# 😢 TEIL 2: 

Edward drehte sich langsam um.

Hinter der alten Eiche stand ein kleines Mädchen. Es trug eine gelbe Regenjacke, die ihm deutlich zu groß war. Seine dunklen Haare klebten an den Wangen, und in seinen Händen hielt es einen gefalteten Zettel.

Edward konnte zunächst kein Wort hervorbringen.

„Wer bist du?“, fragte er schließlich mit brüchiger Stimme.

Das Mädchen trat einen Schritt näher.

„Ich bin Sophie.“

Edward betrachtete ihr Gesicht. Dann erkannte er die Augen. Dieselben großen, dunklen Augen, die er auf so vielen Familienfotos gesehen hatte.

„Sophie?“

Sie nickte.

Es war Lily’s jüngere Schwester.

Seit dem Tod ihrer Schwester hatte Edward sie kaum gesehen. Sophies Mutter hatte erklärt, das Mädchen brauche Abstand von allem, was sie an Lily erinnerte. Edward hatte das akzeptiert, obwohl es ihm das Herz schwer gemacht hatte.

„Was machst du hier ganz allein?“, fragte er.

Sophie blickte auf den Boden.

„Ich wollte Lily besuchen. Mama weiß nicht, dass ich hier bin.“

Edward ging vorsichtig in die Hocke.

„Du hättest nicht allein herkommen dürfen, mein Schatz.“

„Ich weiß.“

Dann zeigte Sophie auf das Armband in seiner Hand.

„Das gehört zu meinem.“

Edward sah auf das kleine Schmuckstück.

„Was meinst du?“

Sophie hob ihr Handgelenk. Dort trug sie ein beinahe identisches Armband. Zwei kleine silberne Sterne hingen daran.

„Lily hat uns die gemacht“, erklärte sie. „Eines für sie und eines für mich. Sie sagte, dass wir immer verbunden bleiben, auch wenn wir einmal weit voneinander entfernt sind.“

Edward schluckte.

Er erinnerte sich plötzlich an den Nachmittag, an dem Lily ihm die beiden Armbänder gezeigt hatte. Sie hatte stolz erklärt, dass sie ein Geschenk für ihre kleine Schwester seien.

Doch das Armband, das Edward in der Hand hielt, sollte laut seiner Tochter mit Lily begraben worden sein.

„Wie ist dieses Armband hierhergekommen?“, fragte er leise.

Sophie senkte den Kopf.

„Mama hat es gestern hierhergebracht.“

Edward erstarrte.

—

## Die Wahrheit, die seine Tochter nicht aussprechen konnte

„Warum hat deine Mutter das getan?“

Sophie drückte den Zettel fester an ihre Brust.

„Sie wollte dir etwas sagen. Aber sie hatte Angst, dass du wieder traurig wirst.“

Edward spürte, wie ihm die Augen feucht wurden.

„Was wollte sie mir sagen?“

Das Mädchen reichte ihm den Zettel.

Darauf stand in der Handschrift seiner Tochter:

*Papa, ich weiß, dass du jeden Morgen Lilys Kleid ansiehst. Ich weiß auch, dass du dir Vorwürfe machst. Aber bitte glaube mir: Du hättest nicht alles verhindern können. Es gibt etwas, das ich dir schon lange erzählen möchte. Ich hoffe, dass du mir eines Tages zuhörst.*

Edward las die Zeilen zweimal.

„Hat deine Mama dir gesagt, dass du mir diesen Brief geben sollst?“

Sophie schüttelte den Kopf.

„Nein. Ich habe ihn gefunden. Sie hat ihn geschrieben, aber nie abgeschickt.“

Edward sah wieder auf das Mädchen.

„Wo ist deine Mutter jetzt?“

„Zu Hause. Sie weint oft, wenn sie denkt, dass ich schlafe.“

Er schloss für einen Moment die Augen.

Seit Lily gestorben war, hatte er sich in seine Trauer zurückgezogen. Er hatte kaum noch mit seiner Tochter gesprochen. Jeder Versuch eines Gesprächs endete damit, dass beide schwiegen oder das Thema wechselten.

Vielleicht hatte er nicht bemerkt, dass seine Tochter ebenfalls versuchte, mit dem Verlust zurechtzukommen.

„Komm“, sagte er sanft. „Wir gehen gemeinsam zu deiner Mutter. Du musst das nicht allein tragen.“

Sophie nickte.

Doch bevor sie losgingen, legte sie eine kleine Blume auf Lilys Grab.

„Ich habe dich lieb, Lily“, flüsterte sie.

Edward legte seine Hand auf ihre Schulter.

„Ich auch, mein Engel.“

—

## Ein Gespräch, das viel zu lange auf sich warten ließ

Als Edward und Sophie zu Hause ankamen, stand seine Tochter Clara bereits an der Haustür.

Ihr Gesicht veränderte sich, als sie die beiden sah.

„Sophie! Wo warst du? Ich habe dich überall gesucht!“

Das Mädchen lief zu ihr.

„Ich war bei Lily.“

Clara schloss die Augen und hielt ihre Tochter fest.

Dann bemerkte sie das Armband in Edwards Hand.

Ihre Lippen begannen zu zittern.

„Du hast es gefunden.“

Edward sah sie an.

„Warum hast du mir nicht gesagt, dass du es am Grab abgelegt hast?“

Clara blickte zu Sophie.

„Weil ich nicht wusste, wie ich es dir erklären sollte.“

„Dann erklär es mir jetzt.“

Sie gingen ins Wohnzimmer. Clara setzte sich, während Sophie sich neben sie kuschelte.

Eine Weile sagte niemand etwas.

Schließlich begann Clara zu sprechen.

„Lily hat dieses Armband kurz vor ihrem Tod für Sophie gemacht. Sie wollte, dass ihre Schwester es behält. Das zweite Armband hatte sie selbst.“

Edward nickte langsam.

„Das weiß ich.“

„Als wir ihre Sachen zusammenpackten, fand ich beide Armbänder in ihrer Schublade. Ich brachte eines zum Grab und ließ das andere bei Sophie.“

Edward betrachtete das Schmuckstück.

„Aber du hast mir gesagt, dass Lily ihr Armband bei sich hatte.“

Clara senkte den Blick.