hatte den Boden nicht richtig gereinigt.“

„Wie hieß sie?“

„Anna, glaube ich.“

Richard verlor jede Farbe im Gesicht.

Für einige Sekunden sagte er nichts.

Dann ging er zum Schreibtisch, öffnete eine verschlossene Schublade und nahm einen alten Umschlag heraus.

„Beschreib sie“, verlangte er.

Maximilian runzelte die Stirn.

„Graue Haare, blaue Arbeitskleidung, ungefähr sechzig oder siebzig Jahre alt. Warum? Kennst du sie?“

Richard setzte sich langsam.

„Hast du sie Anna Schneider genannt?“

„Ich weiß ihren Nachnamen nicht.“

Sein Vater schloss die Augen.

„Das kann nicht sein.“

„Was kann nicht sein?“

Richard stand auf, ging zum Fenster und starrte hinaus.

„Es gibt Dinge aus der Vergangenheit, die du nicht verstehst.“

Maximilian verlor die Geduld.

„Dann erklär sie mir! Sie kannte meine Mutter. Sie hatte ein Foto von mir als Kind. Sie wusste sogar, wie meine Mutter mich genannt hat.“

Richard drehte sich scharf um.

„Du wirst diese Frau nie wieder aufsuchen. Hast du mich verstanden?“

„Warum?“

„Weil ich es dir sage!“

Maximilian hatte seinen Vater schon oft wütend erlebt, aber noch nie so verängstigt.

Und genau diese Angst machte ihn misstrauisch.

„Was hast du mir verschwiegen?“

Richard antwortete nicht.

Stattdessen nahm er den Umschlag, steckte ihn in seine Jacke und verließ das Zimmer.

In dieser Nacht konnte Maximilian nicht schlafen.

Kurz nach Mitternacht schlich er sich in das Arbeitszimmer seines Vaters. Er wusste, dass Richard wichtige Dokumente in einem alten Metallschrank aufbewahrte.

Der Schrank war nicht abgeschlossen.

Darin fand Maximilian zahlreiche Verträge, vergilbte Briefe und eine kleine Schachtel aus dunklem Holz.

In der Schachtel lag ein Kinderarmband mit seinem Namen.

Darunter befand sich ein Brief.

*„Richard, ich kann nicht länger schweigen. Anna hat das Recht, ihren Sohn wiederzusehen. Du hast versprochen, dass du ihr die Wahrheit sagen wirst, sobald er alt genug ist. Wenn du dieses Versprechen erneut brichst, werde ich selbst zu ihm gehen.“*

Der Brief war mit dem Namen Elisabeth unterschrieben.

Maximilians Hände begannen zu zittern.

Seine Mutter hatte den Brief geschrieben.

Doch wer war Anna?

Und warum stand dort, dass Anna das Recht hatte, ihren Sohn wiederzusehen?

Er las den Brief erneut.

Dann entdeckte er ein Datum.

Der Brief war nur wenige Wochen vor dem angeblichen Autounfall seiner Mutter geschrieben worden.

Plötzlich hörte er Schritte auf dem Flur.

Maximilian schob die Unterlagen zurück und versteckte sich hinter der Tür.

Sein Vater kam herein, öffnete den Schrank und bemerkte sofort, dass die Schachtel nicht mehr richtig stand.

„Maximilian?“, rief er in den dunklen Raum.

Maximilian trat hervor.

„Wer ist Anna Schneider?“

Richard schloss die Augen.

„Du hättest das nicht lesen dürfen.“

„Ist sie meine Mutter?“

„Nein.“

„Dann warum nennt sie mich ihren Sohn?“

Richard schwieg so lange, dass Maximilian die Antwort bereits ahnte.

„Weil sie es ist, nicht wahr?“, flüsterte er.

Sein Vater setzte sich schwer auf den Stuhl.

„Anna hat dich zur Welt gebracht.“

Die Worte trafen Maximilian wie ein Schlag.

„Was?“

„Deine leibliche Mutter war Anna. Elisabeth hat dich adoptiert, als du noch ein Baby warst.“

Maximilian schüttelte heftig den Kopf.

„Nein. Das ist unmöglich.“

„Anna war damals sehr jung. Sie hatte weder Geld noch eine Familie, die sie unterstützen konnte. Elisabeth war ihre Schwester.“

„Meine Tante?“

Richard nickte.

„Elisabeth und ich hatten selbst keine Kinder bekommen können. Als Anna in eine schwierige Lage geriet, beschlossen wir, dich aufzunehmen. Wir versprachen ihr, dass sie dich eines Tages wiedersehen dürfte.“

Maximilian starrte ihn an.

„Und dann?“

Richard blickte zu Boden.

„Dann änderte Elisabeth ihre Meinung.“

„Warum?“

„Sie liebte dich. Sie hatte Angst, dich zu verlieren. Mit der Zeit wurde aus einer vorübergehenden Vereinbarung eine Lüge, die immer schwerer zu beenden war.“

„Und du hast zugelassen, dass sie glaubte, ihr Sohn sei ihr weggenommen worden?“

Richard hob den Kopf.

„Ich habe geglaubt, dass es für dich besser wäre.“