***
Zwei Tage später rief Robert mich in sein Arbeitszimmer.
Auf seinem Schreibtisch lag eine ausgedruckte E-Mail.
„Ich habe versucht, den Mann auf dem Foto zu identifizieren“, sagte er. „Sein Name taucht in alten Geschäftsunterlagen auf.“
Ich trat näher.
Unter dem Foto stand ein Name, den ich noch nie gehört hatte: Daniel Whitmore.
Robert erklärte, Daniel sei früher Geschäftspartner von Claires Mann gewesen. Nach Claires Tod sei die gemeinsame Firma aufgelöst worden. Einige finanzielle Unterlagen seien später verschwunden.
„Und das Bankdokument?“, fragte ich.
„Es könnte mit diesen Vorgängen zusammenhängen. Aber wir brauchen jemanden, der die Unterlagen fachkundig prüft.“
Ich sah erneut auf das Foto.
Claire hatte mir nie von Daniel erzählt.
Warum hatte sie ausgerechnet ihn fotografiert?
Und warum hatte sie Angst gehabt, dass jemand von ihrer Suche erfahren könnte?
Bevor ich etwas sagen konnte, klingelte mein Telefon.
Eine unbekannte Nummer.
Ich nahm ab.
„Spreche ich mit der Schwester von Claire?“, fragte eine ältere Männerstimme.
„Ja. Wer ist da?“
Am anderen Ende herrschte kurz Stille.
„Mein Name ist Daniel Whitmore. Ich habe gehört, dass Amelia einige Unterlagen ihrer Mutter gefunden hat.“
Ich setzte mich langsam.
„Woher wissen Sie das?“
„Weil ich seit mehr als zwanzig Jahren darauf warte, dass jemand die richtigen Fragen stellt.“
Mein Herz schlug bis zum Hals.
„Was wollen Sie uns sagen?“
Seine Antwort ließ mich erstarren.
„Ihre Schwester hat mich kurz vor ihrem Tod angerufen. Sie wollte Ihnen die Wahrheit über das Geld erzählen. Aber sie hatte Angst, dass ihr Mann davon erfahren würde.“
Ich presste das Telefon fester ans Ohr.
„Und was ist mit dem Tag passiert, an dem sie starb?“
Daniel schwieg lange.
Dann sagte er:
„Ich weiß nicht, was Ihnen damals erzählt wurde. Aber ich weiß, dass Claire an diesem Tag einen Termin mit mir vereinbart hatte. Sie wollte Ihnen etwas übergeben.“
„Was?“
„Ein Dokument, das beweisen könnte, warum sie so verzweifelt versucht hat, Sie wiederzusehen.“
Ich schloss die Augen.
Dreiundzwanzig Jahre lang hatte ich geglaubt, meine Schwester sei einfach aus meinem Leben verschwunden.
Jetzt erfuhr ich, dass sie offenbar bis zuletzt versucht hatte, zu mir zurückzukehren.
„Können wir uns treffen?“, fragte ich.
„Ja“, antwortete Daniel. „Aber ich muss Sie warnen. Wenn Sie diese Geschichte wirklich aufdecken wollen, werden Sie vielleicht Dinge erfahren, die Ihre Familie lieber vergessen hätte.“
Als das Gespräch endete, stand Amelia in der Tür.
Sie hatte jedes Wort gehört.
„Was hat er gesagt?“
Ich sah sie an und wusste, dass es kein Zurück mehr gab.
„Deine Mutter hatte offenbar vor, uns etwas Wichtiges zu erzählen.“
Amelia griff nach meiner Hand.
„Dann hören wir ihr jetzt zu.“
Und zum ersten Mal seit dreiundzwanzig Jahren hatte ich das Gefühl, dass Claire nicht länger nur eine Erinnerung war.
Sie hatte uns eine Spur hinterlassen.
Und wir waren endlich bereit, ihr zu folgen.
**Doch als wir Daniel Whitmore am nächsten Tag trafen, legte er ein Dokument auf den Tisch, das eine noch viel beunruhigendere Frage aufwarf:**
**Warum hatte Claires Mann wenige Tage vor ihrem Tod eine große Geldsumme überwiesen – und an wen war das Geld tatsächlich gegangen?**
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