Zuerst stand sie einfach auf und irrte im Zimmer umher. Dann begann sie, in den Flur hinauszugehen. Ein paar Nächte zuvor hatte Richard sie in der Nähe der Treppe gefunden.

Doch in der Nacht zuvor war das Schlimmste geschehen.

Im Schlaf ging Sofia ins erste Stockwerk hinunter, öffnete die Tür zum Hof ​​und ging direkt zum Swimmingpool.

Sie stieg ins Wasser, ohne aufzuwachen.

Deshalb waren ihre Kleidung und ihr Bett am Morgen nass.

Richard schaffte es, sie rechtzeitig herauszuziehen.

— Warum hast du mir nichts gesagt?, flüsterte Sofia.

„Weil du Angst vor mir hattest“, antwortete er. „Hätte ich dir gesagt, dass ich jede Nacht über dich wache, hättest du das Schlimmste angenommen. Ich wollte dich heute zum Arzt bringen.“

Noch am selben Tag wandte sich Sofia an einen Arzt. Nach der Untersuchung stellte sich heraus, dass die Episoden möglicherweise mit ihren Schlafmitteln, insbesondere unter starkem Stress, zusammenhingen. Ihre Behandlung wurde angepasst, und die Tabletten, nach deren Einnahme das Schlafwandeln begonnen hatte, wurden unter ärztlicher Aufsicht abgesetzt.

Nach einigen Wochen hörten die Episoden auf.

# TEIL 2: DIE KAMERA ZEIGTE NUR DIE HALBE WAHRHEIT – SOFIA ENTDECKTE, DASS RICHARD SEIT JAHREN EIN GEHEIMNIS MIT SICH HERUMTRUG

Einige Wochen waren vergangen, seit Sofia und Richard den Arzt aufgesucht hatten. Die nächtlichen Vorfälle waren nicht wieder aufgetreten. Sofia schlief wieder ruhiger, und die Angst vor dem eigenen Schlafzimmer ließ langsam nach.

Doch etwas hatte sich verändert.

Sie betrachtete Richard nicht mehr nur als den älteren Mann, den sie aus finanzieller Not geheiratet hatte. Er hatte ihr in einer gefährlichen Situation geholfen, ohne etwas dafür zu verlangen.

Trotzdem blieb eine Frage offen.

Warum hatte Richard so viel Angst davor gehabt, ihr die Wahrheit zu sagen?

Eines Abends saßen sie gemeinsam im Wintergarten. Sofia stellte ihre Tasse ab und sah ihn an.

„Richard, ich möchte dich etwas fragen.“

Er legte die Zeitung beiseite.

„Natürlich.“

„Du hast gesagt, du wolltest mich nicht erschrecken. Aber warum hast du mir nicht einmal am nächsten Morgen erzählt, was passiert war? Ich hätte es wissen müssen.“

Richard schwieg.

Dann stand er auf, ging zu einem alten Schreibtisch und holte eine kleine Schachtel hervor.

„Weil ich selbst nicht wusste, wie ich damit umgehen sollte. Und weil mich etwas an deiner Situation an meine erste Frau erinnert hat.“

Sofia sah ihn überrascht an.

Richard öffnete die Schachtel. Darin lagen mehrere alte Fotografien und ein gefalteter Brief.

„Meine erste Frau hieß Anna. Sie litt viele Jahre unter schweren Schlafproblemen. Damals wusste ich nicht, wie ich ihr helfen sollte. Ich habe zu lange geschwiegen und geglaubt, ich könnte alles allein lösen.“

Er reichte Sofia ein Foto.

Darauf war eine lächelnde Frau vor dem Haus zu sehen.

„Ich wollte denselben Fehler nicht noch einmal machen“, sagte Richard leise.

Sofia betrachtete das Bild.

„Aber du hast trotzdem entschieden, was ich wissen darf und was nicht.“

Richard senkte den Blick.

„Du hast recht.“

Zum ersten Mal entschuldigte er sich nicht mit seinem Alter, seiner Erfahrung oder seinen guten Absichten.

„Ich hätte dich sofort informieren und gemeinsam mit dir Hilfe organisieren müssen.“

Sofia nickte langsam.

„Ich möchte nicht, dass du mich beschützt, indem du mir die Wahrheit vorenthältst.“

Richard versprach, künftig offen mit ihr zu sprechen.

Doch damit war die Geschichte noch nicht beendet.

Am nächsten Nachmittag erhielt Sofia einen Anruf von ihrer Mutter. Ihre Stimme klang ungewöhnlich aufgeregt.

„Sofia, ich habe heute einen Brief bekommen. Er ist von der Bank. Es geht um die Schulden deines Vaters.“

Sofia runzelte die Stirn.

„Aber Richard hat doch alles bezahlt.“

„Das dachte ich auch. Doch in dem Schreiben steht, dass ein Teil der Forderungen bereits Monate vor deiner Hochzeit beglichen worden sein soll.“

Sofia wurde still.

„Von wem?“

„Das weiß ich nicht. Aber dein Vater hatte offenbar eine Vereinbarung mit einer Firma, die zu Richards Unternehmensgruppe gehört.“

Sofia beendete das Gespräch und ging direkt zu Richard.

Als sie ihm den Brief zeigte, veränderte sich sein Gesichtsausdruck.

„Du kennst diese Vereinbarung“, sagte sie.

Richard setzte sich.

„Ja.“

„Warum hast du mir davon nichts erzählt?“

Er brauchte einen Moment, bevor er antwortete.

„Dein Vater und ich kannten uns.“

Sofia blickte ihn ungläubig an.

„Was?“

Richard erklärte, dass er ihren Vater viele Jahre zuvor bei einem Bauprojekt kennengelernt hatte. Damals hatte Richards Unternehmen einen Fehler gemacht, der für eine kleine Firma große finanzielle Folgen gehabt hatte. Sofias Vater hatte die Verantwortung nicht auf andere abgewälzt und war trotz seiner schwierigen Lage fair geblieben.

Richard hatte ihm versprochen, seiner Familie zu helfen, falls er eines Tages nicht mehr da sein sollte.

„Als dein Vater starb, erfuhr ich, wie ernst eure finanzielle Lage geworden war“, sagte Richard. „Ich wollte mein Versprechen halten.“

Sofia schüttelte langsam den Kopf.

„Und deshalb hast du mich geheiratet?“

„Nein. Ich habe dir einen Antrag gemacht, weil ich dich kennenlernen wollte und weil ich hoffte, dass wir vielleicht eine gemeinsame Zukunft aufbauen könnten. Aber ich hätte dir sagen müssen, dass ich deinen Vater kannte.“