Ich ließ den Brief sinken.

Meine Augen füllten sich mit Tränen.

„Meine Tante wusste, dass ich die Maschine bekommen würde?“

Viktor nickte.

„Sie hat mich vor einigen Monaten besucht. Sie bat mich, die Maschine zu überprüfen und dafür zu sorgen, dass Sie die Unterlagen erhalten, sobald Sie zu mir kommen.“

„Warum hat sie mir nichts gesagt?“

„Sie wollte, dass Sie selbst entscheiden können, was Sie damit machen. Sie wollte Ihnen keine Erwartungen machen.“

Ich sah wieder auf den Brief.

Zum ersten Mal seit der Beerdigung hatte ich das Gefühl, dass meine Tante mir etwas ganz Besonderes hinterlassen hatte.

### Was sich hinter der alten Maschine verbarg

Viktor führte mich in einen kleinen Nebenraum.

An den Wänden hingen alte Fotografien von Schneidereien, Stoffmustern und Menschen, die vor Jahrzehnten in Sofia gearbeitet hatten.

Auf einem Tisch lag eine große Mappe.

„Ihre Tante hat mir diese Unterlagen zur Aufbewahrung gegeben“, erklärte er.

Ich öffnete die Mappe.

Darin befanden sich alte Geschäftspapiere, Fotografien, Briefe und ein notariell beglaubigtes Dokument.

Viktor zeigte auf eine Seite.

„Hier geht es um ein Gebäude in Sofia. Es gehörte ursprünglich meiner Großmutter und wurde später gemeinsam mit Ihrer Tante verwaltet.“

„Ein Gebäude?“

„Ja. Eine ehemalige Schneiderei mit mehreren Räumen. Im Laufe der Jahre wurde sie renoviert und teilweise vermietet.“

Ich blickte ihn verwirrt an.

„Was hat das mit meiner Tante zu tun?“

Viktor setzte sich mir gegenüber.

„Ihre Tante besaß einen Anteil an diesem Gebäude. Sie hat ihn nie verkauft. Stattdessen wurde er über die Jahre rechtlich verwaltet.“

Ich konnte kaum sprechen.

„Und was bedeutet das für mich?“

„Das hängt von den Dokumenten und dem Testament ab. Wir müssen alles durch einen Notar prüfen lassen. Aber Ihre Tante hat offenbar dafür gesorgt, dass ihr Anteil nach ihrem Tod an Sie übergeht.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Das kann nicht sein. Meine Schwester hat die Wohnung bekommen. Sie hat mir sogar gesagt, dass damit alles geregelt sei.“

Viktor betrachtete mich aufmerksam.

„Hat Ihre Schwester Ihnen das Testament gezeigt?“

„Nein. Sie sagte nur, der Notar habe alles erklärt.“

Er runzelte die Stirn.

„Dann sollten Sie sich unbedingt eine vollständige Kopie geben lassen.“

### Die Wahrheit über das Testament

Noch am selben Nachmittag vereinbarte Viktor einen Termin bei einem Notar, der die Unterlagen meiner Tante kannte.

Dort erfuhren wir, dass Margareta tatsächlich zwei unterschiedliche Vermögenswerte hinterlassen hatte.

Die Wohnung war meiner Schwester zugesprochen worden.

Der Anteil an dem ehemaligen Schneidereigebäude war jedoch ausdrücklich mir zugedacht.

Das Gebäude war inzwischen in mehrere Einheiten aufgeteilt. Einige Räume wurden als Werkstätten genutzt, andere als kleine Geschäfte vermietet.

Der Notar erklärte mir, dass ich nicht sofort über alles verfügen könne. Zunächst müssten die Eigentumsverhältnisse und die aktuellen Registereinträge geprüft werden.

Aber eines war klar:

Meine Schwester hatte nicht das gesamte Erbe erhalten.

Ich saß still da.

„Warum hat sie mir nichts davon gesagt?“

Der Notar antwortete vorsichtig:

„Dazu kann ich nichts sagen. Ich kann Ihnen nur erklären, was in den Unterlagen steht.“

Viktor legte seine Hand auf die Mappe.

„Ihre Tante wollte nicht, dass Sie wegen dieses Erbes mit Ihrer Schwester streiten. Sie wollte aber auch nicht, dass Sie glauben, Sie hätten nichts bekommen.“

Ich dachte an Alex.

An seine spöttischen Worte.

An die Tasche vor der Tür.

An seine Behauptung, ich sei nutzlos.

Und plötzlich wurde mir bewusst, wie wenig er über meine Tante und ihr Leben gewusst hatte.

### Als meine Schwester davon erfuhr

Am nächsten Morgen rief mich meine Schwester Daniela an.

„Wo bist du?“, fragte sie ohne Begrüßung.

„Ich bin in Sicherheit.“

„Alex hat gesagt, du seist ausgezogen.“

Ich schwieg.

„Hör zu“, fuhr sie fort. „Ich habe gehört, dass du bei Viktor Andrejew warst.“

Mein Herz begann schneller zu schlagen.

„Woher weißt du das?“

„Das spielt keine Rolle. Was hat er dir erzählt?“

Ich atmete tief durch.

„Dass Tante Margareta mir neben der Nähmaschine auch ihren Anteil am alten Schneidereigebäude hinterlassen hat.“

Am anderen Ende herrschte Stille.

Dann sagte Daniela:

„Das ist unmöglich.“

„Warum?“

„Weil die Wohnung mein Erbe war. Alles andere wurde doch längst geregelt.“

„Hast du das Testament vollständig gelesen?“

Sie antwortete nicht.

Ich fragte erneut:

„Daniela, hast du gewusst, dass Tante Margareta mir noch etwas anderes hinterlassen hat?“

Ihre Stimme wurde schärfer.

„Du solltest nicht alles glauben, was dir irgendwelche Antiquitätenhändler erzählen.“

„Der Notar hat die Dokumente geprüft.“

Wieder Stille.

Dann sagte sie:

„Wir müssen uns treffen.“

### Das Gespräch zwischen zwei Schwestern

Wir trafen uns am Nachmittag in einem kleinen Café.

Daniela erschien in eleganter Kleidung und mit einer teuren Handtasche. Sie sah mich an, als hätte ich etwas getan, das sie nicht verstand.

„Du siehst schrecklich aus“, sagte sie.

Ich blickte auf meine einfache Jacke.

„Ich hatte in den letzten Tagen einiges zu bewältigen.“

Sie bestellte einen Kaffee und kam sofort zur Sache.

„Also, was willst du?“

„Ich will verstehen, warum du mir nichts von dem Gebäude erzählt hast.“