„Was die Götter versiegelt haben, darf kein Mensch öffnen“, lautete sein Befehl.

Doch dann geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte.

## Das Tagebuch des letzten Hohepriesters

Im dreißigsten Jahr nach dem Tod der Königin starb der alte Hohepriester. Kurz vor seinem Tod übergab er seiner Tochter einen kleinen Holzkasten.

Darin befanden sich ein rostiger Schlüssel, ein Siegel aus schwarzem Stein und ein Brief, dessen Umschlag mit dem Zeichen der königlichen Familie versehen war.

Auf dem Brief stand:

„Öffne diesen Brief nur, wenn der König bereit ist, die Wahrheit über jene Nacht zu erfahren.“

Die Tochter brachte den Kasten zum Palast.

Der König ließ die Schriftgelehrten rufen. Als sie den Brief vorsichtig entfalteten, fanden sie darin nur wenige Zeilen:

„Die Königin starb nicht aus den Gründen, die man euch erzählt hat. Die Wächter starben nicht durch einen Fluch. Und die Türen wurden nicht geschlossen, um die Tote zu schützen, sondern damit niemand erfährt, was sie vor ihrem Tod entdeckt hatte.“

Im Audienzsaal herrschte Stille.

Der König las den Brief zweimal.

Dann befahl er, den alten Tempel noch am selben Tag untersuchen zu lassen.

## Ein Raum, den niemand kannte

Am nächsten Morgen versammelten sich Baumeister, Gelehrte, Ärzte und königliche Wachen vor dem Tempel.

Sie untersuchten die Wände, die Säulen und den steinernen Boden. Zunächst fanden sie nichts Ungewöhnliches.

Doch einer der Baumeister bemerkte, dass eine der Statuen nicht genau mit den anderen ausgerichtet war.

Als sie den Sockel untersuchten, entdeckten sie darunter eine schmale Fuge.

Mit großer Mühe bewegten sie die Statue zur Seite.

Darunter kam eine steinerne Treppe zum Vorschein, die tief in die Erde führte.

Die Männer sahen einander erschrocken an.

Auf keiner bekannten Bauzeichnung des Palastes war diese Treppe verzeichnet.

Der König ließ Fackeln bringen und stieg gemeinsam mit den Gelehrten hinab.

Am Ende der Treppe befand sich eine kleine Kammer. In ihrer Mitte stand ein Tisch aus dunklem Holz. Darauf lagen mehrere Schriftrollen, eine zerbrochene Schale und ein silberner Anhänger mit dem Wappen der Königin.

An der Wand stand eine Inschrift:

„Die Wahrheit kann begraben werden. Doch sie stirbt nicht mit denen, die sie bewahren.“

Der älteste Gelehrte begann, die Schriftrollen zu lesen.

Schon nach wenigen Minuten wurde sein Gesicht bleich.

„Mein König“, sagte er schließlich, „diese Aufzeichnungen stammen von der Königin selbst.“

## Was die Königin vor ihrem Tod herausgefunden hatte

Die Schriftrollen enthielten persönliche Notizen der jungen Herrscherin.

Sie beschrieb darin, wie sie wenige Wochen vor ihrem Tod auf Unregelmäßigkeiten in den königlichen Vorräten gestoßen war. Lebensmittel verschwanden, Gelder wurden umgeleitet, und mehrere Dörfer hatten trotz ihrer Abgaben keine Hilfe erhalten.

Zunächst hatte sie geglaubt, es handle sich um Fehler in der Verwaltung.

Dann entdeckte sie Hinweise darauf, dass ein einflussreicher Kreis von Beratern die königlichen Aufzeichnungen manipulierte, um sich selbst zu bereichern.

Die Königin hatte beschlossen, die Angelegenheit öffentlich untersuchen zu lassen.

Doch kurz darauf erkrankte sie plötzlich.

Die damaligen Hofärzte erklärten, ihr Tod sei auf ein schweres Fieber zurückzuführen. Niemand wagte, diese Erklärung infrage zu stellen.

In einer der letzten Notizen stand:

„Wenn mir etwas geschieht, soll man nicht nach einem Fluch suchen. Man soll nach den Menschen suchen, die am meisten davon profitieren, wenn ich schweige.“

Der König legte die Schriftrolle nieder.

Er verstand nun, weshalb die Wahrheit so lange verborgen geblieben war.

Doch eine Frage blieb offen: Was war in jener Nacht mit den zwölf Wächtern geschehen?

## Das Rätsel der zwölf Wächter

Die nächste Schriftrolle enthielt eine Liste der Männer, die in der Todesnacht Dienst gehabt hatten.

Neben jedem Namen stand ein kurzer Vermerk.

Alle zwölf waren Mitglieder einer besonderen Einheit gewesen, die der Königin persönlich die Treue geschworen hatte. Sie waren nicht nur ausgewählt worden, um den Tempel zu bewachen. Sie waren auch Zeugen gewesen, als die Königin ihre letzten Unterlagen versiegelte.

Einige Tage vor ihrem Tod hatte sie ihnen offenbar etwas anvertraut.

Doch was genau, ging aus den Aufzeichnungen nicht hervor.

Der königliche Arzt, der die Leichen damals untersucht hatte, war längst verstorben. Seine ursprünglichen Notizen waren ebenfalls verschwunden.

Die Gelehrten untersuchten deshalb die überlieferten Berichte erneut.

Darin fand sich ein Detail, das bisher kaum beachtet worden war: Als die Tempeltüren am Morgen geöffnet wurden, hatten mehrere Zeugen einen ungewöhnlichen Geruch wahrgenommen. Außerdem waren die Fackeln in der Halle fast vollständig heruntergebrannt gewesen.

Das bewies keinen Fluch und auch keine bestimmte Todesursache.

Es machte jedoch eine andere Erklärung denkbar: In der abgeschlossenen Kammer könnten gefährliche Bedingungen entstanden sein. Ohne ausreichende Belüftung können Verbrennungsprodukte von Feuerstellen und Fackeln lebensgefährlich werden. Die genaue Ursache ließ sich nach so langer Zeit nicht mehr feststellen.

Aber warum hatte niemand versucht, die Türen zu öffnen?

Der jüngste Gelehrte entdeckte in einer Randnotiz des damaligen Tempelprotokolls einen möglichen Hinweis.

Die Wächter hatten vor dem Ritual einen Eid abgelegt, nach dem sie den Tempel unter keinen Umständen verlassen durften, solange die königliche Totenwache andauerte.