Ich nickte, obwohl sie mich nicht sehen konnte.
Genau deshalb vertraute ich Evelyn.
Sie ließ sich nicht von Wut zu unüberlegten Handlungen verleiten.
Und ich würde es ebenfalls nicht tun.
Denn Daniel sollte nicht wegen meiner Vermutungen Konsequenzen tragen.
Er sollte wegen nachweisbarer Tatsachen zur Verantwortung gezogen werden.
***
Um 8:12 Uhr betrat ich mein Büro.
Es lag im hinteren Teil des Hauses, hinter einer schweren Glastür, die ich normalerweise abschloss, wenn ich nicht darin arbeitete.
Auf meinem Schreibtisch standen noch die Blumen, die Daniel mir zur Hochzeit geschenkt hatte.
Daneben lag ein gerahmtes Foto von meinem Vater.
Ich stellte meine Tasche ab und überprüfte den Raum.
Zunächst bemerkte ich nichts Ungewöhnliches.
Dann fiel mir auf, dass die unterste Schublade meines Aktenschranks nicht vollständig geschlossen war.
Ich hatte sie am Vorabend abgeschlossen.
Darin befanden sich keine alltäglichen Unterlagen, sondern Kopien bestimmter Treuhanddokumente, ältere Verträge und eine Liste mit den offiziellen Ansprechpartnern meiner Investmentgesellschaft.
Die Originale waren an einem anderen, gesicherten Ort verwahrt.
Ich berührte die Schublade nicht.
Stattdessen fotografierte ich ihren Zustand und informierte Evelyn.
Anschließend rief ich Marcus Hale an.
Marcus war seit Jahren Finanzvorstand meiner Gesellschaft. Er war einer der wenigen Menschen, die sowohl meine geschäftlichen Verpflichtungen als auch die Schwierigkeiten kannten, die entstehen konnten, wenn private Beziehungen und Unternehmensfinanzen miteinander vermischt wurden.
„Claire“, begrüßte er mich. „Ich hatte gehofft, dich nach den Flitterwochen nicht sofort mit Arbeit belästigen zu müssen.“
„Ich brauche deine Hilfe bei einer vertraulichen Angelegenheit.“
Sein Ton änderte sich.
„Was ist passiert?“
Ich schilderte ihm die Benachrichtigung, die geöffnete Schublade und meine Sorge, dass jemand versucht haben könnte, auf vertrauliche Informationen zuzugreifen.
Ich erwähnte auch, dass Daniel möglicherweise etwas damit zu tun hatte.
„Möglicherweise“, wiederholte Marcus vorsichtig. „Wir werden das nicht als Tatsache behandeln, bevor wir es überprüft haben.“
„Genau das möchte ich.“
„Dann werde ich unser Sicherheitsteam bitten, die relevanten Zugriffsprotokolle zu sichern. Niemand wird etwas löschen oder verändern. Wir prüfen außerdem, ob es ungewöhnliche Anfragen zu deinen Beteiligungen oder zu den Finanzierungsvereinbarungen von Mercer Dynamics gab.“
Bei der Erwähnung seines Unternehmens wurde ich still.
„Marcus, hat Daniel in letzter Zeit versucht, mit jemandem aus unserem Investmentausschuss direkt über zusätzliche Mittel zu sprechen?“
„Ja“, sagte er nach kurzem Zögern. „Vor etwa zwei Wochen. Er wollte eine vorgezogene Entscheidung über eine weitere Finanzierung.“
„Und was hast du ihm gesagt?“
„Dass jede Entscheidung das reguläre Prüfverfahren durchlaufen muss. Sein Unternehmen hat noch offene Bedingungen aus der letzten Vereinbarung.“
Ich sah auf den Bildschirm.
Mercer Dynamics war nicht zahlungsunfähig, aber die finanzielle Lage war angespannt. Das Unternehmen hatte ehrgeizige Projekte begonnen, deren Einnahmen später eingetroffen waren als geplant. Eine weitere Finanzierung konnte sinnvoll sein, doch sie musste auf belastbaren Zahlen beruhen.
„Hat Daniel versucht, diese Bedingungen zu umgehen?“
„Er hat nach einer schnelleren Lösung gefragt. Das allein ist kein Beweis für Fehlverhalten. Aber wir haben nichts genehmigt, was nicht ordnungsgemäß geprüft wurde.“
„Gut. Ändert nichts an den bestehenden Vereinbarungen, nur weil ich dich darum bitte.“
„Das würde ich ohnehin nicht tun“, antwortete Marcus. „Wir behandeln Mercer Dynamics wie jeden anderen Geschäftspartner.“
Ich lehnte mich zurück.
Das war entscheidend.
Ich wollte Daniel weder bestrafen noch retten, indem ich meine Position missbrauchte.
Ich wollte wissen, was geschehen war.
Und ich wollte nicht, dass meine Ehe zu einem Grund wurde, die Regeln zu verändern, nach denen mein Unternehmen arbeitete.
***
Um 9:05 Uhr erschien Daniel in der Tür meines Büros.
Er hatte inzwischen seine Jacke ausgezogen und hielt zwei Tassen Kaffee in den Händen.
Sein Gesichtsausdruck war völlig anders als am Morgen.
„Da bist du ja“, sagte er mit einem leichten Lächeln. „Ich habe dich überall gesucht.“
Ich antwortete nicht sofort.
Er stellte eine Tasse auf den Schreibtisch.
„Ich dachte, wir könnten uns hinsetzen und in Ruhe reden.“
„Du kannst dort stehen bleiben.“
Sein Lächeln wurde schmaler.
„Claire, ich weiß, dass der Morgen nicht ideal gelaufen ist.“
„Nicht ideal?“
„Ich war gestresst. Bei der Arbeit gibt es Probleme, und ich habe schlecht geschlafen.“
„Das erklärt nicht, warum du mich geschlagen hast.“
Er blickte zur Tür, als wollte er sich vergewissern, dass niemand zuhörte.
„Musst du dieses Wort wirklich benutzen?“
Ich starrte ihn an.
„Welches Wort?“
„Geschlagen. Es klingt, als hätte ich dir ernsthaft etwas antun wollen.“
„Du hast mich ins Gesicht geschlagen. Ich beschreibe, was passiert ist.“
Er stellte seine Tasse etwas zu hart ab.
„Ich habe mich bereits entschuldigt.“
„Nein. Du hast mir erklärt, dass ich selbst schuld sei.“
„Das habe ich nicht so gemeint.“
„Dann sag mir, was du gemeint hast.“
Daniel öffnete den Mund.
Doch diesmal kam keine Antwort.
Nach einigen Sekunden zog er einen Stuhl heran und setzte sich, ohne dass ich ihn dazu aufgefordert hatte.
„Ich möchte nicht, dass unsere Ehe wegen eines Streits auseinanderbricht.“
„Dann hättest du mich nicht schlagen dürfen.“
Er rieb sich die Stirn.
„Du verstehst nicht, unter welchem Druck ich stehe.“
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