Auf der Rückseite hatte Randall eine Nachricht geschrieben:
Wenn Henrietta zu dir kommt, höre ihr zu, bevor jemand anderes ihr erzählt, was sie glauben soll.
Ich las den Satz laut vor.
Zum ersten Mal seit Randalls Tod fühlte ich mich nicht vollkommen verlassen.
Es gab etwas, dem ich nachgehen konnte.
Einen Weg, Antworten zu finden.
Doch als ich den letzten Umschlag öffnete, entdeckte ich ein Blatt, das mir den Atem nahm.
Es war eine Kopie eines Dokuments, das nur wenige Tage vor Randalls Tod erstellt worden war.
Darauf stand mein Name.
Und darunter eine Unterschrift, die meiner zum Verwechseln ähnlich sah.
Ich hatte dieses Dokument nie gesehen.
Am unteren Rand befand sich eine handschriftliche Notiz von Randall:
Diese Unterschrift wurde nicht von Henrietta geleistet. Eleanor muss die Originalunterlagen prüfen.
Ich sah Miguel an.
„Jemand hat meinen Namen benutzt.“
Er antwortete nicht sofort.
Dann sagte er ruhig: „Dann sollten Sie nicht länger allein versuchen, das herauszufinden.“
Ich steckte die Unterlagen zurück in die Kassette, nahm die Visitenkarte und verschloss den Raum wieder.
Am Nachmittag rief ich Eleanor Whitcomb an.
Eine Mitarbeiterin nahm ab und erklärte, Frau Whitcomb sei derzeit in einer Besprechung. Als ich meinen Namen nannte, wurde die Frau plötzlich still.
„Henrietta Hathaway?“
„Ja.“
„Einen Augenblick bitte.“
Ich hörte leise Stimmen im Hintergrund.
Dann kam eine andere Stimme ans Telefon.
Eine ältere Frau.
„Henrietta? Mein Name ist Eleanor Whitcomb. Ich habe seit Wochen versucht, Sie zu erreichen.“
Ich setzte mich.
„Warum?“
Eleanor atmete tief ein.
„Weil Ihr Mann mich kurz vor seinem Tod gebeten hat, Ihnen etwas zu übergeben. Ich wusste nicht, ob Sie die Unterlagen erhalten hatten.“
„Ich habe etwas gefunden.“
„Dann müssen wir uns persönlich treffen“, sagte sie. „Bringen Sie bitte sämtliche Dokumente mit, die Sie in der Hütte entdeckt haben. Und unterschreiben Sie bis dahin nichts weiter.“
Ich dachte an Andre und Melissa.
An ihre selbstsicheren Gesichter im Konferenzraum.
An die Art, wie sie mich aus meinem Haus gedrängt hatten, als wäre ich eine Fremde.
„Frau Whitcomb“, fragte ich, „glauben Sie, dass mein Sohn wusste, was in diesen Unterlagen steht?“
Am anderen Ende herrschte Stille.
„Das kann ich Ihnen noch nicht sagen.“
Dann fügte sie hinzu:
„Aber ich glaube, dass Randall Angst davor hatte, was passieren würde, wenn diese Dokumente in die falschen Hände gerieten.“
Als das Gespräch endete, stand ich lange am Fenster.
Draußen half Miguel seiner Tochter dabei, einen kleinen Vogel zu beobachten, der sich auf dem Zaun niedergelassen hatte. Carmen bereitete das Abendessen vor.
Für einen kurzen Moment war die Hütte nicht mehr nur ein Ort, an den ich abgeschoben worden war.
Sie war der Ort, an dem ich begonnen hatte, meine eigene Geschichte zurückzugewinnen.
Doch in diesem Augenblick vibrierte mein Handy.
Eine Nachricht von Andre.
Wir haben erfahren, dass du in der Hütte Dinge durchsuchst. Lass alles dort, wo es ist. Du weißt nicht, was du gefunden hast.
Ich starrte auf die Worte.
Ich hatte ihm nichts von dem geheimen Raum erzählt.
Ich hatte ihm nicht gesagt, dass ich die Kassette geöffnet hatte.
Und ich hatte ganz sicher nicht erwähnt, dass ich mit Eleanor Whitcomb gesprochen hatte.
Langsam legte ich das Handy auf den Tisch.
Dann sah ich zur Tür des kleinen Schranks, hinter der sich der verborgene Raum befand.
Randall hatte gewusst, dass dieser Tag kommen könnte.
Und Andre schien mehr über die Hütte zu wissen, als er je zugegeben hatte.
Fortsetzung folgt …
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