Am wichtigsten war jedoch nicht der Lieferwagen, sondern eines der Telefone, auf dem die Spur eines gelöschten Anrufs an eine Nummer erhalten geblieben war, die über eine Scheinfirma im Zentrum von Kyjiw registriert worden war.
Die Firma gehörte einem ehemaligen Mitarbeiter Kolesniks, erhielt aber seit acht Monaten Geld aus einer völlig anderen Quelle, die mit meinem eigenen Geschäft verbunden war.
Als Oksana das zum ersten Mal aussprach, verstummte Marco, und ich empfand eine noch größere Kälte als in jener Nacht neben dem blutbefleckten Marmorboden des Hauses.
Die Zahlungen kamen von einer Sicherheitsberatungsfirma, der ich persönlich die Überprüfung von Routen, Kameras und Personal in all meinen legalen Einrichtungen anvertraut hatte.
Ihr Direktor war Anton Saveliev, ein Mann, der fast sieben Jahre lang zu meinem engsten Kreis gehört und jedes Ostern an meinem Tisch gesessen hatte.
Ich befahl nicht, ihn zu mir zu bringen, obwohl Marco genau darauf wartete, sondern rief den Anwalt an und übergab die Informationen noch am selben Abend offiziell an die Ermittlerin.
Oksana bat darum, Anton nicht zu warnen, weil die finanzielle Verbindung auch eine rechtmäßige Bezahlung externer Dienstleistungen darstellen konnte und der Zweck der Zahlungen erst geprüft werden musste.
Sie forderte außerdem die Zutrittsprotokolle meines Hauses an und entdeckte etwas Merkwürdiges: In der Nacht des Angriffs hatte jemand vorübergehend eine Außenkamera in der Nähe des Dienstbotenausgangs ausgeschaltet.
Die Abschaltung dauerte zweiundzwanzig Minuten und fiel genau in die Zeit, in der Emma ihre Schicht beendet hatte und allein auf dem Weg zu ihrer nächsten Arbeitsstelle war.
Das System registrierte eine Administratoranmeldung über Marcos Konto, obwohl Marco sich zu diesem Zeitpunkt mit mir am anderen Ende der Stadt befand.
Das technische Protokoll zeigte, dass sein Passwort aus der Ferne von einem Gerät benutzt worden war, das sich bereits zuvor mit dem internen Sicherheitsnetz des Hauses verbunden hatte.
Bei diesem Gerät handelte es sich um ein Tablet, das offiziell Anton Saveliev für monatliche Kamerakontrollen und Notfalleinstellungen unserer Einrichtungen gemäß Vertrag zugewiesen worden war.
Marco sah aus, als wolle er Antons Büro sofort verwüsten, doch ich erinnerte ihn an seine eigenen Worte im Krankenhaus über den wahren Preis eigenmächtigen Handelns.
Wir übergaben die Tablet-Protokolle den Ermittlern und warteten auf den Durchsuchungsbeschluss, woraufhin die Polizei die Büros der Sicherheitsfirma ohne Beteiligung meiner Leute durchsuchte.
Dort fanden sie Sicherungskopien der Routen des Hauspersonals, Schichtpläne und Fotos der Dienstuniformen, darunter eine Nahaufnahme des Familienwappens auf Emmas Brust.
Außerdem wurde ein Nachrichtenaustausch mit einem unbekannten Kontakt gefunden, in dem der Gesprächspartner fragte, welcher Mitarbeiter nach einer Nachtschicht regelmäßig allein zu Fuß nach Hause gehe.
Anton antwortete, die Reinigungskraft sei ein sichereres Ziel als die anderen, weil sie keinen Schutz habe, selten ein Taxi rufe und nach der Arbeit zusätzliche Trinkgelder brauche.
Ich las diese Zeile dreimal und begriff, dass Emma nicht zufällig ausgewählt worden war, sondern gerade wegen ihrer Armut und ihrer vorhersehbaren Route.
Doch der Nachrichtenaustausch bewies noch nicht, dass Anton die Prügel in Auftrag gegeben hatte, weshalb Oksana weiter nach einer Verbindung zwischen ihm, den Angreifern und dem Namen Kolesnik suchte.
Der erste Verdächtige wurde vier Tage später in der Nähe einer Autowerkstatt festgenommen, und das Schlangentattoo entsprach tatsächlich der Beschreibung, die Emma im Krankenhaus gegeben hatte.
Er hieß Denis Larin und hatte früher kleinere Aufträge für Kolesniks Leute erledigt, gehörte aber seit fast einem Jahr nicht mehr zu ihrer Gruppe.
Zunächst schwieg Denis, dann gestand er seine Beteiligung an dem Angriff, erklärte jedoch, ihm sei ausdrücklich befohlen worden, den Namen Kolesnik vor der Zeugin mehrmals auszusprechen.
Seinen Angaben zufolge wollte der Auftraggeber, dass ich sofort an die Rache eines Rivalen glaubte und meine gesamte Wut in eine vorher festgelegte Richtung lenkte.
Denis selbst erhielt seine Anweisungen über einen Mittelsmann und hatte Anton nur ein einziges Mal gesehen, als dieser ihm ein Foto der Uniform und eine Skizze von Emmas üblicher Route übergab.
Diese Aussagen mussten bestätigt werden, doch die Polizei verfügte bereits über Banküberweisungen, digitale Protokolle und Fotos des Personals meines Hauses, die im Büro gefunden worden waren.
Der zweite Angreifer wurde später festgenommen und erzählte unabhängig davon eine ähnliche Geschichte, obwohl er versuchte, seine eigene Rolle in den Ereignissen jener Nacht deutlich herunterzuspielen.
Oksana warnte mich, dass die Kooperation der Verdächtigen ihre Aussagen nicht automatisch wahr mache, weshalb jedes wichtige Detail weiter überprüft wurde.
Parallel dazu stellte sich heraus, dass Anton mehrere Jahre lang heimlich Informationen über meine Transporte, Treffen und Sicherheitssysteme über Mittelsmänner an verschiedene Gruppen verkauft hatte.
Er war weder Kolesnik noch dessen Feinden treu, denn er verkaufte Informationen an jeden, der genug zahlte und versprach, die Quelle nicht preiszugeben.
Warum er jedoch einen Angriff auf Emma brauchte, wenn ihm bereits der gewöhnliche Verkauf von Informationen Geld einbrachte, blieb für die Ermittler zu diesem Zeitpunkt völlig unklar.
Die Antwort kam nach einer internen Prüfung, auf deren Durchführung Lucia in allen legalen Unternehmen bestand, die mit Sicherheitsverträgen und dem Einkauf von Ausrüstung verbunden waren.
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